Seitenueberschrift
Verhältnis zwischen Türkei und Syrien
Gespannte Ruhe nach Abschuss von Militärjet
Der Abschuss eines türkischen Militärflugzeugs durch Syrien hat das seit Monaten angespannte Verhältnis zwischen beiden Ländern weiter verschärft. Das NATO-Mitglied Türkei verlangte von der syrischen Führung eine Erklärung für den Vorfall.
Appelle zur Besonnenheit
Nach einem derartigen Zwischenfall könne man nicht zur Tagesordnung übergehen, sagte Präsident Abdullah Gül. Zugleich war die Türkei sichtlich bemüht, die Situation nicht eskalieren zu lassen. Der Minister für EU-Angelegenheiten, Egemen Bagis, rief seine Landsleute zur Ruhe und Geduld auf. "Es ist wichtig, daran zu denken, dass nicht alles schwarz oder weiß ist", sagte er. Auch der stellvertretende Ministerpräsident Bülent Arinc mahnte zur Besonnenheit.
Abschuss einer türkischen Militärmaschine belastet Verhältnis beider Staaten
tagesthemen 21:35 Uhr, 23.06.2012, Michael Schramm, ARD Istanbul
Kein feindlicher Akt
Syrien bezeichnete den Abschuss eines türkischen Kampfflugzeugs inzwischen als Versehen. Es sei kein feindlicher Akt gegen das Nachbarland gewesen, sagte der syrische Außenministeriumssprecher Dschihad Makdisi einem türkischen Nachrichtensender. Syrien habe seine Souveränitätsrechte gegen ein unbekanntes Flugzeug verteidigt, das in seinen Luftraum eingedrungen sei. Makdisi wurde mit den Worten zitiert, es gebe keine Feindseligkeit gegenüber der Türkei. Syrien habe nicht erkannt, dass es sich um ein türkisches Flugzeug handele.
UN-Generalsekretär Ban Ki Moon zeigte sich "tief besorgt über die möglichen ernsthaften Auswirkungen dieses Vorfalls für die Region". In einem Telefonat mit dem türkischen Außenminister Ahmet Davutoglu lobte er die Zurückhaltung der Türkei und bot angesichts der "schwierigen Umstände" die Unterstützung der Vereinten Nationen an. Außerdem forderte Ban beide Seiten auf, die Angelegenheit weiter auf diplomatischem Weg zu klären. Auch Bundesaußenminister Guido Westerwelle hatte "große Sorge" geäußert und die besonnene Reaktion der Türkei begrüßt.
Im syrischen Luftraum?
Der Militärjet war in der Nähe der Küstenstadt Latakia abgeschossen worden. Das türkische Flugzeug soll nach syrischen Angaben in den Luftraum des Landes eingedrungen sein. Präsident Gül räumte ein, dass die Maschine vom Typ F-4-Phantom den syrischen Luftraum verletzt haben könnte. Es sei ein "Routinevorgang", dass mit hoher Geschwindigkeit fliegende Militärmaschinen kurzzeitig Grenzen überqueren, zitierte ihn die Nachrichtenagentur Anadolu. In diesem Falle hätten aber "keine schlechten Absichten" vorgelegen, fügte er hinzu.
Gül kündigte an: "Es gibt keine Zweifel daran, dass die notwendigen Schritte unternommen werden." Worum es sich dabei handeln könnte, sagte er nicht. "Unsere Ermittlungen werden sich darauf konzentrieren, ob das Flugzeug innerhalb unserer Grenzen abgeschossen wurde oder nicht", sagte der türkische Staatschef. "Weil das ernste Konsequenzen haben könnte, wird es von uns keine Stellungnahme geben, bevor die Details untersucht worden sind."
Suche nach Piloten
Nach türkischer Darstellung war die abgeschossene F-4 ein Aufklärer und kein Kampfflugzeug. Das Flugzeug wurde nach syrischen Angaben einen Kilometer vor der Küste getroffen. Unklar blieb zunächst, warum das syrische Militär die F-4 abschoss. Die Maschine war auf dem Luftwaffenstützpunkt Malatya gestartet und flog in der Nähe des engen Luftkorridors, der die Türkei mit ihren Truppen im Norden der geteilten Insel Zypern verbindet.
Türkei will entschlossen auf Abschuss reagieren
R. Baumgarten, ARD Istanbul
23.06.2012 15:16 Uhr
Von den beiden Piloten fehlt noch jede Spur. Türken und Syrer suchen gemeinsam nach den zwei Vermissten. Flugzeuge der syrischen Luftwaffe und Marineeinheiten seien daran beteiligt, berichteten staatsnahe syrische Medien.
Türkei und Syrien - längst keine Verbündeten mehr
Vor Beginn des Aufstands in Syrien im März 2011 galten Ankara und Damaskus als Verbündete, seitdem wurde die Türkei zu einem der schärfsten Kritiker des Regimes von Präsident Baschar al Assad. Angesichts der anhaltenden Gewalt in Syrien hat auch die Türkei den Rücktritt Assads gefordert. Mehr als 30.000 Flüchtlinge aus Syrien fanden in der Türkei inzwischen Zuflucht. Syrien wirft dem Nachbarland vor, dass es Waffenlieferungen für die Rebellen passieren lässt. Die Regierung in Ankara bestreitet das.
Darüber hinaus wies die Türkei Ende Mai wie zahlreiche westliche Länder alle syrischen Diplomaten aus. Der Grund war das Massaker in Al Hula mit mehr als 100 Toten. Daraufhin erklärte Syrien auch türkische Diplomaten zu unerwünschten Personen.
Stand: 24.06.2012 09:56 Uhr
