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Über Jahrzehnte befanden sich Taiwan und China im Kriegszustand. Gelöst ist der Konflikt noch lange nicht, doch die Zeit des offenen Schlagabtauschs ist vorbei. Nun prüft Taiwans Regierung sogar den Bau einer Brücke zum Festland. Sie könnte zum Symbol für das Tauwetter zwischen den beiden Staaten werden.
Von Klaus Bardenhagen, Taipeh
[Bildunterschrift: Taiwans Präsident Ma selbst gab den Auftrag, Umsetzbarkeit und Kosten des Brückenprojekts zu prüfen. ]
Gerade einmal zwei Kilometer liegt die Inselgruppe Kinmen vor der südostchinesischen Küste, doch die politische Kluft zwischen beiden Seiten ist viel größer. Denn Kinmen (auch Quemoy genannt) wird von Taiwan verwaltet. Die Inselrepublik wird von Peking als unabtrennbaren Bestandteil Chinas angesehen. Hier verlief lange die Frontlinie in einem der heikelsten weltpolitischen Konflikte, Artilleriebeschuss war an der Tagesordnung.
45.000 Menschen leben heute auf den von Bunkersystemen durchzogenen Kinmen-Inseln, die zum Nationalpark erklärt wurden und langsam wieder aufgeforstet werden. Noch immer stehen sich Truppen gegenüber, doch der politische Tonfall hat sich geändert - Taiwans Regierung überlegt nun sogar, eine Brücke zwischen Kinmen und dem chinesischen Festland zu bauen.
Dabei ist Taiwans Gesellschaft gespalten. Die Anhänger von Präsident Ma Ying-jeou würden die Brücke am "Goldenen Tor", so die Übersetzung von Kinmen, begrüßen. "Das könnte ein Symbol für den Frieden und die Versöhnung mit dem Festland sein", sagte der Abgeordnete Shuai Hua-ming von der Regierungspartei Kuomintang (KMT). Für die Opposition wäre eine Brücke dagegen eher ein weiterer Beleg dafür, dass ihre Regierung Taiwans nationale Interessen vernachlässigt und China zu viele Zugeständnisse macht. Man solle sich lieber um die Wirtschaftskrise kümmern, statt Taiwan immer näher an China heranzurücken, sagte der Sprecher der oppositionellen Demokratischen Fortschrittspartei (DPP), Cheng Wen-tsang.
Wie jetzt bekannt wurde, gab Präsident Ma selbst den Auftrag, Umsetzbarkeit und Kosten einer Brücke zu prüfen. Ergebnisse sollen bald vorliegen. Ma war vergangenes Jahr mit dem Versprechen gewählt worden, die Beziehungen zu China schnell zu verbessern und damit Taiwans Wirtschaft anzukurbeln. In seinen knapp neun Monaten im Amt hat er eine Reihe von Abkommen mit Peking erreicht. So gibt es mittlerweile Direktflüge zwischen Taiwan und China, und Touristengruppen vom Festland können die Insel besuchen. Vor allem ist die diplomatische Eiszeit vorbei, beide Seiten reden wieder miteinander.
Den vorherigen Präsidenten Chen Shui-bian von der DPP hatte Peking mit Missachtung gestraft. Sein Eintreten für mehr Eigenständigkeit Taiwans wertete man als Schritt in Richtung formelle Unabhängigkeit – und das ist für Chinas Regierung und Militär ein rotes Tuch. Aus dieser Zeit stammt auch das Anti-Abspaltungsgesetz, in dem Peking mit Angriff droht, sollte Taiwan sich für unabhängig erklären. Noch immer hat China rund 1000 Raketen auf Taiwan gerichtet und blockiert Taiwans Mitwirkung etwa in der UN und der Weltgesundheitsorganisation. Daher geht die Charme-Offensive von Präsident Ma vielen Menschen in Taiwan zu weit. Sie vermissen chinesische Gegenleistungen dafür, dass Taiwan seine Ambitionen zurückgeschraubt hat und beispielsweise keine UN-Vollmitgliedschaft mehr anstrebt.
Zwei leibhaftige Verkörperungen des Streits leben seit einigen Wochen im Zoo von Taipeh und locken täglich knapp 20.000 Besucher: "Tuan Tuan" und "Yuan Yuan", die beiden Pandabären, die Präsident Ma als Geschenk Chinas angenommen hat. Offiziell misst er dieser "Panda-Diplomatie" keine tiefere Bedeutung bei und freut sich lediglich darüber, dass Taiwan sich damit für die Aufzucht gefährdeter Tierarten qualifiziert habe. Doch "Tuan Yuan" bedeutet übersetzt so viel wie "Wiedervereinigung" - und aus eben diesem Grund hatte Mas Vorgänger Chen die beiden Pandas schon vor Jahren zurückgewiesen. Ein Abgeordneter der Oppositionspartei DPP schlug nun vor, Taiwan solle China doch ein Paar einheimischer Affen schenken und sie "Tai Tai" und "Du Du" nennen – in Anspielung auf den Ausdruck für "Taiwans Unabhängigkeit".
Eine Vereinigung mit der Volksrepublik zu den Bedingungen Pekings oder nach dem Modell Hongkong als "Sonderverwaltungszone" lehnen so gut wie alle Taiwaner ab. Ihr Land hat sich in den letzten 20 Jahren von einer Militärdiktatur zur Muster-Demokratie gewandelt, die Menschen sind stolz auf Meinungs- und Pressefreiheit und ihren Wohlstand als High-Tech-Nation. Dennoch herrscht Uneinigkeit: Die Regierungspartei KMT, die bis zum Chinesischen Bürgerkrieg einst das ganze Land regierte, steht dem Festland traditionell näher. Präsident Ma will am derzeitigen Status Quo festhalten und sieht sich als Garant der "Republik China", wie Taiwan offiziell noch immer heißt. Das "grüne Lager" um die DPP möchte langfristig die Unabhängigkeit des Landes als "Republik Taiwan". Viele Taiwaner sympathisieren mit diesem Ziel, sprechen es aber lieber nicht offen aus. Sie befürchtet ein erneutes Aufflammen des Konfliktes mit China und wirtschaftliche Nachteile.
In der Regierungszeit des früheren Präsidenten Chen waren bereits erste Fährverbindungen zwischen Kinmen und dem Festland eingerichtet worden – obwohl China ansonsten die meisten seiner Initiativen abblockte. Sollte Ma Ying-jeou nun tatsächlich eine Brücke bauen lassen, würde er damit in Peking wohl auf ungeteiltere Zustimmung stoßen als bei seinen eigenen Landsleuten in Taiwan.
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