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"Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte" Glaubwürdige Informationen aus Syrien?

Stand: 16.04.2016 12:39 Uhr

Informationen aus dem syrischen Bürgerkriegsgebiet zu bekommen, ist schwierig, fast unmöglich. Viele Erkenntnisse stammen von der "Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte". Doch wie verlässlich ist diese Organisation?

Von Volker Schwenck, ARD-Studio Kairo

Ordentlicher Journalismus liefert exakte Zahlen und verlässliche Fakten. Manchmal ist es aber nahezu unmöglich, genau das zu bekommen - in Syrien zum Beispiel. Weite Teile des Landes sind für unbeteiligte Beobachter nicht zugänglich: für ehrwürdige Organisationen wie das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, für UN-Experten, Menschenrechtler und eben auch für einfache Journalisten.  

Und so wird über viele Ereignisse in Syrien vor allem von Menschen berichtet, die eben nicht unbeteiligt sind. Rebellen schildern Fassbomben-Angriffe der syrischen Regierung, das syrische Staatsfernsehen berichtet über Angriffe der Rebellen und der IS liefert seine Horror-Propaganda gleich selbst frei Haus. Überprüfbare Fakten? Andere Quellen? Fehlanzeige. Das ist das Dilemma.

Zahlen und Fakten mit Vorsicht genießen

Im besten Fall sind die Berichte aus Syrien unvollständig oder ungenau. Im schlechtesten Falle sind sie politisch motiviert, übertrieben oder gleich ganz gefälscht. Nirgendwo wird so oft die Unwahrheit gesagt wie in Kriegsgebieten, manchmal aus Unwissenheit, manchmal planvoll und wider besseres Wissen. Darum sind selbstverständlich auch die Zahlen und Fakten, die von der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte verbreitet werden, mit Vorsicht zu genießen - wie alle Zahlen und vermeintliche Fakten aus Syrien. Einfach deshalb, weil in einem Kriegsgebiet kaum etwas mit Sicherheit zu verifizieren ist.

Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte (Syrian Observatory for Human Rights, SOHR) sitzt in Großbritannien und will Menschenrechtsverletzungen in Syrien dokumentieren. Die Informationen der Beobachtungsstelle lassen sich nicht unabhängig überprüfen.  

Viel ist über die Syrische Beobachtungsstelle geschrieben worden. Der Betreiber wurde heftig angegriffen, einmal von ihm nicht eben freundlich gesonnenen russischen Journalisten regelrecht vorgeführt. Anfangs verbarg er seine Identität hinter dem Pseudonym Rami Abdulrahman, heute steht sein echter Name Osama Suleiman in Wikipedia. Der gebürtige Syrer steht der syrischen Opposition nahe. Er betrieb anfangs ein Bekleidungsgeschäft im britischen Coventry.

Die Beobachtungstelle ist keine große Organisation. Eine Handvoll Leute - inklusive Suleiman - sammelt, überprüft und veröffentlicht Meldungen, Fotos und Videos über Krieg und Mord und Menschenrechtsverletzungen in Syrien. Ein mehr als 200 Aktivisten umfassendes Netzwerk in Syrien liefere die Informationen, wird Suleiman zitiert.

Kompendium des alltäglichen Grauens

Die Internetseite der Organisation - in Englisch und Arabisch - bietet Neuigkeiten rund um den syrischen Bürgerkrieg und ist zugleich ein Kompendium des alltäglichen Grauens: Enthauptungen durch den IS, Berichte über Kämpfe zwischen den verschiedenen Parteien und immer wieder Nachrichten über Massaker, für die die Syrische Beobachtungstelle die syrische Armee oder die russische Luftwaffe verantwortlich macht. Über die Jahre ist die Internet-Seite professioneller und die abgebildeten Fotos sind etwas weniger grauenhaft geworden, aber oft wird einem einiges zugemutet - die blutige Realität des Krieges.

Nicht alle Meldungen sind immer ganz aktuell, manche werden auch schnell wieder dementiert. Zusammenfassende Berichte vermelden die Zahl der in einem bestimmten Zeitraum in Syrien ums Leben gekommenen Menschen: Zivilisten, IS-Kämpfer, Rebellen, syrische Soldaten oder nichtsyrische Unterstützer des Assad-Regimes. Bei den Toten macht die Beobachtungsstelle keinen Unterschied.

Kämpfe in der Syrischen Provinz Aleppo. | Bildquelle: AFP
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Regelmäßig liefert die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte Informationen aus umkämpften Regionen, hier die Provinz Aleppo.

Amnesty nutzt die Zahlen - und vergleicht

Sara Hashash, Sprecherin bei Amnesty International für Nordafrika und den Nahen Osten, sagt es so: Amnesty nutze die Zahlen der Beobachtungsstelle und vergleiche sie mit anderen. Es sei eine Quelle neben anderen.  Die Beobachtungsstelle stütze sich auf ein relativ großes Netzwerk von Aktivisten in Syrien und liefere ganz gute Informationen. Das klingt recht positiv.

Eigenes Netzwerk der ARD-Journalisten

Wir im ARD-Studio Kairo haben eigene Kontakte in Syrien. Es ist kein Netzwerk, das Hunderte oder auch nur Dutzende Informanten umfasst. Es sind einige Menschen, die wir persönlich kennen, mit denen wir selbst gearbeitet haben - denen wir vertrauen. Diese Informanten haben Freunde unter Aktivisten oder Kämpfern, denen wiederum sie vertrauen.

So spinnt sich ein Netz in verschiedene Landesteile. Ja, es ist ein Netz, in dem Informationen von einem zum anderen weitergegeben werden. Augenzeugen berichten Bekannten, die tragen die Informationen weiter. Das Netz ist unvollkommen, nicht immer hundertprozentig genau und stets bedroht - Aktivisten werden getötet, gekidnappt oder sie fliehen nach Europa. Aber es ist das beste, was wir haben. Einen unserer Kontakte haben wir nach der Syrischen Beobachtungsstelle gefragt.

Er rief einen Freund in Aleppo an:

Frage: "Kennst du die Syrische Beobachtungsstelle? Hältst du sie für zuverlässig?"

Antwort: "Die haben Aktivisten auf der Regime-Seite und auf der Rebellen-Seite, die kommunizieren direkt mit dem Leiter der Beobachtungsstelle. Ich glaube, das ist alles zu 90 Prozent wahr." 

Frage: "Wie funktioniert das? Werden die Aktivisten bezahlt?"

Antwort: "Besprich das doch am besten mit dem Leiter der Beobachtungsstelle direkt! Ich darf keine Details erzählen. Die meisten Aktivisten arbeiten aus Sicherheitsgründen geheim, sie geben sich den anderen nicht zu erkennen. Es sind Freiwillige, manche bekommen Kommunikationsmittel. Die Beobachtungsstelle wird geschätzt, weil sie Nachrichten schnell und ungeschminkt verbreitet. Aber manche behaupten, der Leiter der Beobachtungsstelle sei nicht völlig neutral ... ."

Mit mangelnder Neutralität kann man leben, wenn man davon weiß und wenn man sie benennt. Wenn man Informationen einordnen und nach Möglichkeit korrigieren kann. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte liefert absolut brauchbare Hinweise auf Ereignisse in Syrien. Natürlich muss man die Informationen vor Verwendung prüfen, so gut das eben im Falle Syrien möglich ist. Die Beobachtungsstelle und jeder andere Berichterstatter aus Syrien haben das gleiche Problem. Es bleibt ein Rest Unsicherheit. Leugnen wäre unehrlich.

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