Wahlplakat in Indien  | Bildquelle: AFP

Internet-Trolle in Indien "Krieger" mit Regierungsauftrag

Stand: 07.02.2017 03:33 Uhr

Fake-News, Hass-Kommentare, Shitstorms: Eine Aussteigerin erzählt, wie in Indien selbst ernannte Krieger im Auftrag der Regierung gegen Andersdenkende vorgehen. Opfer sind auch bekannte Bollywood-Stars.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Sadhavi Khosla passt so gar nicht in das Klischee eines IT-Nerds: Ihre unechten Fingernägel schimmern in einem knalligen pink, als Business-Frau trägt sie ein stylisches Outfit. Zwei Jahre lang hat sie die BJP, die jetztige Regierungspartei in Indien, dabei unterstützt, online für die Ideen des Premierministers Narendra Modi mobil zu machen. "Als ich anfing, war das schon ein dickes Ding für mich. Der Premierminister ist nur wenigen Hundert Menschen auf Twitter gefolgt, plötzlich war ich eine davon", erzählt sie.

Anhänger der indischen Regierungspartei BJP | Bildquelle: AFP
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Mitglieder der indischen Regierungspartei BJP bei einer Parteiveranstaltung.

Das hat Khosla imponiert. Sie hatte die Hoffnung, der neue Premier würde die Wirtschaft und damit ihr Land nach vorne bringen und wollte ihn unbedingt dabei unterstützen: "Als die Partei dann mit einer großen Mehrheit an die Macht kam, wurden die Mitarbeiter der Social-Media-Armee arrogant. Fortan haben sie alle getrollt, die eine andere Meinung hatten."

Armee klingt martialisch, tatsächlich aber nennt die demokratische Regierung ihre Unterstützer im Netz "Cyber-Krieger". Arvind Gupta, der Leiter des Technologieteams der BJP, hält das Wort Krieger für einen absolut legitimen Ausdruck: "Wir wollen damit unsere freiwilligen Helfer im Netz motivieren und ihnen sagen, dass ihre Arbeit genauso wichtig ist, wie die der Menschen, die von Tür zu Tür gehen. Ich denke, jeder erkennt doch an, wie wichtig eine Unterstützerbasis in den Sozialen Netzwerken ist."

Intoleranz und Stigmatisierung

Die Wortwahl der BJP ist rau. Ein Sportminister hat Journalisten als "stinkende Hunde" bezeichnet. Dazu zählt nach Meinung vieler Regierungsanhänger auch Swati Chaturvedi. Neben ihren politischen Artikeln hat sie ein Buch über die geheime Welt der digitalen Armee der indischen Regierungspartei geschrieben. Danach sei sie mit Hass-Botschaften bombardiert worden, erzählt die Autorin: "Ich bin aufgewacht und hatte Drohungen auf meinem Handy, dass sie mich vergewaltigen würden. Sie haben mich Prostituierte genannt." Mithilfe der Polizei hat sie die IP-Adresse einer der Trolle ausfindig gemacht. Bis heute habe die Polizei aber nichts gegen den Mann unternommen und ihr unter der Hand gesagt, dass er ein Parteimitglied sei.

Die BJP ist eine nationale hinduistische Partei. Unter anderem hat sie das Singen der Nationalhymne im Kino wieder eingeführt. Menschen, die die Regierung kritisieren, werden schnell als anti-national stigmatisiert. Amir Khan, einer der berühmtesten Bollywood-Schauspieler, hatte in einem Interview gesagt, dass Indien immer intoleranter gegenüber Minderheiten werde. Er selbst ist Muslim. Im Netz wurde eine Kampagne gegen ihn gestartet, die zum Boykott seiner Filme aufrief. Das war der Zeitpunkt, an dem Khoslar ausgestiegen ist: "Er war schon immer mein Held. Auf einmal aber sollen diese Schauspieler keine Stars mehr sein, sondern einfach nur Muslime und somit Terrorsymphatisanten?"

Spielregeln der Demokratie?

Gibt die Partei ihren zahlreichen freiwilligen Unterstützern vor, was sie schreiben sollen und welches Thema gesetzt werden soll? Gupta verneint das: "Das haben wir weder in der Vergangenheit getan, noch tun wir es heute. Wenn Leute sagen, dass das alles organisiert sei, stimmt es nicht. Social Media verändert die bisherigen Spielregeln - es herrscht pure Demokratie darin, wie Informationen geteilt und wie sie konsumiert werden."

Khosla, die einst eine "Cyber-Kriegerin" der Regierungspartei war, erzählt was anderes: "Ein bezahlter Mitarbeiter der Partei hat uns täglich per WhatsApp mitgeteilt, was wir schreiben oder teilen und welche Hashtags wir nutzen sollen. Die BJP hat echt einen tollen Job gemacht - sie hat früh angefangen, vor allem die Jugend in den Sozialen Netzwerken für sich zu gewinnen."

Posts aus Thailand

Die Regierungspartei wirft ihr vor, für die Opposition zu arbeiten und daher diese Lügen zu verbreiten. Es liege in der Natur der Sozialen Medien, dass man die demokratischen Netzwerke nicht beeinflussen könne, sagt der Leiter der Technologieabteilung der BJP, Gupta. Die Journalistin und Buchautorin Chaturvedi kann bei diesen Aussagen nur den Kopf schütteln: "Viele Hasskommentare gegen Andersdenkende kommen aus Thailand. Und auch die positiven Meldungen über unsere Regierung. Ich frage mich, warum gerade Menschen aus Thailand daran interessiert sein sollten, Informationen über den Premierminister zu verbreiten. Das hat die Partei mit viel Geld einfach ausgelagert."

Während die BJP die neue Demokratie in den Sozialen Netzwerken preist, befürchtet Chaturvedi, dass die bisherige indische Demokratie von der Regierungspartei mit Füßen getreten werde: "Warum braucht man Krieger in einer Demokratie? Was machen diese Krieger? Sie attackieren indische Bürger! Was sonst?"

Die Social-Media-Armee der indischen Regierung
S. Diettrich, ARD Neu-Delhi
06.02.2017 21:01 Uhr

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