Kommentar

Jiri Drahos | Bildquelle: AP

Präsidentschaftswahl in Tschechien Eine Chance auf Kurskorrektur

Stand: 14.01.2018 18:00 Uhr

In Tschechien schien der Populismus unaufhaltsam auf dem Vormarsch. Doch in der zweiten Runde der Präsidentschaftswahl steht Amtsinhaber Zeman mit dem Wissenschaftler Drahos ein Konkurrent gegenüber, der das demokratische Lager einen könnte.

Ein Kommentar von Peter Lange, ARD-Studio Prag

Über den neuen tschechischen Präsidenten wird zwar erst in knapp zwei Wochen bei einer Stichwahl entschieden. Dennoch lässt sich bereits heute sagen, dass dem Herausforderer Jiri Drahos mehr als ein Achtungserfolg geglückt ist.

Der Chemieprofessor aus Prag war lange Zeit der große Unbekannte im Feld der Bewerber. Drei der anderen Konkurrenten hatten Prominenz und/oder politische Erfahrung aufzuweisen. Trotzdem konnte Drahos die anderen sehr deutlich auf Distanz halten. Auch der Abstand zu Amtsinhaber Milos Zeman ist nicht so gewaltig, wenn man in Rechnung stellt, welche Nachteile Drahos auszugleichen hatte.

Zeman wird nachgesagt, dass er bei seinen Reisen durchs Land während seiner gesamten Amtszeit im Wahlkampf-Modus war. Gerade in den Monaten seit der Parlamentswahl hatte er unzählige Gelegenheiten, sich als Staatsmann und etwas autoritärer Hausvater der Nation zu präsentieren - zuletzt am vergangenen Mittwoch, als er einen großen Auftritt im Parlament hatte. So gesehen sind die 38 Prozent des Amtshinhabers fast ein bisschen mager.

Hoffnung auf Eindämmung des Populismus

Drahos glückte es, ausreichend viele Menschen von seinen Qualitäten und seiner Kompetenz zu überzeugen, um die Stichwahl zu erreichen. Bei der Abstimmung wird er keineswegs nur ein Zählkandidat sein. Es war schon bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahl am Freitag und Samstag zu spüren, dass mit Drahos Teilerfolg ein Ruck durch das liberale und demokratische Lager ging.

Erstmals seit mehreren Jahren vermitteln sich vielen Tschechen der Eindruck und die Hoffnung, dass man den Populismus eindämmen kann. Wie Zeman und Regierungschef Andrej Babis seit Oktober versuchen, die Innenpolitik zu kontrollieren, hat viele zweifeln und resignieren lassen: 50 Prozent Populisten im Parlament. Der Absturz der Sozialdemokraten, die Verluste im noch mehr zersplitterten Mitte-Rechts-Lager - viel schlimmer ging es kaum noch. Es schien, als ob sich Zeman nun wirklich alles erlauben konnte.

Drahos ist nun ein Hoffnungsträger. Denn er kann auch Wähler erreichen, die keine eingefleischten Zeman-Fans sind, auch wenn sie beim letzten Mal für ihn gestimmt haben. Es sind wohl nicht so wenige, die die Eskapaden des alten Zynikers auf der Burg leid sind.

Dem Herausforderer könnte gelingen, was den Parteien nicht gelungen ist, nämlich das demokratische Lager zusammenzuführen und ihm das Selbstbewusstsein zu vermitteln, das es braucht, um den Populisten im Lande etwas entgegenzusetzen. Das wiederum wäre eine wichtige Voraussetzung, um die gesellschaftliche Spaltung zu überwinden.

Der Populismus ist nicht unbesiegbar. Die Tschechen können es in zwei Wochen vormachen. Die Chance dazu ist jedenfalls da.

Kommentar: Drahos bedeutet Chance für eine Kurskorrektur
Peter Lange, ARD Prag
14.01.2018 20:50 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 14. Januar 2018 um 14:06 Uhr.

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