Jalal Talabani  gestorben. | Bildquelle: picture alliance / Photoshot

Iraks Ex-Präsident Talabani ist tot Abschied von "Onkel Dschalal"

Stand: 03.10.2017 19:00 Uhr

Er war der erste kurdische Präsident des Irak, galt als weitsichtiger Staatsmann, sprach sich gegen ein unabhängiges Irakisch-Kurdistan aus - und weigerte sich, Todesurteile zu unterschreiben. Nun ist Dschalal Talabani im Alter von 83 Jahren gestorben.

Von Björn Blaschke, ARD-Studio Kairo

Es war wohl der größte Triumph der kurdischen Minderheit im Irak. 2005, zwei Jahre, nachdem eine von den USA geführte Allianz Diktator Saddam Hussein gestürzt hatte, wurde einer der ihren zum ersten ordentlichen Präsidenten des Irak gewählt - er, der als Kurde jahrzehntelang gegen die arabisch dominierte Führung in Bagdad gekämpft hatte: Dschalal Talabani.

Dem ARD-Studio Kairo erzählte er vor einigen Jahren, dass er überrascht war. "Ich hatte das nicht erwartet", sagte er. "Im Traum nicht. Nicht einmal nach dem Kollaps des alten Regimes." Er sei auch nur dazu bereit gewesen, das Amt zu übernehmen, weil darüber Einigkeit bestanden habe. "Ich habe allen Parteivertretern gesagt: 'Nur, wenn ihr mich alle wählt, werde ich in den Präsidentenpalast ziehen - sonst gehe ich nach Hause, nach Sulaimaniyya.'"

"Wir sind uns nicht in allem einig"

Bis 2014 behielt Talabani, der auch Vorsitzender der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) war, das Amt des Staatspräsidenten. Und er bewies, dass er nicht nur ein Krieger war, sondern auch ein Politiker. Ein Staatsmann. Als solcher hielt Talabani eisern an Prinzipien fest. So weigerte er sich, Todesurteile zu unterschreiben - auch das, das gegen seinen einstigen Feind Saddam Hussein gefällt worden war. Als Sozialdemokrat sei er prinzipiell gegen die Todesstrafe, so Talabanis Argument. Das brachte ihm ebenso Bewunderung ein wie Kritik.

Die nahm Talabani gelassen hin, so wie er überhaupt mit Ruhe und Geschick die Untiefen der irakischen Politik zu durchschiffen wusste. Das sei normal, sagte der Mann, den Kurden jeder politischen Richtung einfach "Onkel Dschalal" nannten. "Wir haben im Irak sunnitische Araber, sunnitische Kurden und Schiiten. Jede Volks- und Religionsgruppe hat ihre eigene Politik und eigene Interessen. Wir sind uns nicht in allem einig."

Gesundheitliche Probleme in den letzten Jahren

2012, als die sogenannte arabische Welt von Unruhen ergriffen wurde, bewies Talabani Weitsicht. Er hatte erkannt, dass es vermessen wäre, in Ägypten, Libyen oder Syrien von Revolutionen zu sprechen. "Ich bezweifle, dass es Revolutionen sind", sagte er. "Ich sage, es ist eine Revolte. Es ist ein Aufstand von Menschen, die unterdrückt waren, für Freiheit und soziale Gerechtigkeit. Aber eine Revolution ist in meinem Verständnis ein fundamentaler Wechsel: Ein altes Regime wird durch ein Neues ersetzt. Ein neues Wirtschaftssystem wird eingeführt, die Oberklasse gestürzt. Das ist in diesen Ländern nicht passiert."

Was Talabani von den jüngsten Entwicklungen in seiner Heimat mitbekommen hat, ist schwer zu sagen. Die letzten Jahre verbrachte er, gezeichnet von mindestens einem schweren Schlaganfall, zumeist in Krankenhäusern - auch in Deutschland - oder zuhause.

Ende des vergangenen Monats wurde in Irakisch-Kurdistan ein Referendum abgehalten. Dabei kam ein "Ja" heraus, für die Abspaltung vom Zentralirak. 2012 hatte Talabani zu einem unabhängigen Irakisch-Kurdistan "Nein" gesagt. "Jeder Kurde, der in einer Nationalbewegung aktiv war - so wie ich - träumt von einem eigenen, unabhängigen Staat", erklärte er. "Aber ich denke, dass es das Beste für die irakischen Kurden ist, wenn sie in einem geeinten Irak bleiben."

Dabei ist der Irak heute so wenig geeint wie Irakisch-Kurdistan - oder gar Talabanis eigene Partei, die PUK. Die ist von Flügelkämpfen gelähmt, sogar innerhalb der Familie des Ex-Präsidenten. Der Tod Talabanis im Alter von 83 Jahren wird diese Auseinandersetzung wohl nur kurzzeitig unterbrechen.

Ein Kämpfer und Politiker - zum Tod von Dschalal Talabani
Björn Blaschke, ARD Kairo
03.10.2017 18:38 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 03. Oktober 2017 um 19:00 Uhr.

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