Ayman Al-Sheikh | Bildquelle: Kai Küstner

Syrischer Arzt "Wir bereiten uns auf das Schlimmste vor"

Stand: 25.10.2017 03:26 Uhr

Er war einer der letzten Ärzte im syrischen Aleppo. Als die Bomben auf die Stadt fielen, operierte Ayman Al-Sheikh weiter - zitternd vor Angst. Inzwischen arbeitet der Chirurg im Nordwesten Syriens - doch auch dort gehören Bombenangriffe zum Alltag.

Von Kai Küstner, ARD-Studio Brüssel

Jeder Chirurg wird bestätigen, dass zur Ausübung seines Berufes nichts wichtiger ist als eine ruhige Hand. Dr. Ayman Al-Sheikh erinnert sich an eine Situation im syrischen Aleppo, in der ihm die Hände zitterten wie nie zuvor. Er versuchte gerade einen Patienten mit einer gefährlichen Halswunde zu versorgen, als Bomben auf das Krankenhaus fielen. "Ich bebte vor Angst", erzählt Al-Sheikh. "Aber ich versuchte trotzdem, ihn zu retten."

Der Gefäßchirurg hatte sich bewusst dafür entschieden, in Aleppo zu bleiben - obwohl die Belagerung durch die syrischen Regierungstruppen und heftige russische Bombenangriffe bereits absehbar waren. Zunächst raste Al-Sheikh, einer der letzten Chirurgen in der Stadt, von Krankenhaus zu Krankenhaus. Doch von ursprünglich zehn blieb am Ende nur noch ein einziges übrig.

"Wir flohen unter die Erde"

Auch das letzte verbliebene Krankenhaus blieb nicht verschont. "Die Angriffe erfolgten täglich", erzählt Al-Sheikh. "Wenn wir die ersten Bomben hörten, flohen wir sofort unter die Erde. Dort harrten wir dann aus, bis die Angriffe aufhörten.“

Nach Angaben der Hilfsorganisation "Syrian American Medical Society", auf deren Einladung Al-Sheikh derzeit Europa bereist, war der junge Arzt einer der letzten Zivilisten überhaupt, die man im Dezember vergangenen Jahres aus der Stadt Aleppo in Sicherheit brachte.

Heute ist Dr. Al-Sheikh an der türkischen Grenze im Nordwesten Syriens tätig. Eine Gegend, in der Hunderttausende Flüchtlinge gestrandet sind, in der Angriffe auf Krankenhäuser ebenfalls zum grausamen Alltag gehören. "Wir bereiten uns auf das Schlimmste vor", berichtet Al-Sheikh. "Wir bauen Krankenstationen unter der Erde oder in Höhlen, damit wir unsere Pflicht erfüllen und möglichst jeden Menschen behandeln können."

Krieg in Syrien noch lange nicht zu Ende

Eines der größten Probleme in Syrien besteht aus Sicht des Arztes darin, dass auch Schwerkranke Angst hätten, sich behandeln zu lassen - aus Angst vor Angriffen auf die Hospitäler. Auch wenn es so scheinen mag, als stünde das sogenannte "Kalifat" der IS-Terroristen vor dem Zusammenbruch: Der Krieg in Syrien ist noch lange nicht zu Ende. So lautet die Botschaft des 32-jährigen Arztes. Auch an die Adresse der Europäischen Union: "Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen in ihre Heimat zurückkehren können. Und wir müssen dafür sorgen, dass sie ein Minimum an Ausbildung und Gesundheitsvorsorge bekommen." Ansonsten wachse die Gefahr einer erneuten Radikalisierung

Nun trifft man innerhalb der EU durchaus Vorkehrungen für den Wiederaufbau nach Ende des Bürgerkriegs. Doch dieser Tag scheint derzeit noch fern: Dass man sich - trotz aller Bemühungen am Verhandlungstisch - auf einen dauerhaften Waffenstillstand zubewegt, ist derzeit noch überhaupt nicht zu erkennen.   

Am OP-Tisch im Bombenhagel - syrischer Arzt berichtet
K. Küstner, ARD Brüssel
24.10.2017 22:09 Uhr

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Über dieses Thema berichtete am 25. Oktober 2017 Deutschlandfunk um 07:43 Uhr und NDR Info um 10:20 Uhr.

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