Romafeindlichkeit in Tschechien wächst Nur ein Funke fehlt zur Gewalt

Stand: 17.09.2013 22:13 Uhr

Tschechiens Rechtsextreme wittern Morgenluft. Die anhaltende Wirtschaftskrise verschafft ihnen Zulauf. Immer bedrohlicher machen sie Stimmung gegen die Minderheit der Roma im Land. Und kaum einer wagt es, sich ihnen entgegenzustellen.

Von Stefan Heinlein, ARD-Hörfunkstudio Prag

Pavlina Matiova singt das Requiem für Auschwitz. Ihr Auftritt auf der großen Bühne des Prager Rudolfinums ist eine Besonderheit. Die 24-jährige Künstlerin ist die erste und einzige Roma-Opernsängerin in Tschechien. Sie selbst nennt ihren Auftritt "eine große Ehre". Sie sei "so glücklich, dort als Roma-Frau auf der Bühne zu stehen".

Aufgewachsen ist Matiova in der nordböhmischen Kleinstadt Rokycany. Nur wenige Roma haben dort eine höhere Schulbildung und ein festes Einkommen. Fast alle leben von Sozialhilfe in den ärmlichen Siedlungen am Stadtrand.

Doch auch dort fühlen sie sich nicht mehr sicher seit jedes Wochenende Nazi-Gruppen aufmarschieren. Auch die Familie von Matiova hat Angst. Direkt an ihrem Fenster seien die Extremisten vorbeimarschiert: "Wir haben uns hinter den Vorhängen versteckt. Ein schreckliches Gefühl. Niemand weiß, wie das alles endet."

Rechtsradikale demonstrieren in Pilsen (Tschechien) gegen die Minderheit der Roma (Bildquelle: REUTERS)
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Am 24. August 2013 gingen in Pilsen Rechtsradikale gegen Roma auf die Straße...

Demonstration gegen Rechtsextreme und Rassismus in Pilsen (Tschechien) (Bildquelle: REUTERS)
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...doch ihnen stellten sich Menschen entgegen, die Rassismus ablehnen. Die Polizei hielt die Gruppen auseinander.

Marschieren gegen die Minderheit

Seit der europäischen Wirtschaftskrise steigt die ohnehin hohe Arbeitslosigkeit in den strukturschwachen Regionen des Landes. Rechtsradikale Gruppen machen dort seit Monaten gezielt Stimmung gegen die Roma.

Bei ihren Märschen erhielten sie immer mehr Unterstützung aus der Bevölkerung, warnt Innenminister Martin Pecina. In den vergangenen Jahren habe sich die Lage deutlich verschärft, weil die sozialen Probleme schlimmer geworden sind. Die Spannungen zwischen der Roma-Minderheit und der Mehrheitsgesellschaft seien extrem angestiegen, räumt er ein: "Die Situation ist sehr ernst - sie droht zu eskalieren."

Romafeindlichkeit in Tschechien wächst
S. Heinlein, ARD Prag
18.09.2013 08:17 Uhr

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Geheimdienst warnt vor Gewalt

Der tschechische Geheimdienst warnt in einer aktuellen Studie vor Gefahren für die innere Sicherheit des Landes. Der Einfluss rechtsradikaler Gruppen auf die Bevölkerung nehme zu. Es genüge ein Funke, um die alltägliche Romafeindlichkeit in offene Gewalt umschlagen zu lassen.

Nur wenige Roma-Aktivisten wagen, diese Entwicklung offen anzuprangern. "Wir protestieren gegen die Extremisten in unseren Städten", ruft Andrej Lucka in sein Megafon. Die Nazis schrieen "Schwarze Schweine - Ab mit den Zigeunern in das Gas", und die Parteien schauten zu, wie Pogrome gegen Roma organisiert würden.

Roma in Tschechien (Bildquelle: picture alliance / dpa)
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In Tschechien sind Roma massiver Diskriminierung ausgesetzt.

Die Öffentlichkeit schaut weg

Doch nur eine Handvoll Zuhörer kommt zu der Kundgebung vor das Prager Regierungsamt. Keine Überraschung für den Roma-Aktivisten. Weder in der Politik noch in den Medien sei die alltägliche Diskriminierung ein Thema. Dabei wollten die Roma doch nur normal leben und arbeiten. In Tschechien sei das aber kaum möglich. In den meisten Firmen herrsche offener Rassismus: "Sie geben uns Roma einfach keine Arbeit."

Doch trotz der Alltagsdiskriminierung und der zunehmenden Gewalt gegen die 200.000 bis 300.000 Roma in Tschechien wird im laufenden Wahlkampf kaum über mögliche Lösungen diskutiert. Keine Partei ist bereit, gegen die Mehrheitsmeinung in der Bevölkerung Stellung zu beziehen.

Der Präsident bricht das Schweigen

Umso überraschter sind viele Beobachter jetzt über die klaren Worte von Milos Zeman. In einem Interview nach den Ausschreitungen in der Industriestadt Ostrava erklärte der Präsident, die Neonazis erkenne man an den kahlen Schädeln und ihrem Schrei "Tschechien den Tschechen". Das aber, so Zeman, "ist nichts anderes als die frühere Nazi-Parole 'Juden raus'".

Doch der Weckruf des Präsidenten bleibt bisher ohne Wirkung. Auch in den kommenden Wochen bis zu den Wahlen Ende Oktober haben die Extremisten Protestmärsche in vielen Städten des Landes angekündigt. Laut Umfragen wird diesmal mindestens eine rechtsradikale Partei den Sprung ins Parlament schaffen.

Dieser Beitrag lief am 18. September 2013 um 05:44 Uhr im Deutschlandfunk.

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