Kommentar

US-Präsident Trump zu Besuch in Polen. | Bildquelle: dpa

Trump in Polen Ungewohnt vernünftige Töne

Stand: 06.07.2017 19:37 Uhr

Bei seinem Besuch in Polen hat sich US-Präsident Trump von einer anderen Seite als sonst gezeigt. Seine Worte waren nicht nur vernünftig, sondern auch taktisch geschickt gewählt, meint Martin Ganslmeier. Und sie sollten klarmachen: So isoliert ist Trump gar nicht.

Ein Kommentar von Martin Ganslmeier, ARD-Studio Washington, z.Zt. Warschau

US-Präsident Donald Trump ist mit viel Rückenwind aus Polen zum G20-Gipfel nach Hamburg geflogen. Einen besseren Auftakt seiner zweiten Auslandsreise hätte sich Trump kaum wünschen können. Während seiner Rede vor dem symbolträchtigen Denkmal des Warschauer Aufstandes jubelten ihm tausende Polen zu. Und Trump revanchierte sich mit Worten, die Balsam für die polnische Seele waren.

Trump lobte Polen als Musterknaben der NATO, als Vorbild für andere Mitgliedsstaaten. Und im Gegenzug sicherte Trump das zu, worauf vor allem die Mittel- und Osteuropäer Ende Mai während seiner Brüsseler Rede vergeblich gewartet hatten: ein Bekenntnis Amerikas zu Artikel 5 des NATO-Vertrages, der im Angriffsfall alle Mitglieder zum Beistand verpflichtet.

Strategische Botschaft an Deutschland

Die Botschaft, die von Warschau nach Hamburg strahlen soll, hatte das Weiße Haus strategisch klug ausgewählt: Trump ist keineswegs so isoliert wie dies in Deutschland oder Frankreich scheinen mag. In Polen und anderen Ländern Mittel- und Osteuropas stoßen Trumps Kritik an der Flüchtlingspolitik der EU, an allzu ehrgeizigem Klimaschutz und unliebsamen Medien auf Zustimmung. Dennoch vermied es Trump, die während des Irak-Krieges vorhandene Spaltung zwischen einem "neuen Europa" und einem "alten Europa" wieder aufzureißen. Stattdessen sagte er, ein starkes Europa sei ein Segen für den Westen und die Welt.

Das waren ungewohnt vernünftige Töne aus dem Mund eines Präsidenten, der gerne nach dem Prinzip "Teile und herrsche" handelt. Das lässt darauf hoffen, dass Trump auch in Hamburg nicht als Spielverderber auftreten will.

Auch innenpolitisch gepunktet

Auch innenpolitisch konnte Trump bei seinem Besuch in Warschau punkten. Amerikanischen Rüstungs- und Energieunternehmen winken lukrative Aufträge, nicht nur in Polen. Trump genießt seine Auftritte als Dealmaker und Cheflobbyist für Rüstung und Erdgas aus den USA. Die Botschaft kommt in Polen und anderen Ländern Mittel- und Osteuropas gut an: "Macht Euch unabhängiger von russischem Erdgas!" - ein klarer Seitenhieb auf die deutsch-russische Nordstream-Pipeline.

All dies dürfte dem russischen Präsidenten Wladimir Putin gar nicht gefallen. Zumal Trump vor seinem ersten Treffen mit Putin Russland eine destabilisierende Politik vorwarf. Mit solch kritischen Tönen gegenüber Moskau konnte Trump in Polen punkten. Gleichzeitig wollte er damit Vorwürfe in den USA entkräften, er habe eine zu große Nähe zu Russland. Ein schlechtes Omen für die mit Spannung erwartete erste persönliche Begegnung der beiden Alphatiere muss dies nicht sein. Im Gegenteil: Sollten sich die beiden in Hamburg näher kommen als erwartet, kann Trump die Kritiker in den USA auf seine Warschauer Rede verweisen.

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 06. Juli 2017 um 18:00 Uhr.

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