Im Indischen Dharamsala geben tibetische Mönche ihre Stimmen bei der Wahl eines neuen Parlamentes und Ministerpräsidenten ab | Bildquelle: AP

Tibeter wählen Exilregierung "Ohne den Dalai Lama sind wir nichts"

Stand: 20.03.2016 11:43 Uhr

Rund 80.000 Tibeter weltweit sind heute dazu aufgerufen, eine neue Exilregierung zu wählen. Sie sitzt seit 2011 in Indien, nachdem der Dalai Lama den Posten des Regierungschefs aufgab. Doch in den Köpfen vieler Tibeter bleibt er ihr Oberhaupt - in jeder Hinsicht.

Von Sandra Petersmann, ARD-Studio Neu-Delhi

Unten tobt der Verkehr. Die Berge des Himalaya sind weit weg. Es ist höllisch laut auf der Fußgängerbrücke, die über die große Ringstraße im Norden Neu-Delhis führt. Auf der indischen Brücke flattern Hunderte Gebetsfahnen - wie in Tibet. Der Wind soll die Gebete in den Himmel tragen. Die bunten Fahnen erinnern an die verlorene Heimat im Himalaya.  

Die Exil-Tibeterin Dorjee
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Die Exil-Tibeterin Dorjee sehnt sich oft nach ihrer Heimat zurück.

"Staatenlos zu sein tut weh", klagt Dorjee. "Es gibt so viele Dinge, für die man einen Pass braucht." Dorjee ist mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern vor acht Jahren aus Tibet nach Indien geflohen. Eine gefährliche Flucht durch die Berge - über Nepal in die Stadt Dharamsala im Norden Indiens.

"Der Dalai Lama ist unser Gott"

Hier haben der Dalai Lama und die tibetische Exilregierung ihren Sitz. Dann ging es weiter nach Majnu-ka-Tilla, in die größte tibetische Siedlung in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi, um Arbeit zu finden. "Der Dalai Lama ist unser Gott, er bedeutet uns alles. Er ist der Grund, warum wir Tibeter bis heute nach Indien fliehen", sagt Dorjee weiter. Sie sehnt sich oft zurück in ihre Heimat Tibet.

Es ist eine Heimat, die Tanzin nie kennengelernt hat. Tanzin ist ein Kind aus Majnu-ka-Tilla. Reiseführer preisen die Siedlung als das "Kleine Tibet“ von Neu-Delhi an. "Ich bin durch und durch Tibeter, auch wenn ich in Indien zur Welt gekommen bin", stellt der junge Mann klar.

In den engen Gassen zwischen den manchmal schiefen Häuserschluchten ist einfach alles tibetisch: das Essen, die buddhistische Musik, die Buchhandlungen und die vielen Läden mit Schmuck und Kunsthandwerk. Der Dalai Lama ist überall. Auf Plakaten, auf Postern, in Schaufenstern, auf T-Shirts. In Tibets Hauptstadt Lhasa sind seine Fotos verboten.

Ein Schaufenster im Viertel Majnu-ka-Tilla in Neu-Delhi: Viele Bücher handeln vom Dalai Lama und von Buddhismus.
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Das Viertel Majnu-ka-Tilla in Neu-Delhi wird auch das "kleine Tibet" genannt. Der Dalai Lama ist hier überall präsent - in Buchhandlungen, auf T-Shirts und Postern.

Das religiöse Oberhaupt als Identitätsstifter

Tanzin ist Ende 20. Er bedruckt und verkauft T-Shirts. Auf dem hellblauen, das er selber trägt, steht in weiß "Free Tibet" - "Freiheit für Tibet". Doch am besten verkaufen sich T-Shirts mit dem Gesicht des Dalai Lama. "Er ist das Bindeglied zwischen uns", glaubt Tanzin und sagt weiter: "Ohne den Dalai Lama sind wir nichts. Durch ihn erkennt uns die Welt als Tibeter an. Er gibt uns eine Identität."

Tashi betritt den Laden, um ein T-Shirt mit dem Aufdruck des Dalai Lama zu kaufen. Er ist Anfang 20 und studiert Informatik. Er weiß, dass es in Dharamsala eine gewählte Exilregierung gibt, die ihn und die anderen Exil-Tibeter seit 2011 politisch vertritt. Damals entschied der Dalai Lama, nur noch das religiöse Oberhaupt der Tibeter zu sein und die politische Führung in gewählte Hände zu legen.

Tashi hat keinen Pass und keine Heimat.
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Tashi hat keinen Pass und keine Heimat.

Doch für Tashi scheint das keine große Rolle zu spielen: "Der Dalai Lama verbreitet unsere Kultur und unsere Tradition, er steht für uns und für die weltweiten Menschenrechte ein." Über die Exilregierung weiß er nicht so viel zu berichten. Viele junge Exil-Tibeter wie er schreien nach Unabhängigkeit. Viele sind bereit, ihr Leben zu opfern. Etwa 140 Selbstverbrennungen seit 2009 sprechen eine deutliche Sprache.

Tashi betet dafür, dass der Dalai Lama ohne Gewalt für Frieden sorgen kann. Der schmächtige Student ist ein Kind des Tibet-Konflikts, doch er kennt weder Tibet noch China. Er hat keinen Pass und keine Heimat. Als Flüchtling muss er sich regelmäßig bei den indischen Behörden melden. Doch mit dem Dalai Lama hat Tashi einen Fixstern.   

Der Fixstern der Exil-Tibeter in Indien
S. Petersmann, ARD Neu-Delhi
20.03.2016 10:31 Uhr

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