In Diyarbakir beweinen Menschen den Tod einer Frau nach den ständigen Auseinandersetzungen zwischen Türkei und Kurden. | Bildquelle: AFP

Verzweiflung über türkische Militäroffensive gegen PKK "Wir wollen in Frieden leben"

Stand: 06.01.2016 20:33 Uhr

Im Südosten der Türkei sind die Menschen verzweifelt: Seit mehreren Wochen geht die Türkei hier massiv gegen mutmaßliche Kämpfer der PKK vor. Die Leidtragenden sind oft Kinder, Frauen und Männer, die in der Region leben.

Von Thomas Bormann, ARD-Studio Istanbul

Es nimmt kein Ende. Seit Wochen hallt pausenlos der Donner der Geschütze durch die Straßen der Stadt Cizre. Ganze Stadtviertel sind abgeriegelt, Wohnhäuser sind zu Ruinen zerschossen. "Seit 22 Tagen haben wir hier keinen Strom, kein Wasser und nichts zu essen", sagt eine 16 Jahre junge Frau in Cizre. "Wir werden hier noch verhungern. Jetzt muss endlich Schluss sein. Wir wollen keinen Krieg. Wir wollen in Frieden leben - mit gleichen Rechten wie alle Bürger."
"Sie zerstören unsere Häuser", klagt eine ältere Frau. "Wir können nicht mehr. Wir sind am Ende. Wir mussten schon aus unserem Dorf flüchten vor all den Granaten. Jetzt gehen wir hier in der Stadt schon wieder durch diese Hölle. Wir wissen nicht, wo wir hingehen sollen."

Türkische Regierung will ihren Kurs fortsetzen

Aber die türkische Regierung bleibt hart und sagt: Die Militär-Operation werde erst enden, wenn alle Terroristen getötet oder gefangen seien. Solange also wird die türkische Armee noch mit Panzern durch Wohnviertel patrouillieren und auf mutmaßliche PKK-Kämpfer schießen, die sich in Wohnungen verschanzt haben sollen. Nach Angaben der Armee sind allein in den vergangenen drei Wochen fast 300 Kämpfer getötet worden.

"Falsch", sagen Einwohner, unter den Getöteten seien auch viele Kinder, sogar ein drei Monate altes Baby: "Wie kann ein Baby in der Wiege ein Terrorist sein", fragt eine Frau, die aus ihrer Wohnung in Cizre geflüchtet ist und seit einigen Tagen mit ihrer Familie in einer Moschee Schutz gefunden hat: "Es ist eine Schande. Warum tut Erdogan uns das an? Ich habe vier Kinder, die schreien nach Milch."

Türkische Einsatzkräfte in der Stadt Sirnak | Bildquelle: AFP
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Türksicher Panzer bei der Offensive in Cizre im Dezember.

Krieg gegen die eigene Bevölkerung?

Politiker der pro-kurdischen Partei HDP werfen dem türkischen Präsidenten Erdogan vor, in den kurdischen Städten im Südosten der Türkei einen Krieg gegen die eigene Bevölkerung zu führen. Erdogan aber dreht den Spieß um und sagt: Die PKK-Terroristen seien Schuld. Sie würden in den Städten Schützengräben ausheben, Barrikaden errichten und auf Sicherheitskräfte schießen.

Etlichen Abgeordneten der pro-kurdischen Partei HDP gibt Erdogan eine Mitschuld, weil die sich auf die Seite der PKK gestellt hätten. Diesen Abgeordneten drohte Erdogan gestern: "Die Abgeordneten dürfen ihre Immunität nicht dazu missbrauchen, eine Terror-Organisation zu schützen. Diesen Missbrauch darf das Parlament nicht länger dulden. Ich denke, das Parlament und die Justiz haben die Pflicht, gegen Abgeordnete vorzugehen, die sich wie Mitglieder einer Terror-Organisation verhalten." Erdogan droht den Abgeordneten der HDP mit Aufhebung der Immunität, mit Strafe und Haft; gleichzeitig weist er jede Kritik an der Armee zurück.

alt Ein vermummter Kämpfer der PKK | Bildquelle: AFP

Die PKK

Die PKK kämpft für einen eigenen Staat der Kurden oder zumindest ein Autonomiegebiet im Südosten der Türkei. In einem Guerillakrieg sind seit 1984 laut Schätzungen 40.000 Menschen getötet worden. Das Hauptquartier der PKK befindet sich in den nordirakischen Kandil-Bergen. Mit der türkischen Regierung wurde ein Waffenstillstand vereinbart, den aber beide Seiten inzwischen wieder aufkündigten. Die Beziehungen zur AKP-Regierung sind angespannt.

Die EU, die USA, die Türkei, der Irak und weitere Staaten stufen die PKK als terroristische Vereinigung ein. Die deutsche Organisation der PKK wurde 1993 vom Bundesinnenministerium verboten.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hingegen teilt die Vorwürfe Tausender Bewohner der Städte Cizre, Silopi oder Diyarbakir, nach denen das Vorgehen der türkischen Armee unangemessen hart sei und schon viele Zivilisten das Leben gekostet habe. Damit müsse sofort Schluss sein. Beide Seiten, die Armee und die PKK, sollten sofort die Waffen niederlegen, fordert Human Rights Watch im Namen Tausender Menschen in den umkämpften Städten im Südosten der Türkei.

Militäroperation gegen PKK
T. Bormann, ARD Istanbul
26.12.2015 12:37 Uhr

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