Preisdruck auf Textilfabriken in Bangladesch Wenn das T-Shirt 35 Cent teurer wäre...

Stand: 24.04.2014 00:23 Uhr

6,95 Euro kostet ein T-Shirt aus der Fabrik Denier in Deutschland. Würde es 7,30 Euro kosten, wäre vielen in Bangladesch geholfen. Doch das ist Wunschdenken. Nach der Rana-Plaza-Katastrophe sind Fabriken dort zwar sicherer geworden, doch die Kunden im Westen wollen dafür nicht zahlen.

Von Jürgen Webermann, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi

In der Textilfabrik Denier am Rande der Hauptstadt Dhaka herrscht Produktionsdruck. Es ist später Nachmittag, 500 Arbeiterinnen sitzen hinter ihren Nähmaschinen. Tageslicht gibt es hier nicht, lediglich die Neonröhren leuchten. Oft dauern die Arbeitstage hier zwölf Stunden. Bei Denier produzieren sie pro Tag zehntausend T-Shirts.

Shohag, der Leiter der Fabrik, lässt uns überraschenderweise hinein. Nach dem Rundgang führt er uns in sein Büro. Kaum ist die Tür zu, redet er Klartext: Vor ihm liegt ein blaues T-Shirt. Es soll auch in Deutschland verkauft werden, das Preisschild ist schon angebracht: 6,95 Euro. "Mein Kunde zahlt mir dafür 1,50 Dollar", erzählt Shohag - das ist etwas mehr als ein Euro. "Ich verdiene kaum noch etwas daran."

Shohag, der Besitzer einer Textilfabrik in Dhaka
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Shohag, der Besitzer einer Textilfabrik in Dhaka. Er muss mit höheren Kosten klar kommen und bettelt bei Konzernen im Westen vergeblich um mehr Geld.

"Dann heißt es immer: Das geht nicht!"

Shohags Produktionskosten sind seit der Rana-Plaza-Katastrophe um mehr als 70 Prozent gestiegen. Er musste in die Sicherheit investieren, weil inzwischen die Standards heraufgesetzt wurden. Die Kunden wollen entsprechende Zertifikate sehen, bevor sie Aufträge vergeben. Dazu muss Shohag höhere Mindestlöhne zahlen, statt 30 sind es jetzt 50 Euro pro Monat. Doch diese Mehrkosten müsse er allein schultern, sagt Shohag. "Meine Kunden weigern sich, mehr zu zahlen - nicht mal fünf oder zehn Cent."

Er habe gerade einen Auftrag über 700.000 T-Shirts, erzählt er. "Aber nein, wenn ich sage: Ich muss 70 Prozent mehr Lohn zahlen, bitte gebt mir wenigstens fünf oder zehn Cent mehr, heißt es immer: Das geht nicht!"

Rana Plaza Serie - Wie Fabrikanten in Bangladesch ums Überleben kämpfen
J. Webermann, ARD Neu-Delhi
23.04.2014 21:21 Uhr

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Deutsche Firmen weisen auf faire Bedingungen hin

Shohag produziert unter anderem für die deutschen Ketten New Yorker und Ernsting’s Family. New Yorker schreibt auf Anfrage nur, faire Arbeitsbedingungen und Sicherheit hätten höchste Priorität. Die Standards würden ständig und weltweit überprüft. Ernsting’s Family erklärt, die Stiftung Warentest habe der Firma im Jahr 2010 bescheinigt, faire Löhne zu zahlen. Das Unternehmen passe die Einkaufspreise regelmäßig an. Einzelheiten nennt die Firma aber nicht.

Shohag sagt, die Deutschen seien tatsächlich ein wenig auf ihn zugekommen - aber eben nur ein wenig. "Dabei würden mir zwei bis fünf Prozent mehr für ein T-Shirt schon reichen. Diese Konzerne machen große Gewinne. Aber wir haben davon nichts." Shohags Rechnung ist eigentlich einfach: Fünf Prozent des Verkaufspreises - das sind im Fall des blauen T-Shirts knapp 35 Cent mehr. Der Preis für die Verbraucher würde dann nicht mehr bei 6,95 Euro liegen, sondern bei 7,30 Euro. Doch das ist Wunschdenken.

Aktion zum Jahrestag des Fabrikeinsturzes in Rana Plaza: Schwarz gekleidete Menschen liegen auf dem Boden, bedeckt von Pappschildern, die die Trümmer von Rana Plaza symbolisieren. Auf den Pappschildern sind die Logos der Unternehmen zu sehen, die den Veranstaltern zufolge in Rana Plaza produzieren ließen. | Bildquelle: dpa
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Protest in Berlin zum Jahrestag der Katastrophe von Bangladesch: Auf den Schildern stehen Logos von Unternehmen, die den Aktivisten zufolge in Rana Plaza produzieren ließen.

Kaum schlagkräftige Gewerkschaften

Andere Fabrikbesitzer scheinen das Problem drastischer zu lösen. Mitten in Dhaka, auf dem Parkplatz vor dem Glasturm des Textilunternehmerverbandes, protestieren etwa 70 bis 80 Menschen. Sie sind Textilarbeiter. Sicherheitsleute versuchen, sie von den Nobelkarossen fernzuhalten.

"Wir haben einfach nur von unseren Chefs gefordert, uns höhere Löhne zu zahlen - schließlich wurde ja auch der Mindestlohn heraufgesetzt", sagt Ahjana. Die Näherin berichtet: "Aber dann wurden wir geschlagen und gefeuert. Und jetzt wollen sie uns nicht mal die Abfindung zahlen, die uns zusteht." Sie sagt, es sei kein Problem, einen neuen Job zu finden in einer anderen Fabrik. Aber ihr geht es ums Prinzip. Viel Hilfe erwartet sie nicht. Schlagkräftige Gewerkschaften entwickeln sich nur langsam in Bangladeschs Textilbranche.

Ein paar Stockwerke weiter oben wettert der Präsident des Unternehmerverbandes, Atiqul Islam, gegen die Demonstranten. Für ihn sind diejenigen, die um den Mindestlohn kämpfen, einfach nur gierig. "Wissen Sie, nebenan sitzen Fabrikbesitzer, die ihre Firmen schließen mussten. Sie sagen: Es reicht, die Konzerne im Westen wollen einfach nicht mehr für die T-Shirts zahlen. Und die da unten auf dem Parkplatz, das sind deren Mitarbeiter. Die wollen immer mehr."

Textillobby sieht sich als Opfer einer Kampagne

Der mächtige Lobbyist redet sich in Rage. Fragen zur Katastrophe am Rana Plaza gefallen ihm überhaupt nicht: "Wir sind Opfer einer großen, sehr großen Kampagne", sagt Islam. "In China gibt es auch viele Unfälle. Aber alle reden nur über Bangladesch! Vielleicht sind unsere Medien einfach zu unabhängig. Und vielleicht sind wir einfach zu nett zu ausländischen Reportern."

Shohag, der Fabrikant aus dem Vorort von Dhaka, würde das wohl etwas zurückhaltender formulieren. Aber auch er klingt verbittert: "Es gibt hier Hunderte Fabriken. Sollen die Kunden doch woanders hingehen, sie drohen ja immer damit. Dort wird die Ware dann mit vielen Überstunden produziert. So läuft das Geschäft. Gut, ich kann darauf setzen, dass sie feststellen werden, dass anderswo die Qualität schlechter ist als bei uns. Dann kommen sie in einem Jahr wieder. Aber in einem Jahr bin ich hier fertig. Das würde ich nicht durchhalten."

Modefirmen lassen Opfer in Stich
ARD-Morgenmagazin, 23.04.2014, Julia von Cube, WDR

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