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23.02.2012

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Christen in Syrien: Die Angst vor dem Sturz Assads
Christen in Syrien

Die Angst vor dem Sturz Assads

Der Aufstand in Syrien geht quer durch die religiösen Gruppen. Aber vor allem die Christen tun sich schwer mit dem Protest. Noch genießen sie den Schutz des Regimes und halten zu Präsident Assad. Doch immer mehr junge Christen solidarisieren sich mit den Muslimen.

Von Simon Kremer, NDR

Prächtig liegt die Ummayaden-Moschee im Zentrum von Damaskus. In einem Schrein soll sie den Kopf Johannes des Täufers beherbergen, weshalb Christen und Muslime gleichermaßen dorthin pilgern. In Syrien verlaufen die Traditions- und Trennlinien zwischen den Religionen eng nebeneinander.

Etwa drei Viertel der Bevölkerung sind sunnitische Muslime. Die Schiiten, die vor allem im Irak und Iran leben, spielen in Syrien kaum eine Rolle. Viel bedeutender sind andere Minderheiten im Land: Die etwa zehn Prozent Christen, etwa ähnlich viele Alawiten, daneben noch Drusen oder Jesiden.

Hunderte Menschen in der Ummayaden-Moschee im Zentrum von Damaskus (Archiv) (Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Die Ummayaden-Moschee in Damaskus: Ein Pilgerort für Christen und Muslime. ]

Viele Christen fürchten derzeit noch den Sturz von Präsident Baschar al Assad. So erinnerte der syrisch-orthodoxe Metropolit von Aleppo unlängst daran, dass das Assad-Regime für die Religionsgemeinschaften ein "hohes Maß an Sicherheit und Stabilität" gebracht habe. In keinem anderen arabischen Land gebe es eine so große Freiheit für religiöse Minderheiten wie in Syrien, sagte der Bischof. Der Grund: Assad ist Alawit.

Den Sunniten gelten die Alawiten jedoch als mystische Sekte, weil sie an Seelenwanderung glauben und den Imam Ali, den Schwiegersohn des Propheten Mohammed, als gottgleich verehren. Das ist nicht nur für radikale Muslime undenkbar. Während in Ägypten oder Tunesien die Menschen auf die zentralen Plätze stürmten und über alle sozialen und religiösen Unterschiede hinweg einstimmig den Rücktritt der Diktatoren forderten, hörte man aus Syrien andere Töne: In Daraa, wo der Aufstand begann, skandierten Demonstranten: "Wir wollen einen Muslim, der Gott fürchtet."

Das Foto soll Proteste gegen den syrischen Präsidenten Assad in der Nähe von Homs zeigen (Archiv). (Foto: REUTERS) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Das Foto soll Proteste gegen Syriens Präsidenten Assad in der Nähe von Homs zeigen (Archiv). ]

Der aktuelle Konflikt bringt die Christen im Land in ein Dilemma und spaltet sie: Wenn sie sich hinter den Präsidenten stellen, droht ihnen, dass sie in einen bewaffneten Konflikt mit hineingezogen werden. Stellen sie sich auf die Seite der Revolution, riskieren sie es, ihre Privilegien und den Schutz des Regimes zu verlieren. Viele Christen sehen, wie es ihren Glaubensbrüdern in anderen Ländern ergeht: Im Irak, in Ägypten und in Nigeria sind Christen immer wieder Ziel von Übergriffen. Doch der syrische Patriarch Gregor III. sagte unlängst: "Die Revolution ist kein Konflikt zwischen Christen und Muslimen." Vielmehr handele es sich um Konflikte unter Muslimen.

Immer mehr Proteste auch in christlichen Vierteln

Dabei blendet der Patriarch aus, dass mancherorts Christen schon längst Teil des Konflikts sind. In der Peripherie, abseits des Machtzentrums Damaskus, solidarisieren sich viele - vor allem junge - Christen mit den Muslimen. Die Proteste führen immer häufiger auch durch christliche Stadtviertel. In Homs läuteten bei der Beerdigung eines muslimischen Demonstranten sogar die Kirchenglocken.

Der syrische Patriarch Gregor III. während eines Gottesdienstes in Damaskus (Archiv) (Foto: dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Patriarch Gregor III. hält dem Assad-Regime noch die Treue. ]

Geistliche Führer rücken zusammen

Auch die geistliche Führung im Land rückt in dem Konflikt näher zusammen, steht jedoch auf Seiten des Präsidenten. Anfang der Woche trafen sich in der Hauptstadt Damaskus Christen und Muslime zu einem gemeinsamen Gebet. Der sunnitische Großmufti in Syrien, Scheich Achmed Hassoun, forderte ein Ende der Gewalt und, dass soziale Unterschiede aufgehoben werden. Er gilt als enger Freund des Präsidenten und ist bei saudischen Imamen ob seiner liberalen Positionen verhasst. Persönlich hat der sunnitische Großmufti viel zu verlieren, sollte Assad stürzen. Genauso wie die christlichen Bischöfe, die um ihren Einfluss fürchten. Sie fordern zwar Reformen, aber unter einem Präsidenten Assad.

Die politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten in der Hauptstadt sind groß und bergen explosives Potenzial: Sollte Assad im Amt bleiben, droht ein andauernder Bürgerkrieg, der sich auf die Küstenregion im Westen, das Zentrum der Alawiten, ausdehnen könnte und in den auch die Christen mit hineingezogen werden könnten.

Zu lange mit dem Diktator paktiert?

Wenn das Regime fällt, könnten Christen in einem destabilisierten Syrien zunehmend Ziel islamistischer Übergriffe werden, sollte nicht schnell eine gemäßigte Regierung die Macht erlangen und Minderheiten wie die Christen weiterhin schützen. In jedem Fall werden Christen und Muslime gleichermaßen künftig kritische Fragen an ihre geistigen Führer stellen. Denn die haben doch überraschend lange mit dem Diktator paktiert und damit die Loyalität von vielen Gläubigen verloren. Und auch die sozialen Spannungen, die seit Jahren in der syrischen Gesellschaft gären, konnten die Kirchenführer mit ihrer Nähe zum Regime nicht mildern.

Stand: 15.01.2012 12:44 Uhr
 

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