Ein Mann hält ein Schild in den Händen, auf dem die Freilassung der in der Türkei inhaftierten Mesale Tolu Corlu gefordert wird. | Bildquelle: dpa

Prozess in der Türkei Deutsche Journalistin Tolu kommt frei

Stand: 18.12.2017 15:27 Uhr

Seit Ende April saß die deutsche Journalistin Tolu in einem türkischen Gefängnis, nun kommt sie unter Auflagen frei. Die Staatsanwaltschaft hatte sich für ihre Freilassung ausgesprochen. Doch die Entlassung aus der Haft bedeutet noch nicht den Freispruch für die 33-Jährige.

Die deutsche Journalistin und Übersetzerin Mesale Tolu kommt nach mehr als sieben Monaten in türkischer Haft frei - allerdings unter Auflagen. Demnach darf die 33-Jährige nicht aus der Türkei ausreisen und muss sich jeden Montag bei den Behörden melden, bis das endgültige Urteil in dem Prozess gefallen ist. Neben Tolu wurden auch fünf weitere Angeklagte aus der Haft entlassen, wie die Abgeordnete der Linkspartei, Heike Hänsel, mitteilte. Sie saß als politische Beobachterin im Gerichtssaal - ebenso wie der deutsche Botschafter Martin Erdmann.

"Ein erster, großer Schritt"

Ali Riza Tolu, der Vater der Journalistin, zeigte sich sehr erleichtert: "Ich bin fast sprachlos. Ich werde meine Tochter vom Gefängnis abholen, ihr einen Kuss geben und mit ihr nach Hause gehen."

Auch die Bundesregierung bewertete den Schritt der türkischen Justiz positiv: "Das ist eine einerseits gute Nachricht im Blick auf die Tatsache, dass sie wohl freikommen wird", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie fügte aber hinzu: "Es ist auf der anderen Seite natürlich noch keine komplett gute Nachricht, weil sie das Land nicht verlassen darf und auf der anderen Seite auch der Prozess noch weitergeführt wird."

"Sie ist draußen, und das ist eine tolle Sache", hieß es auch von der Sprecherin des Auswärtigen Amtes, Maria Adebahr. Regierungssprecher Steffen Seibert sprach von einer "wirklich guten Nachricht". Tolu hat türkische Wurzeln, besitzt seit 2007 allerdings nur noch die deutsche Staatsangehörigkeit.

Tolu sieht politische Gründe hinter Verhaftung

Der Prozess gegen Tolu hatte Mitte Oktober begonnen. Sie war Ende April bei einer Razzia festgenommen worden. Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft lauteten ursprünglich auf Propaganda und Mitgliedschaft in einer bewaffneten Terrororganisation. Darauf stehen in der Türkei bis zu 15 und im Extremfall sogar 20 Jahre Haft.

Tolu selbst hatte die Anschuldigungen stets bestritten. Auch am Montag betonte sie, hinter ihrer Verhaftung stünden politische Gründe: "Ich wurde verhaftet, weil ich Journalistin bin und beabsichtigt wurde, Druck auf die Medien auszuüben. Der Druck auf die Medien wurde fortgesetzt, aber ich denke, dass die Justiz gerecht entscheiden wird."

Auch Tolus Anwältin, Kader Tonc, hatte stets von politischen Motiven hinter der Anklage gesprochen. Daher sei sie sich nicht sicher gewesen, ob das Gericht wirklich für die Freilassung entscheiden würde. Auch Dieter Hummel, der Tolu ebenfalls im Prozess vertritt, war überrascht, wie schnell es am zweiten Prozesstag ging. Doch die Auflagen des Ausreiseverbots und der wöchentlichen Meldepflicht für Tolu wollen die Anwälte nicht hinnehmen. Tonc kündigte an, gegen die Auflagen innerhalb der nächsten sieben Tage klagen zu wollen.

Vorwürfe behalten keinen Bestand

Die Staatsanwaltschaft beschuldigt die Journalistin unter anderem, an einer Gedenkveranstaltung für linke Aktivistinnen teilgenommen zu haben, die im Feuergefecht mit der Polizei erschossen wurden. In einem Falle soll die Ulmerin eine Flagge der "Sozialistischen Partei der Unterdrückten" getragen haben.

Am ersten Prozesstag hatte sich aber herausgestellt, dass diese Partei zum damaligen Zeitpunkt nicht verboten war und damit das Tragen der Flagge erlaubt. Tolus Anwältin meint, es sei dem Staat ein Dorn im Auge gewesen, dass ihre Mandantin gelegentlich als Übersetzerin und ehrenamtliche Journalistin für ein linkes Nachrichtenportal gearbeitet habe.

Ehemann bereits Ende November entlassen

Gemeinsam mit Tolu sind 18 weitere Verdächtige angeklagt. Die Hälfte von ihnen wurde am ersten Prozesstag im Oktober freigelassen.

Auch Tolus Ehemann war verhaftet worden. Doch Suat Corlu wurde an seinem ersten Verhandlungstag Ende November auf freien Fuß gesetzt, darf die Türkei aber ebenfalls nicht verlassen. Auch die Freilassung des Menschenrechtlers Peter Steudtner zwei Wochen später gab Anlass zur Hoffnung.

Mit Informationen von Christian Buttkereit, ARD-Studio Istanbul

Mesale Tolu kommt aus U-Haft frei
Christian Buttkereit, ARD Istanbul
18.12.2017 15:02 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. Dezember 2017 um 12:00 Uhr.

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