Boko-Haram-Symbole in Damasek | Bildquelle: REUTERS

Islamisten weiten Territorien aus Konkurrenzkampf der Terrorgruppen in Nordafrika

Stand: 31.01.2016 13:58 Uhr

Vor zwei Wochen wüteten Terroristen in Burkina Faso, im November gab es einen Angriff in Malis Hauptstadt Bamako - die Zahl der bedrohten Staaten in Nordafrika wächst. Und gleichzeitig ist eine Art Konkurrenzkampf der Terrormilizen zu beobachten.

Von Jens Borchers, ARD-Studio Nordwestafrika

Macky Sall winkt. | Bildquelle: REUTERS
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Senegals Präsident Macky Sall befürchtet Anschläge in seinem Land.

Senegal versucht, sich auf das Schlimmste vorzubereiten. Die Behörden des westafrikanischen Staates haben Hotels zu Sicherheitsmaßnahmen verdonnert. Sie sollen vor Terror-Anschlägen nach dem Muster von Ouagadougou in Burkina Faso oder Bamako in Mali schützen. Wer diese Sicherheitsmaßnahmen nicht befolgt, dessen Hotel werde geschlossen. Gleichzeitig forderte die Regierung die Senegalesen zur Wachsamkeit auf. Das Resultat: 900 Hinweise auf verdächtiges Verhalten an einem einzigen Wochenende. Die Angst vor Anschlägen grassiert.

Senegal hat bisher keine Terrorattacke erlebt. Aber Präsident Macky Sall sagt rundheraus: Die Bedrohung ist da. "Sie ist total präsent bei uns. Obendrein gibt es eine ungeheure Propaganda für diese Organisationen im Internet, unkontrollierbar. Und eine Finanzierung gewisser Nichtregierungsorganisationen, die sich in die Religion einmischen, obwohl die Staaten sehr wachsam sind."

Karte vom Nordafrika mit Gebieten von IS, Boko Haram und Al Kaida
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Mehrere Terrorgruppen sind im Norden und Westen Afrikas aktiv und versuchen, ihren Einflussbereich auszuweiten. Sie sind jedoch in den einzelnen Ländern unterschiedlich stark aktiv.

Terrorgruppen vergrößern Operationsgebiet

In Westafrika haben die Staats- und Regierungschefs aufmerksam verfolgt, wie "Al Kaida im islamischen Maghreb" die Bedrohung immer weiter nach Westafrika hineinträgt. Der Anschlag in Burkina Faso war der Beweis dafür, sagt der französische Extremismus-Experte Wassim Nasr.

Islamistenführer Moktar Belmokhtar | Bildquelle: AFP
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Der Terrroristenführer Moktar Belmokhtar kooperiert mit Al Kaida.

"Al Kaida im islamischen Maghreb" war längere Zeit mit anderen Terrormilizen zerstritten, nicht zuletzt mit dem aus Algerien stammenden Extremisten Moktar Belmokthar. Jetzt arbeiten sie wieder zusammen, sagt Nasr, mit veränderter Strategie: "Es war 'ein Traum' von Belmokthar, den Kampf weiter nach Süden zu tragen. Dass er die Aktion in Ouagadougou von Al Kaida akzeptiere - das zeigt: Es gibt einen Konkurrenzkampf mit anderen Terrorgruppen in der Region, nämlich mit dem Islamischen Staaten in Libyen, Nigeria und anderswo."

Al Kaida operierte bisher vor allem in Mali, teilweise auch in Algerien. Jetzt weitete das Terrornetzwerk das Angriffsfeld weiter nach Süden aus. Burkina Faso war das erste Ziel. Und benachbarte Staaten fragen sich: Wer ist als nächster dran?

Al Kaida im Maghreb meldet sich grausam zurück

Terrorangriff auf das Hotel "Splendid" in Ouagadougou | Bildquelle: REUTERS
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Bei dem Terrorangriff auf das Hotel "Splendid" in Ouagadougou und ein Restaurant wurden mehr als 30 Menschen getötet.

Mit den Anschlägen aufs Hotels in Ouagadougou und Bamako erreichte Al Kaida gemeinsam mit der verbündeten Miliz al-Mourabitoune aus Terroristensicht optimale Ergebnisse: weltweite Aufmerksamkeit, viele getötete Ausländer bei vergleichsweise geringem Aufwand. Die Attentäter waren in beiden Fällen sehr jung. Und in beiden Fällen wurden keineswegs alle Angreifer getötet. Mehrere Täter konnten wahrscheinlich sowohl in Bamako als auch in Ouagadougou entkommen.

Tatsache ist aber auch: Während die Welt seit langem fast nur auf den sogenannten Islamischen Staat starrt, galt Al Kaida als geschwächt - vor allem im Wettlauf um neue Rekruten, Erfolgs-Image, Geld und Einfluss-Zonen, meint Dschihadismus-Experte Nasr: "Während der laufenden Operation in Ouagadougou hat einer der Täter mit der Propagandastelle von 'Al Kaida im islamischen Maghreb' telefoniert und noch einmal seine Treue zu Al-Kaida-Chef al-Zawahiri beschworen. Al Kaida fürchtet den zunehmenden Druck des 'Islamischen Staates'. Der IS ist in Nigeria präsent, hat dort die Gefolgschaft von Boko Haram. Und er ist präsent in Schwarzafrika."

"Islamischer Staat" kooperiert mit Boko Haram

Ayman al Sawahiri | Bildquelle: AFP
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Die Organisation von Al-Kaida-Chef al-Zawahiri ist zuletzt wieder erstarkt.

Auch der Terrorismusforscher Philippe Hugon vom Institut internationale und strategische Studien in Paris verfolgt dieser Entwicklung. Der "Islamische Staat", sagt er, suche die Expansion in Afrika: "Der IS will offensichtlich seinen Einfluss ausweiten. Boko Haram war früher nur im Nordwesten von Nigeria aktiv. Dann hat Boko Haram schrittweise seine Angriffe in die Region um den Tschad-See ausgeweitet. Also in Niger, Kamerun und Tschad. Dann haben sie dem IS Gefolgschaft geschworen. Das bedeutet nicht, dass sie vollständig in den IS integriert sind, aber es gibt die Verbindung."

Al Kaida weitet seine Angriffsziele immer weiter auf das südliche Westafrika aus. Unterdessen versucht der sogenannte IS zunehmend südlich von Libyen Einfluss zu gewinnen. Von dort aus gehen Waffentransporte in Richtung Westafrika.

Nächstes Ziel: Tunesien

Polizisten untersuchen den zerstörten Militärbus. | Bildquelle: dpa
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Bei dem Anschlag in Tunesien starben zwölf Gardisten.

Gleichzeitig versucht der IS, Tunesien zu destabilisieren. Das Attentat auf einen Bus mit Soldaten der Wachmannschaft des tunesischen Präsidenten ist nur ein Beleg dafür. Ende November sprengte sich ein Selbstmordattentäter in einem Bus der Präsidentschaftsgarde in die Luft - zwölf tunesische Gardisten starben. Der IS bekannte sich zu dem Anschlag.

Für Extremismusforscher Kader Abderahim ist die Botschaft klar: "Dass niemand wirklich den tunesischen Präsidenten schützen kann. Auch nicht diejenigen, die den Präsidenten eigentlich vor Anschlägen bewahren sollen. Die Botschaft der Angreifer ist: Entweder gab es Fehler im Sicherheitsapparat des Präsidenten oder es gab Komplizen. Beide Möglichkeiten sind gravierend."

Tunesien fürchtet die Unterwanderung durch den IS. Marokko, vielleicht der Staat mit dem stabilsten Sicherheitssystem in Nordafrika, meldet ein ums andere Mal die Verhaftung angeblicher Terroristenzellen. Und was in Algerien geschieht, entzieht sich weitgehend der Öffentlichkeit.

Staaten wollen gegen Terror kooperieren

Nach einem Anschlag der Terrorgruppe Boko Haram in Nigerias Hauptstadt Abuja | Bildquelle: REUTERS
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In Nigeria hat Boko Haram zahlreiche Anschläge verübt - und wird zunehmend auch in den Nachbarländern aktiv.

Die Staaten Nordwestafrikas versuchen, eine Terrorismusabwehr aufzubauen - zumindest was Polizei und Militär anbetrifft. Gleichzeitig fürchten sie aber, dass Organisationen wie Al Kaida und der sogenannte Islamische Staat weiter Zulauf bekommen.

Senegals Präsident Macky Sall vermutet: Auch in seinem Land gebe es genug junge Menschen, die für die Botschaften der Extremisten empfänglich sind: "Natürlich sind die jungen Leute ohne Lebensperspektive leichte Beute für die Terroristen. Es ist unsere Verantwortung als Staatschefs und Entscheider, dieser Jugend eine Perspektive zu geben."

Wie die Staatschefs und Entscheider in der Region dieser Jugend eine Perspektive geben sollen - dafür fehlen in etlichen Staaten allerdings klare politische Konzepte.

Nordwestafrika unter dem Druck der Terroristen
J. Borchers, ARD Rabat
31.01.2016 11:44 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 30. Januar 2016 um 13:45 Uhr im Deutschlandfunk.

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