Gedenken an die Opfer des Terroranschlags in Dhaka

Bangladesch und der Terror Privilegiert, gebildet, radikal

Stand: 09.07.2016 04:00 Uhr

Vor einer Woche erlebte Bangladesch den schwersten Terroranschlag seiner jüngeren Geschichte. Junge Männer aus überwiegend privilegierten Familien stürmten ein Restaurant und töteten 22 Menschen. Viele Bangladeschis fühlen sich wie gelähmt.

Von Sandra Petersmann, ARD-Studio Neu-Delhi

Mehrere Dutzend Menschen haben sich in Dhaka zu einer nächtlichen Mahnwache mit Kerzen zusammengefunden. Sie singen. Sie beten. Sie suchen nach Antworten auf quälende Fragen.

"Wir sind voller Trauer über dieses sinnlose, brutale Gemetzel. Die Attentäter waren ein Teil unserer Gesellschaft", sagt Schriftsteller Mafid ul Haq, der die Mahnwache organisiert hat. "Sie waren ein Teil unserer wirtschaftlichen Entwicklung, unseres Fortschritts. Sie waren ein Teil unserer Jugend. Das ist sinnloses Töten im Namen der Religion." So etwas könne nicht toleriert werden, sagt ul Haq.

Mahnwache in einem Park in Dhaka nach einem Attentat mit 20 Toten
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Bei einer nächtlichen Mahnwache in einem Park in Dhaka suchen Menschen nach Antworten.

Täter aus allerbesten Verhältnissen

Warum wurde Rohan Imtiaz, einer der Attentäter, zum Islamisten und Mörder? Rohans Vater Imtiaz Khan ist Politiker in Dhaka. Er ist Parteimitglied der regierenden Awami-Liga und ein hoher Funktionär im Olympischen Komitee von Bangladesch. Rohans Mutter ist Lehrerin an der englischsprachigen Privatschule Scholastica, die zu den besten Schulen des Landes gehört und oft mit der britischen Eliteschule Eton verglichen wird. Rohan hatte seinen Abschluss an dieser Eliteschmiede gemacht. Er war ein Kind aus allerbesten Verhältnissen. Mit Anfang 20 studierte er Wirtschaft an einer der besten Privatunis in Bangladesch. Seit vergangenem Samstag ist Rohan ein toter Terrorist.

Sprach- und fassungslos sei er, sagt Rohans Vater Imtiaz Khan dem bengalischen Programm der BBC. Es habe zu Hause keine Hinweise auf seine Radikalisierung gegeben, keine Bücher, nichts. "Wir wissen nicht, wie das passieren konnte, vielleicht durch das Internet", fügt der verzweifelte Vater an.

Hinrichtungen mit Macheten und Schusswaffen

Rohan war im vergangenen Dezember spurlos verschwunden. Seine Eltern hatten ihn am 4. Januar als vermisst gemeldet. Fast ein halbes Jahr später, in der Nacht zum 2. Juli, stürmte Rohan dann zusammen mit anderen jungen Männern ein beliebtes spanisches Szenerestaurant mitten im Diplomatenviertel von Dhaka.

Soldaten und Panzerfahrzeuge in Dhaka, Bangladesch | Bildquelle: REUTERS
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Am 2. Juni stürmen mehrere junge Männer ein Szene-Restaurant im Diplomaten-Viertel von Dhaka. Polizei und Militär riegelten das Gebiet ab.

Das Terrorkommando ermordete gezielt ausländische Geiseln, die keine Koranverse rezitieren konnten. Es waren Hinrichtungen mit Macheten und Schusswaffen. Alle Attentäter stammten aus Familien der Mittel- und Oberschicht. Der selbsternannte "Islamische Staat" verbreitete über seinen Nachrichtenkanal Amaq Fotos der fünf mutmaßlichen Mitglieder des Terror-Kommandos. Auch ein Foto von Rohan war dabei. Doch die Regierung in Bangladesch bestreitet eine Verbindung zum internationalen Terror.

Bangladesch - ein gespaltenes Land

"Wir haben alle getöteten Angreifer identifiziert, sie stammen aus Bangladesch und gehörten verbotenen lokalen Organisationen an", sagte Innenminister Asaduzzaman Khan auf einer Pressekonferenz am 5. Juli. Er erklärte weiter: "Diese Organisationen verführen unsere Jugendlichen und führen sie im Namen des Islam in die Irre. Der Islam ist eine Religion des Friedens."

Die Regierung klingt hilflos. Sie beschuldigt die Opposition, den religiösen Extremismus zu schüren. In den Wochen vor der Attacke hatte es eine massive Verhaftungswelle gegeben. Die Volksrepublik Bangladesch ist ein politisch und sozial gespaltenes Land. Die Spaltung verläuft am spürbarsten zwischen säkularen Gruppen und islamistischen Kräften, die im Unabhängigkeitskrieg von 1971 die Abspaltung Bangladeschs von Pakistan verhindern wollten.

In den vergangenen Monaten hatte die Regierung von Premierministerin Sheikh Hassina mehrere Anführer der größten islamistischen Partei des Landes hinrichten lassen. Sie waren von einem Sondertribunal nach über 40 Jahren als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt worden. Zeitgleich nahmen die mutmaßlich religiös motivierten Morde zu. Radikale Islamisten hackten dutzende religionskritische Blogger, Intellektuelle und Andersgläubige mit Macheten zu Tode.

Mutmaßliche Islamisten töten mindestens 20 Menschen in Bangladesch
tagesthemen 21:50 Uhr, 02.07.2016, Gabor Halasz, ARD Neu-Delhi

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"Das ist nicht unser Land"

Bei vielen, aber nicht bei allen Taten gab es anschließend Bekenntnisse vom IS oder von Al Kaida. Doch der gut geplante Angriff auf das Restaurant im Diplomatenviertel Gulshan vor einer Woche war kein Angriff auf eine einzelne Person. Die Tat erinnerte an die Terrorattacken in Brüssel und Paris. Bislang gibt es keine Beweise dafür, dass die Täter von Dhaka nichts mit dem "Islamischen Staat" zu tun hatten. Wo sie in den Monaten zwischen ihrem Verschwinden und ihrer Tat waren, ist bislang unklar. Nicht nur Rohan, auch die anderen hatten plötzlich ihre Familien verlassen.  

"Wir haben keine Sprache für das, was passiert ist", sagt Nasima bei der Mahnwache mit Kerzen. Viele der Anwesenden fühlen sich wie gelähmt. "Das ist nicht unser Land, wir verdienen diese Taten nicht, wir wollen sie nicht", klagt Nasima an, die in der Textilindustrie arbeitet. "Bitte, stoppt den Terror, in unserem Land, in unserer Gesellschaft. Ich will in Frieden leben", fleht sie.

Bangladesch und der Terror
S. Petersmann, ARD Neu-Delhi
08.07.2016 16:35 Uhr

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