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Trotz Protesten in USA
Offenbar geistig Behinderter in Texas hingerichtet
Trotz Protesten ist im US-Bundesstaat Texas ein Mann, der offenbar geistig behindert war, hingerichtet worden. Die Todesstrafe gegen den 54-Jährigen wurde mit einer Giftspritze vollstreckt. Die Hinrichtung von Menschen mit geistiger Behinderung ist in den USA seit 2002 verboten. Wann jemand als geistig behindert eingestuft wird, entscheiden jedoch die einzelnen Bundesstaaten.
Von Martin Ganslmeier, NDR-Hörfunkstudio Washington
Die Proteste von Menschenrechtsorganisationen waren vergeblich: In der vergangenen Nacht ist in Huntsville im US-Bundesstaat Texas der 54-jährige Marvin Wilson mit einer Giftspritze hingerichtet worden. Einem Gnadengesuch seiner Anwälte in letzter Minute gab der Oberste Gerichtshof in Washington nicht statt. Was die Hinrichtung besonders problematisch macht: Wilson war geistig behindert.
Marvin Wilson lutschte noch als Erwachsener am Daumen. Er lernte nie richtig lesen und schreiben. Er war unfähig, seinem Leben eine Richtung zu geben. Mehrere Ärzte hatten ihn in den vergangenen Jahren untersucht und seinen Intelligenzquotienten mit 61 als extrem niedrig eingestuft.
Texas - der "Law-and-Order-Staat"
Ein glasklarer Fall von geistiger Behinderung, sagt Lee Kovarsky, Jura-Professor an der Universität von Maryland. Kovarsky hatte sich in den vergangenen sechs Jahren ehrenamtlich für den Afroamerikaner eingesetzt - vergeblich. "Hätte der Bundesstaat Texas das Urteil des Obersten Gerichtshofes ernst genommen, dann wäre Wilson der typische Fall, bei dem die Todesstrafe nicht vollstreckt werden darf."
Nicht nur Kovarsky vermutet, dass die Hinrichtungspraxis im "Law-and-Order-Staat" Texas das höchstrichterliche Urteil aus dem Jahr 2002 bewusst unterläuft. Der Supreme Court hat zwar Exekutionen von Menschen mit geistiger Behinderung verboten, den einzelnen Bundesstaaten aber die Entscheidung überlassen, wann jemand als geistig behindert gilt. Fast alle Bundesstaaten mit Todesstrafe ziehen die Grenze bei einem IQ unter 75, sagt Richard Dieter vom "Informationszentrum Todesstrafe": "Sie halten sich an die wissenschaftliche Definition für geistige Behinderung. Viele Verurteilte konnten dadurch vor der Todesstrafe bewahrt werden. Nur Texas verhält sich anders."
Mensch mit geistiger Behinderung in Texas hingerichtet
Martin Ganslmeier, ARD Washington
08.08.2012 05:07 Uhr
Der Bundesstaat Texas akzeptiert offiziell eine IQ-Grenze von 70, behält sich jedoch vor, der Einstufung von Ärzten eigene, besonders strenge Gutachten entgegenzustellen. So auch bei Marvin Wilson. Dessen kriminelle Laufbahn als Drogen-Dealer habe doch gezeigt, dass er mit Geld umgehen konnte, argumentierte der Staatsanwalt: Und den Mord an einem 21-jährigen Polizei-Informanten habe er kaltblütig durchgeführt. Das Gericht in Texas schloss sich dieser Haltung an und verurteilte Wilson 1994 zum Tode. Und das, obwohl nie klar war, ob Wilson oder sein Komplize der Mörder des Polizei-Informanten war, kritisiert Jura-Professor Kovarsky. "Der Komplize bekam lebenslang. Der einzige Hinweis, dass Wilson der Täter war, kam von der Frau des Komplizen. Marvin habe ihr dies gestanden."
Stefan Niemann (ARD) zur Hinrichtung eines offenbar geistig Behinderten
tagesschau24 17:30 Uhr, 08.08.2012
Die Hinrichtung von Wilson war schon die siebte in diesem Jahr in Texas. Weitere sieben Verurteilte sollen im zweiten Halbjahr folgen. Mehr als ein Drittel aller Hinrichtungen in den USA werden in Texas vollstreckt.
Staaten mit Hinrichtungen: China, Iran, Saudi-Arabien, Irak, USA, Jemen, Nordkorea, Somalia, Sudan, Bangladesch, Vietnam, Südsudan, Taiwan, Palästinensische Autonomiegebiete (Gaza), Afghanistan, Weißrussland, Ägypten, Vereinigte Arabische Emirate, Malaysia, Syrien.
Staaten mit Todesstrafe: China, Pakistan, Irak, Iran, Ägypten, Indien, Malaysia, Sri Lanka, USA, Nigeria, Algerien, Bangladesch, Sambia, Thailand, Somalia, Myanmar, Vereinigte Arabische Emirate, Jemen, Vietnam, Kuwait, Guinea, Taiwan, Jordanien, Sudan, Gambia, Kenia, Japan, Saudi-Arabien, Libanon, Mauretanien, Indonesien, Palästinensische Autonomiegebiete, Singapur, Bahrain, Marokko/Westsahara, Papua-Neuguinea, Uganda, Ghana, Guyana, Katar, Burkina Faso, Kongo (Republik), Weißrussland, Malawi, Mali, Sierra Leone, Trinidad & Tobago, Südsudan, Simbabwe, Botsuana, Liberia, Saint Luca, Südkorea, Swasiland, Afghanistan, Kamerun, Tschad, DR Kongo, Madagaskar, Mongolei, Nordkorea, Syrien, Tansania.
Stand: 08.08.2012 05:28 Uhr
