Türkei Proteste Diyarbakir | Bildquelle: AP

Anhaltende Kämpfe zwischen Armee und PKK Droht der Türkei ein Bürgerkrieg?

Stand: 18.12.2015 16:30 Uhr

Der Südosten der Türkei wird immer mehr zum Kriegsgebiet. Tausend fliehen schon vor der anhaltenden Gewalt zwischen der Armee und den Kämpfern der kurdischen PKK. Und beide Seiten rüsten weiter kräftig auf.

Reinhard Baumgarten, SWR, ARD-Studio Istanbul

Alltag im Südosten der Türkei. Feuergefechte zwischen türkischen Sicherheitskräften und PKK-Guerillas. Die Lage droht zu eskalieren. Beide Seiten zeigen sich entschlossen, die Schraube der Gewalt um einige Windungen weiter zu drehen.

Trauerzug in Diyarbakir am 15.12.2015 | Bildquelle: AFP
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In Diyarbakir werden zwei kurdische Männer beerdigt. Sie wurden am 14.12.2015 bei Auseinandersetzungen zwischen Kurden und türkischen Sicherheitskräften erschossen.

In mehrheitlich von Kurden bewohnten Städten wie Cizre, Silopi, Şirnak, Yüksekova und Teilen von Diyarbakir wird täglich gekämpft und getötet. Allein gestern kamen zwei Dutzend Menschen um. Ankara sagt, sie seien Terroristen gewesen.

Der kurdische Parlamentsabgeordnete Idris Baluken bewertet die Situation ganz anders. Er sagt, der Staat habe seinem eigenen Volk den Krieg erklärt. Er spricht von Fotos, die zeigten, wie Panzer auf Gebäude und Einrichtungen der Zivilbevölkerung schießen. So etwas habe einen Namen: Krieg.

Vielerorts wird gegen die eskalierende Gewalt auf der Straße protestiert. Die Menschen halten den Druck auf das kurdische Volk für falsch. Ihnen reicht es. Sie wollen Frieden.

Seit gut zwei Wochen rufen Ankara und die PKK Bürger dazu auf, bestimmte Gebiete und Städte zu verlassen, weil eine intensive Konfrontation bevorstehe. Die türkische Armee schafft immer mehr Panzer und schweres Gerät in die Kurdengebiete. Die PKK bereitet sich offenbar gezielt auf einen Guerilla-Krieg in den Städten vor.

Regierungschef Davutoğlu verkündet: "Wer versucht im Südosten der Türkei Zustände wie in Syrien oder im Irak zu schaffen, dem sei gesagt: Die Regierung hat den Sicherheitskräften klare Anweisungen erteilt. In Cizre, in Silopi, in allen Bezirken und jedem Quadratmeter des Landes wird solange weiter operiert, bis komplette Ruhe, Ordnung und Freiheit einkehren."

Trauerzeremonie für drei getötete Polizisten in Ankara am 16.12.2015 | Bildquelle: AFP
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Tote beklagen auch die türkischen Sicherheitskräfte: drei Polizeioffiziere wurden am 15.12.2015 bei einem Autobombenanschlag im Silvan-Distrikt getötet.

"Ihr werdet in euren Schützengräben versinken", verspricht Präsident Erdoğan der PKK-Guerilla. Der Kampf gehe weiter bis alles "blitzeblank sauber“ sei.

Vielerorts sind die Schulen geschlossen. Rund 3000 Lehrer erhielten Medienberichten zufolge eine Nachricht, in ihre Heimatstädte zu gehen und an Fortbildungsmaßnahmen teilzunehmen. Ein Schüler in Cizre sagt dazu: "Wir sind hier auf dem Schulhof. Frau Lehrerin, wo sind sie? Wir fürchten uns und können nachts nicht schlafen. Wir kommen jeden Morgen in den Schulhof, aber unsere Lehrer sind nicht da."

Innenminister Efkan Alan begründet das Vorgehen der Regierung damit, dass man 2240 Waffen, darunter 862 schwere Waffen, 10.000 Molotow-Cocktails und 10,5 Tonnen Sprengsätze sichergestellt habe.

Ausgebranntes Buswrack nach schweren Auseinandersetzungen in Diyarbakir | Bildquelle: AFP
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Das ausgebrannte Wrack eines Busses nach schweren Auseinandersetzungen in Diyarbakir

Die Regierung hat inzwischen fast ein Informationsmonopol, nachdem regierungskritische Medien ausgeschaltet und etliche Journalisten verhaftet wurden. Die parlamentarische Opposition finde in der Öffentlichkeit kaum Gehör, beklagt Haluk Koç von der größten Opposositionspartei CHP und warnt: "Der Staat muss im Rahmen des Rechts operieren, sonst gießt er Öl ins Feuer und fördert den Terrorismus, anstatt ihn zu bekämpfen."

Mehr als 40.000 Menschenleben hat der Konflikt in 31 Jahren gefordert. Und täglich kommen neue Tote dazu.

Droht der Türkei ein Bürgerkrieg?
Reinhard Baumgarten, ARD Istanbul
18.12.2015 15:29 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 18. Dezember 2015 um 12:40 Uhr im Deutschlandfunk.

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