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Die gewalttätige Repression der Protestbewegung in Syrien hält ungeachtet aller internationaler Proteste an. Trotzdem gibt es eine geduldete Opposition - die aufgrund ihrer Regimetreue jedoch kaum Anhänger hat. Die Assad-Gegner dagegen sind breit aufgestellt, jedoch zersplittert.
Von Björn Blaschke, ARD-Hörfunkstudio Kairo
[Bildunterschrift: Regierungsanhänger protestieren in Damaskus gegen die Sanktionen der Arabischen Liga. ]
Wer heute in Syrien als Journalist einreisen darf, dem wird freimütig der Zugang zur Opposition gewährt - zur Opposition, die das Regime zulässt. Zum Beispiel Adel Naissa: Sein Gesicht ist faltig, sein Kopf fast kahl. Die vielen Zigaretten, die er schon in seinen mehr als siebzig Lebensjahren geraucht hat, haben seine Zähne gelb werden lasse.
In seinem zu großen Anzug sieht er zerbrechlich aus, aber gebrochen ist er nicht: Und das, obwohl Adel Naissa 25 Jahre lang in syrischen Gefängnissen verbracht hat - ohne formale Anklage: 1970 hatte sich Hafiz al Assad an die Macht geputscht. Und viele derer, die - wie Naissa - bis dahin seine Weggefährten gewesen waren, weggesperrt. Sie hätten ihn ja kritisieren können.
Erst Mitte der 90er-Jahre ließ Hafiz Gnade vor Unrecht walten. Naissa kam frei. Heute zählt er zu den Oppositionellen, die Bashar, der Sohn des alten Assad, akzeptiert. Naissa macht mit: "Syrien ist in Gefahr", sagt er. Er konzentriere sich nicht auf die Frage, wer das Regime ist. Und wer Präsident. Was ihm wichtig sei, sei die Zukunft des Landes.
Naissa engagiert sich in der "Volksfront für Wandel und Freiheit", einer Allianz mehrerer Oppositionsgruppen und Oppositionsparteien. Aber: Bei allem wirkt er recht staatstragend. Die baldigen politischen Reformen, die Staatschef Assad angekündigt hat, eine neue Verfassung zum Beispiel, findet Naissa richtig. So ist es auch, wenn es um soziale Reformen geht: Der alte Mann unterstützt den von Assad angekündigten Kampf gegen die Korruption. Naissa will, dass die riesigen Geldsummen, die einige wenige Syrer besitzen, gerecht verteilt werden.
Soziale Gerechtigkeit fordern auch viele jener, die seit Monaten auf Syriens Straßen demonstrieren: Der größte Teil von ihnen stammt aus der unteren Mittelschicht, aus den Vororten der großen Städte oder den Provinzen, Gebiete, um die sich der Staat in der Vergangenheit kaum gekümmert hat. Die Menschen dort leiden unter hoher Arbeitslosigkeit und wenig Aussicht auf ein besseres Leben.
Dass sich das ändert, dafür tritt auch Ali Haidar ein. Wie Adel Naissa gehört er der vom Regime zugelassenen "Volksfront für Wandel und Freiheit" an und ist zugleich Vorsitzender der "Syrischen Sozialistische Nationalpartei".
Haidar findet klare Worte der Kritik an Staatschef Assad: Das Regime sei zu Beginn der Proteste mit unangemessener Gewalt gegen die Demonstranten vorgegangen, sagt Haidar. Und das habe wiederum dazu geführt, dass sich eine Minderheit bewaffnet habe, die jetzt vorgibt, die Demonstranten zu schützen. Dazu kämen gewöhnliche Kriminelle, aber auch militante Islamisten - Salafis. Und zu denen zählten heute, jedenfalls teilweise, auch die Muslim-Brüder.
Als unlängst auf Gebäude von Sicherheitskräften und Geheimdiensten in Damaskus Sprengstoffattentate verübt wurde, erschien ein Bekennerschreiben, das angeblich die Muslimbruderschaft verfasst hat. Allerdings wiesen die Brüder das umgehend als Fälschung zurück. Im Gegenzug warfen sie dem Regime vor, es habe ihre Webseite manipuliert und ein falsches Schuldeingeständnis platziert.
So oder so: Alle Islamisten wurden in Syrien Jahrzehnte lang brutal unterdrückt. Da ist es nicht verwunderlich, dass sie sich dem Aufstand, der ursprünglich von sozialen Forderungen getragen wurde, angeschlossen haben. Aber, so sagt es Ali Haidar, mittlerweile vereinnahmten Militante diesen Aufstand mehr und mehr. Und: Weil dem Westen - den Amerikanern und Europäern, aber auch Saudi Arabien und Qatar - Syrien als Frontstaat gegen Israel ein Dorn im Auge sei, unterstützten diese Länder die Militanten, sagt Ali Haidar: Sätze, die von Regimevertretern ebenfalls immer wieder zu hören sind.
Überhaupt wirkt die von der Regierungsseite akzeptierte Opposition in so vielem wenig oppositionell. Aber in dieser Besonderheit spiegelt sie einen Teil der Gesellschaft. Eine nicht geringe Zahl Syrer befürwortet nämlich Reformen von oben. Ein Zusammenbruch des Regimes, so fürchten sie, könnte ein Auseinanderbrechen der Gesellschaft mit sich bringen - und den militanten Islamismus befördern. Weil Syrien sich aus zahlreichen religiösen und ethnischen Gruppen zusammensetzt, wären Folgen wie in Somalia, Afghanistan und im Irak absehbar.
Anders als die vom Regime akzeptierte Opposition sind die im Untergrund aktiven Mitglieder der Protestbewegung in Damaskus weniger leicht zugänglich. Aber wer ihnen begegnet, trifft auf Leute, die sich nicht von der Angst leiten lassen wollen. Sie sind optimistischer. Sie sagen, die Revolte in Syrien werde von Vertretern aller religiösen und ethnischen Gruppen getragen: von sunnitischen und schiitischen Muslimen, von Christen, Drusen oder Alewiten, zu denen auch Staatschef Assad gehört.
Islamisten vom Schlage Al Kaidas, wie die Führung des Landes immer wieder behauptet, seien an der Revolte weitgehend unbeteiligt. Aber man bereitet sich im Untergrund auf einen weitergehenden Kampf vor. Jedenfalls heißt es, unter Soldaten werde mit kleinen Zetteln dafür geworben, zu desertieren und zur so genannten "Freien Syrischen Armee" überzulaufen.
Das lehnen Männer wie Adel Naissa, der 25 Jahre lang in syrischen Gefängnissen gesessen hat, ab: "Das Land muss verteidigt werden, seine Einheit gewahrt bleiben, gegen alle Verschwörungen."
Die Opposition in Syrien heute - ob nun akzeptiert oder im Untergrund - ist alles andere als geschlossen. Und damit ähnelt sie der Opposition außerhalb des Landes, dem in Istanbul ansässigen "Syrische Nationalrat" zum Beispiel. Staatschef Assad und seinen Getreuen können damit sicherlich gut leben.
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