Afghanistan Flucht | Bildquelle: REUTERS

Bericht von Human Rights Watch Taliban werben Kinder für den Krieg an

Stand: 17.02.2016 14:21 Uhr

In Afghanistan rekrutieren die Taliban immer häufiger Kinder für ihren Krieg. Das Alter spielt Menschenrechtlern zufolge kaum eine Rolle. Zehnjährige werden bereits in den Kampf geschickt oder für andere militärische Zwecke missbraucht.

Die Taliban schicken zunehmend Kinder in den Kampf gegen die afghanische Regierung. Das geht aus einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hervor. Allein in der Region Kundus - in der bis vor zwei Jahren auch die Bundeswehr stationiert war - seien in dem umkämpften Bezirk Tschardara mindestens 100 Kinder rekrutiert und als Kämpfer missbraucht worden. Die Region, die ein Schwerpunkt in den Recherchen für den Bericht war, wird in weiten Teilen von den Taliban regiert.

Die Taliban böten außerdem immer häufiger militärisches Training in islamischen Religionsschulen für Kinder zwischen 13 und 17 Jahren an. "Die offensichtliche Strategie der Taliban, steigende Zahlen von Kindern in die Schlacht zu werfen, ist so zynisch und grausam wie gesetzeswidrig", sagte die bei der Organisation für Afghanistan zuständige Expertin Patricia Gossman. Vor allem arme Familien würden ihre Kinder in diese Schulen schicken, weil dort die Kosten für Kleidung und Verpflegung übernommen würden.

Kinder als Bombenbauer

Nach neuesten Erkenntnissen werden die Kinder für verschiedene militärische Zwecke eingesetzt, unter anderem für die Herstellung und das Legen von Sprengsätzen. In der Vergangenheit hätten die Taliban erklärt, sie griffen nur auf Kämpfer zurück, die "mentale und körperliche Reife" hätten. Also zum Beispiel keine "Jungen ohne Bärte".

Einige der Kinder, die in den Religionsschulen angeworben wurden, seien aber sogar jünger als 13 Jahre alt gewesen, erklärte die Organisation. Die Indoktrienierung beginne sogar bei Kindern im Alter von sechs Jahren. Die UN-Sonderbeauftragte für Kinder in bewaffneten Konflikten, Leila Zerrougui, sagte, dass es aber auch Berichte gebe, wonach die Taliban in Kundus Zehnjährige in den Kampf geschickt hätten.

Die Hälfte des Landes ist minderjährig

Zerrougui fügte hinzu, dass die afghanische Polizei - die oftmals unabhängig von der Regierung agieren - einer der Hauptakteure bei der Rekrutierung von minderjährigen Kämpfern in ganz Afghanistan ist. Das Problem sei besonders schlimm, da Zerrougui zufolge die Hälfte der Bevölkerung minderjährig sei. "All diese Kinder haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung", machte sie nochmals deutlich.

Ein Mitglied der afghanischen Polizei am Rand von Kundus. Die Einsatzkräfte versuchen, das Vordringen der Taliban zu verhindern. | Bildquelle: dpa
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Ein Mitglied der afghanischen Polizei am Rand von Kundus. Die Einsatzkräfte versuchen, das Vordringen der Taliban zu verhindern.

Der Einsatz von Kindern unter 15 Jahren in Kampfhandlungen stelle nach internationalem Recht ein Kriegsverbrechen dar. Afghanistan hatte sich 1994 dazu bekannt, die UN-Kinderrechtskonvention zu achten. Diese verpflichtete das Land, die Rekrutierung und Nutzung von Kindern in Kriegsgebieten zu stoppen.

Jeder vierte Tote in dem Konflikt ist ein Kind

Die Zahl der Kinder, die dem Krieg in Afghanistan zum Opfer fallen, ist 2015 aber noch einmal um 14 Prozent gestiegen, wie es im neuen UN-Bericht zu zivilen Opfern heißt. Jeder vierte Tote oder Verletzte in dem Konflikt sei demnach ein Kind. Die Zahlen seien vor allem nach Beginn der großen Nord-Offensive der Taliban ab April 2015 angestiegen.

Die Vereinten Nationen verurteilten als Reaktion auf den Bericht alle am Krieg beteiligten Seiten, da jeder auf Kindersoldaten zurückgreife. Dabei merkten sie allerdings an, dass Regierungstruppen die Zahl der minderjährigen Rekruten verringert hätten. Gruppen wie die Taliban würden hingegen noch im großen Stil Kämpfer ausbilden, die noch nicht 18 Jahre alt sind.

Human Rights Watch sprach für den Bericht mit Verwandten von 13 Kindern, die von in den vergangenen Jahren von Taliban-Kämpfern angeworben wurden. Die Angaben wurden durch Gespräche mit Bürgerrechtsaktivisten, politischen Beobachtern und Vertretern der UN bestätigt.

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