Mexikanische Flagge | Bildquelle: picture alliance / Robert Hardin

Der "Trump-Effekt" Mexikaner bangen um ihre Zukunft

Stand: 19.01.2017 12:06 Uhr

Mexikos Währung hat stark an Wert verloren, viele Menschen machen sich Sorgen. "Trump-Effekt" nennen das die Einheimischen, der besonders in der Grenzstadt Tijuana spürbar wird. Doch nicht alle Mexikaner blicken verunsichert in die Zukunft.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Tequila, Sex und Marihuana - Tijuana galt einst als Sündenpfuhl. Der Aufstieg der Grenzstadt begann, als US-Amerikaner aus dem nahen San Diego während der Prohibition - dem allgemeinen Alkoholverbot von 1920 bis 1933 - hier ihre Spirituosen kauften.

Heute kommen am Wochenende Tausende einfach nur zur Fiesta. Die meisten sind keine waschechten Gringos mehr, sondern stammen selbst aus Mexiko. Sie berauschen sich am Duft der alten Heimat, an Tacos und Mariachis. Sie gehen zum Zahnarzt, zur Maniküre, kaufen Lebensmittel und Medikamente - weil all das hier billiger ist. Auch die Prostituierten, die gleich hinter dem meist frequentierten Grenzübergang der Welt auf Freier mit Dollar warten.

Eine Mauer als Leinwand?

Laut Graffitikünstler Spel sind Tijuana und San Diego wie eine Einheit. "Es ist, als würden die Menschen die Grenze gar nicht mehr wahrnehmen." Spel zeigt seine Werke auf Mauern und Häuserwänden in der Durchgangsstadt, in der er vor 28 Jahren auf die Welt kam. Er ist einer der Mexikaner mit Genehmigung, die línea, wie die Grenze hier heißt, zu überqueren, wann sie wollen.

Die Pläne des angehenden US-Präsidenten Donald Trump, eine Mauer aus Beton zu bauen, sind für Künstler eine aufregende Einladung, meint Spel: "Was Trump uns geben will, ist weniger eine Wand, die uns davon abhält, rüberzugehen, sondern vor allem eine Leinwand, damit wir uns ausdrücken können."

Künstler Spel
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Künstler Spel blickt optimistisch in die Zukunft Mexikos.

Graffiti: Frau mit blauen Händen
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Graffiti des Künstlers Spel

Kein amerikanischer Traum für viele in Tijuana

Anders als Spel sind die meisten Einwohner Tijuanas Zugezogene. Sie arbeiten als Türsteher vor den unzähligen Bars der Partymeile im Zentrum oder an den Fließbändern der Billiglohnbetriebe, wo sie Elekronik zusammenschrauben, die in den USA verkauft wird.

Irgendwann wollten diese Arbeitskräfte auf der anderen Seite ihren amerikanischen Traum verwirklichen. Viele schafften es aber nicht rüber oder wurden deportiert.

"Trump-Effekt": Verfall des Peso

Trump hatte den massenhaften Rauswurf von Einwanderern ohne gültige Papiere angekündigt. Die Nordamerikanische Freihandelszone Nafta, von der ganz Mexiko und besonders Tijuana abhängig ist, will er neu verhandeln.

Das Ergebnis seiner vielen Drohungen sind eine große Verunsicherung in Mexiko und eine Währung auf historischem Tiefstand - Trump-Effekt genannt. Noch nützt dieser Effekt Einzelhändlern in Tijuana, die von den US-Touristen leben. Denn die bekommen immer mehr Pesos für ihre Dollar. Auch die Billiglohnbetriebe, "Maquilas" genannt, die vom Export in die USA abhängen, profitieren wegen sinkender Produktionskosten vom Verfall des Peso.

Laut Unternehmer Luis Manuel Hernández Niebla könne sich das aber ändern. "Bisher sehen wir noch nicht, dass sich US-Firmen aus der "Maquila"-Industrie zurückziehen. Aber ich nehme an, dass Trumps Politik neue Investoren abschrecken wird." Laut Niebla planen die multinationalen Konzerne etwa fünf Jahre im voraus. "Wenn sie hier nicht mehr investieren, werden wir das zu spüren bekommen", so der Unternehmer.

Negative Folgen vor allem auf US-amerikanischer Seite

Auf der anderen Seite der Grenze, im US-amerikanischen San Isidro, habe der Trump-Effekt schon jetzt katastrophale Folgen, erklärt die Geschäftsführerin eines Spirituosenladens Silvia Gómez : "Seit der Dollar gegenüber dem Peso so stark steigt, kommen immer weniger Mexikaner, die hier sonst einkaufen. Es wird ihnen einfach zu teuer. Wir haben einen Umsatzrückgang von 80 Prozent und mussten schon Angestellte entlassen oder ihre Stundenzahl kürzen."

Die Wirtschaft der US-Seite des Grenzgebiets hängt stark von Mexiko ab. Wissenschaftler des "Colegio de la Frontera Norte" forschen über die Region. Der spanische Wirtschaftsexperte Alfredo Hualde glaubt nicht, dass Trump eine Neuverhandlung des Freihandelsvertrags Nafta will. Seine Signale seien in Hinblick auf die Autoindustrie andere.

"Er negiert die Neuverhandlung, bevor sie formal beginnt. Die Zölle, mit denen er droht, verletzen die Regeln der Welthandelsorganisation. Er radiert Nafta von der Landkarte und verstößt gegen internationale Normen. Im Grunde gibt er der Globalisierung einen Tritt. Die Aussichten für Mexiko sind nicht optimistisch", so Hualde.

"Mexikaner sind Kämpfer"

Unsicherheit über die Zukunft prägt die Stimmung in Mexiko. Doch im Ausgehviertel von Tijuana ist am Samstagabend nichts davon zu spüren. Mitten im Getümmel trifft der Künstler Spel Freunde, mit denen er zu einer Performance gehen will.

Junge Leute und Optimisten wie er sehen die Region auf beiden Seiten des Zauns eher vereint als getrennt. Das werde auch ein Donald Trump nicht ändern. "Wenn er Ernst macht, wird es anfangs schlimm sein, wie bei allen drastischen Veränderungen", sagt Spel. Er glaube jedoch, dass sich seine Stadt anpasst. "Mexikaner sind Kämpfer und Tijuana ist voller Menschen, die gern arbeiten - Leute, die nicht die Arme verschränken. Das hat uns durch alle Krisen gebracht und wird es auch dieses Mal tun."

Tijuana, die Stadt des Freihandels vor der Trump-Ära
A.-K. Mellmann, ARD Mexiko-Stadt
19.01.2017 09:54 Uhr

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Über dieses Thema berichtete WDR5 am 19. Januar 2017 um 08:47 Uhr

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