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In der Ukraine, Russland und Weißrussland ist in Gottesdiensten an die Atomkatastrophe von Tschernobyl erinnert worden. Im Mittelpunkt des Gedenkens standen abermals die Liquidatoren, die am Unglücksreaktor zu Aufräumarbeiten eingesetzt waren. Der überschwängliche Dank klang in ihren Ohren wie Hohn.
Von Heide Rasche, ARD-Hörfunkstudio Moskau, zzt. Kiew
Das Läuten der Tschernobyl-Glocke an der Kiewer Michaels-Kirche um Punkt 01:23 Uhr Ortszeit kennzeichnete den offiziellen Beginn der Gedenkfeierlichkeiten in der Ukraine, Russland und Weißrussland. Diese Länder waren vor 25 Jahren am stärksten von der Tschernobyl-Katastrophe betroffen. Hunderte Menschen hatten sich in Kiew versammelt, um gemeinsam mit dem Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Kyrill, der Opfer zu gedenken. Der Menschen, die ihr Leben und ihre Gesundheit aufs Spiel setzten, um die Folgen der Katastrophe so gering wie möglich zu halten.
"Die Welt kannte bis dahin in Friedenszeiten keine Katastrophe, die mit den Geschehnissen in Tschernobyl vergleichbar ist", sagte Kyrill. "Die Wissenschaftler sagen, dass der Schaden, der den Menschen und der Umwelt zugefügt wurde, vergleichbar ist mit dem Schaden, den 500 Bomben auf Hiroshima verursacht hätten. Es ist schwer zu sagen, wie diese Katastrophe geendet wäre, hätte es diese Menschen nicht gegeben."
Der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch verwies darauf, dass vor 25 Jahren Liquidatoren aus der Ukraine, aus Weißrussland und Russland im Einsatz waren. "Heute konnte sich die ganze Welt davon überzeugen, dass solche Katastrophen keine Grenzen kennen. Ein bitteres Beispiel dafür ist Fukushima. Heute konnte sich die ganze Welt überzeugen, dass kein einziges Land allein gegen eine solche Katastrophe kämpfen kann."
Janukowitsch gedachte in einem Appell der "Helden", die als erste nach Tschernobyl kamen und quasi mit bloßen Händen die Katastrophe abwenden wollten. Janukowitsch erklärte, er verneige sich vor dem Mut der Männer und Frauen von Tschernobyl, sie hätten die Ukraine und die Welt vor schrecklichem Unheil bewahrt. Er versprach, alles möglich zu machen, um ihr Leben zu verbessern.
Für viele der ehemaligen Liquidatoren, viele von ihnen von schweren Krankheiten gezeichnet, klingen diese Worte wie Hohn, werden ihre ohnehin spärlichen Renten seit einiger Zeit doch immer stärker gekürzt. Außerdem fehlt es nach wie vor an ausreichender medizinischer Versorgung.
600.000 offiziell anerkannte Liquidatoren gibt es, das heißt, ihnen steht wenigstens die minimale finanzielle Unterstützung des Staates zu. Heute wird in allen Festreden an sie erinnert. Einige Hundert trafen sich in der Nacht in Kiew an der Michaels-Kirche zum alljährlichen Gedenkgottesdienst. Unter ihnen war Ludmilla, auch sie arbeitete in Tschernobyl als Liquidatorin. "Nur in den vergangenen beiden Jahren bin ich nicht gekommen, da war ich krank", erzählt sie. "Aber ich danke Gott, dass er mir die Gesundheit wiedergegeben hat, um hierher zu kommen. Mein Mann starb fünf Jahre nach der Katastrophe. Möge Gott allen Gesundheit geben. Das ist das wichtigste. So was sollte sich nie mehr wiederholen."
Ludmilla kommen immer noch die Tränen, wenn sie an diesen Moment denkt, der ihr Leben so sehr veränderte. Ihr Leben und das tausend anderer Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, die krank wurden.
Auch in anderen Städten der Ukraine, Weißrusslands und Russlands gedachten die Menschen der Katastrophe von Tschernobyl. Doch auch wenn sich laut einer aktuellen Umfrage fast 70 Prozent der Ukrainer gegen den Bau neuer Kernkraftwerke ausgesprochen haben und weißrussische Liquidatoren in einem Appell an die Nachkommen erklärten, Atomenergie sei eine gefährliche Energiequelle für die Menschen und die Umwelt - die Ukraine, Russland und Weißrussland setzen weiter auf Kernkraftwerke.
Kremlchef Dimitri Medwedjew kündigte in der Sperrzone rund um das Kraftwerk eine russische Initiative für weltweit mehr Reaktorsicherheit an. Und er forderte absolute Offenheit. "Angesichts solcher Gefahren müssen wir ehrlich sein. Die Pflicht eines Staates besteht darin, den Menschen die Wahrheit zu sagen. Man muss zugeben, dass der Staat sich nicht immer richtig verhalten hat. Damit sich solche Tragödien nicht wiederholen, müssen wir alle ehrlich sein. Wir müssen absolut genaue Informationen darüber geben, was geschieht." Die Geschehnisse in Tschernobyl und jetzt im japanischen Atomkraftwerk Fukushima machten neue internationale Regeln für die zivile Nutzung der Atomenergie zwingend notwendig. Derartige Katastrophen dürften sich niemals wiederholen.
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