Bis zu 1360 Tote bei Angriffen in Syrien Experten wollen Giftgas-Vorwurf prüfen

Stand: 21.08.2013 19:28 Uhr

Syrische Aktivisten in einer Halle mit Opfern des angeblichen Giftgaseinsatzes in der Region Ghuta (Bildquelle: REUTERS)
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Viele der Leichen sollen keine Zeichen einer Verletzung aufweisen. Die syrische Opposition sieht das als Beleg für einen Giftgas-Einsatz.

Syrische Aktivisten werfen Regierungstruppen vor, bei einem Angriff Hunderte Menschen getötet und dabei auch Giftgas benutzt zu haben. Die Opposition sprach von bis zu 1360 Toten und vielen Hundert Verletzten. Die Angaben konnten von unabhängiger Seite bislang nicht überprüft werden.

Mit Nervengas bestückte Raketen seien vor dem Morgengrauen in mehreren Vororten der Hauptstadt Damaskus eingeschlagen, erklärten Vertreter der syrischen Opposition. Aufnahmen zeigten Dutzende Leichen auf dem Boden einer Klinik, darunter auch Kinder, die äußerlich keine Zeichen einer Verletzung aufwiesen. Der allgemeine syrische Revolutionsausschuss veröffentlichte Videos auf YouTube, die den Giftgaseinsatz belegen sollten. Die Echtheit der Aufnahmen konnte nicht unmittelbar überprüft werden.

UN-Sicherheitsrat befasst sich mit Vorwürfen

Die internationale Gemeinschaft forderte eine rasche, umfassende und unabhängige Untersuchung der Vorwürfe durch ein Team von UN-Experten, das sich derzeit ohnehin in Damaskus aufhält. Der UN-Sicherheitsrat wollte sich noch heute bei einer Sondersitzung hinter verschlossenen Türen mit den Vorwürfen befassen.

Der Chef des UN-Expertenteams für Chemiewaffen, Åke Sellström, sagte der schwedischen Nachrichtenagentur TT: "Die erwähnte hohe Anzahl Verletzter und Getöteter klingt verdächtig. Es klingt wie etwas, das man untersuchen sollte." Für eine Untersuchung müsste sich Sellström zufolge ein UN-Mitgliedstaat an den Generalsekretär der Vereinten Nationen wenden.

Berichte über Tote nach Giftgas-Einsatz
tagesthemen 22:15 Uhr, Joana Jäschke, SWR

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Berlin, Paris und London fordern schnelle Aufklärung

Deutschland, Großbritannien und Frankreich forderten die UN-Inspektoren in Damaskus auf, die Anschuldigungen zu untersuchen. "Diese Vorwürfe sind sehr gravierend und alarmierend", erklärte Bundesaußenminister Gudo Westerwelle am Rande eines EU-Außenministertreffens in Brüssel. "Sie müssen schnellstens aufgeklärt werden."

Der französische Präsident François Hollande kündigte an, die UN um eine Untersuchung zu bitten. Auch Großbritanniens Außenminister William Hague forderte die Führung in Damaskus auf, den UN-Inspekteuren sofort Zugang zu gewähren. Saudi-Arabien verlangte eine Krisensitzung des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen.

Syrien gibt kein grünes Licht für Inspektion

Die syrische Regierung will kurzfristig keinen Besuch der UN-Experten in einem umkämpften Gebiet östlich von Damaskus erlauben. Der syrische Informationsminister, Omran al-Soabi, sagte im arabischsprachigen Programm des russischen Senders Russia Today, die Chemiewaffen-Experten könnten nicht einfach spontan den Bezirk Al-Ghuta Al-Scharkija inspizieren. Dafür bedürfe es vorab einer "Vereinbarung mit der Regierung". Es sei auch nicht ausgeschlossen, dass radikale Islamisten-Brigaden dort Chemiewaffen eingesetzt hätten, "so wie zuvor schon in Aleppo", fügte er hinzu.

Die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana wies die Angaben über Giftgaseinsätze als "völlig falsch" zurück. Es handele sich um den Versuch, die derzeit in Syrien tätigen UN-Experten für Chemiewaffen von der Erfüllung ihrer Aufgabe abzuhalten. Auch die Armee wies die Vorwürfe in einer Mitteilung zurück, die im Staatsfernsehen verlesen wurde.

Führung weist angeblichen C-Waffeneinsatz zurück
B. Blaschke, ARD Kairo
21.08.2013 14:12 Uhr

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UN-Experten derzeit in Damaskus

In der syrischen Hauptstadt hält sich derzeit ein Team der Vereinten Nationen auf, das den Einsatz von Giftgas im syrischen Bürgerkrieg untersuchen soll. Die Regierung hat den Experten jedoch bislang nur gestattet, drei Orte aufzusuchen, in denen Chemiewaffen zum Einsatz gekommen sein sollen. Die syrischen Behörden und Rebellen werfen sich gegenseitig den Einsatz von Chemiewaffen vor.

Der Bürgerkrieg in Syrien begann vor rund zweieinhalb Jahren. Nach UN-Angaben wurden bei den Kämpfen zwischen Aufständischen und Regierungstruppen mehr als 100.000 Menschen getötet. Millionen ergriffen zudem die Flucht.

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