Zwei Frauen lesen Trauerbotschaften an einer Wand in der U-Bahnstation Maelbeek.  | Bildquelle: AFP

Terror in Brüssel 2016 Zehn Minuten, die mein Leben retteten

Stand: 22.03.2017 02:02 Uhr

Rein zufällig war Karin Bensch am Morgen der Terroranschläge in Brüssel etwas früher dran als sonst. Kurz nachdem sie die Metrostation Maelbeek verließ, explodierten dort die Bomben. Eine persönliche Erinnerung.

Von Karin Bensch, ARD-Studio Brüssel

Der 22. März ist mein zweiter Geburtstag. Das alles so gekommen ist, habe ich meinem Mann zu verdanken. Denn er saß zuvor bis in die Nacht hinein am Computer, sodass ich allein zu Bett ging und am nächsten Morgen das Haus etwa zehn Minuten früher verließ als sonst.

In der Straßenbahn kam dann die Nachricht auf mein Handy: Anschlag im Brüsseler Flughafen. Ich war erschüttert, konnte es kaum glauben. Sie haben es also doch getan. Dann ging ich runter in die Metro. Auf dem Bahnsteig kam mir der Gedanke: Wenn die Terroristen hier in Brüssel wie in Paris vorgehen, wo würden sie dann noch einen Anschlag verüben? Natürlich, die U-Bahn. Ich blickte auf die Anzeige. Noch drei Minuten bis zur nächsten Metro. Was soll ich tun? Hier raus?

Ich entschied zu bleiben, denn ein tiefes Gefühl in mir sagte: Es wird gut gehen. Ich nahm die nächste Bahn, stieg an der Metrostation Maelbeek aus, rannte die Rolltreppe hoch, und dachte noch: Heute Abend fährst Du nicht mit der U-Bahn nach Hause.

Das Studio-Gebäude wackelte

Es war gegen neun Uhr, als ich abgehetzt im Sender ankam. Zehn Minuten früher als sonst. Wenig später darauf stand unser Techniker in der Bürotür und sagte, das Studio habe gerade gewackelt. Was konnte das sein? Die Großbaustelle nebenan? Kurz darauf die Eilmeldung: Anschlag in U-Bahnstation Maelbeek. Dann die ersten Bilder: Rauch, blutüberströmte Menschen, Sirenen, Blaulicht, Polizei, Verletzte auf dem Bürgersteig.

Ich saß an meinem Schreibtisch und fühlte mich wie eingefroren. Ich wollte weinen, aber es kamen keine Tränen. Kurze Nachrichten an meinen Mann, meine Familie, beste Freunde. Mehr Zeit blieb nicht.

Eine Eilmeldung nach der anderen

Viele Sender hatten schon angerufen und wollten reden über die Terroranschläge in Brüssel. Livegespräche im Zehn-Minuten-Takt, Dauer-Telefonklingeln. Eilmeldungen, immer wieder Eilmeldungen. Und neue Bilder der Zerstörung: von der Abflughalle, der Boden übersät mit Deckenplatten und Trümmerteilen. Vom zerfetzten U-Bahnwaggon ohne Scheiben und Sitze.

Je öfter ich schilderte, was passiert war, desto klarer wurde mir, wie nah ich dem Terror gekommen war. Am Abend holte mich mein Mann mit dem Auto ab und wir fuhren gemeinsam nach Hause. Endlich konnte ich mich fallen lassen, sicher und geborgen fühlen.

Ich werde diesen 22. März niemals vergessen. Und auch nicht, welch unglaubliches Glück ich hatte, ausgerechnet an diesem Morgen zehn Minuten früher dran gewesen zu sein. Zehn Minuten, die möglicherweise mein Leben gerettet haben.

Terroranschläge Brüssel - 10 Minuten, die mein Leben gerettet haben
K. Bensch, ARD Brüssel
21.03.2017 22:08 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. März 2017 um 04:42 Uhr.

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