Syrien Türkei Flüchtlingslager

Opposition in Syrien Gegen Assad - und gegeneinander

Stand: 22.06.2012 09:16 Uhr

Mehr als 25.000 syrische Flüchtlinge sind in der Türkei. Täglich kommen weitere Zivilisten und Rebellen über die Grenze. Doch die Aufständischen sind untereinander zerstritten. Sie halten nichts vom Syrischen Nationalrat, der eigentlich nach außen die Interessen der Opposition widerspiegeln soll.

Von Martin Durm, SWR, zurzeit an der türkisch-syrischen Grenze

Die Grenzwälder von Hatay, nahe der Mittelmeerküste, wo die Türkei im Südwesten auf Syrien trifft: Idlib, das täglich unter Beschuss liegt, ist nur wenige Kilometer entfernt. Aber hier ist es still, friedlich, könnte man meinen. Hohe Pinien überall auf den Hügeln, der Waldboden ist gepolstert mit getrockneten Nadeln. Drüben, auf syrischer Seite ist er vermint. Unten im Tal liegen drei Dörfer und zwei Flüchtlingslager.

Die Türkei, die mittlerweile mehr als 25.000 syrische Flüchtlinge in grenznahen Lagern versorgt, betreibt eine großzügige Flüchtlingspolitik der offenen Tür. Männer und Frauen gehen im Lager Yayladagi ein und aus, Kinder nutzen das hohe Eingangstor als Klettergerüst. "Nieder mit Baschar", singen sie mit ihren Erstklässer-Stimmen, "Baschar wird stürzen, wir bleiben in Idlib."

Situation der Flüchtlinge im syrisch-türkischen Grenzgebiet
M. Durm, ARD Kairo
22.06.2012 08:16 Uhr

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"Baschar ist gemein"

Aber als die Panzer der Regierungsarmee in ihre Heimatstadt rollten, mussten sie doch gehen, zusammen mit ihren Müttern und Vätern, von denen sie die Spottlieder lernten. "Baschar ist gemein", sagt die sechsjährige Naga, "wir haben Angst vor ihm. Wenn wir heimgehen, werden seine Soldaten uns töten."

Vor einigen Tagen setzten die Vereinten Nationen Syrien wegen Gewalt gegen Kinder auf die sogenannte "Liste der Schande". Regierungstruppen, heißt es im Bericht der UN-Sondergesandten, missbrauchten Kinder als Schutzschilde setzten sie auf Armeefahrzeuge, um nicht beschossen zu werden. Selbst Neunjährige seien gefoltert und ermordet worden. "Es gibt viele blöde Soldaten", sagt Naga. "Es gibt auch gute - aber nicht genug, um Baschar zu verjagen."

Syrische Flüchtlinge in einem Lager in der türkischen Provinz Hatay (Bildquelle: AFP)
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Syrische Flüchtlinge in einem Lager in der türkischen Provinz Hatay

Banger Blick in die Heimat

Am Ortsrand des türkischen Grenzdorfes Ischrin steht Mohammed Assad Faizeh und schaut durch sein Fernglas hinüber auf die syrische Seite. Er mache das jeden Tag, sagt er. Und sieht: Einen Stacheldrahtzaun, der die Hügellandschaft zerschneidet. Drei syrische Soldaten, die sich in einem Rohbau verschanzen. Links davon ein paar verlassene Häuser. "Das ist Khirbet al Schaws", sagt Mohammed - sein Dorf: "Ich habe da drüben 6000 Olivenbäume stehen, und 1000 Apfelbäume. Du kannst sie von hier aus sehen - da drüben auf dem Hügel. Letztes Jahr konnten wir sie schon nicht abernten." Und dieses Jahr werde es wohl auch wieder nichts. "Wenn Assad weg ist, dann geh' ich einfach über die Grenze und kümmere mich wieder um die Bäume."

Die Soldaten im Rohbau verschwinden jetzt hinter einem Mauervorsprung. Falls sie ebenfalls ein Fernglas haben, müssten sie deutlich erkennen, dass es in Ischrin ein paar Scheunen gibt mit der Aufschrift: "Baschar Kalb - Baschar ist ein Hund." Daran lässt sich ablesen, dass die türkisch-syrischen Beziehungen, die vor dem Aufstand noch sehr eng waren, mittlerweile ziemlich angespannt sind. "Wenn wir näher kommen, schießen sie sofort", sagt Mohammed und ergänzt: "Hier sind überall Scharfschützen. Jeden Tag hören wir hier Schüsse."

Straße in Idlib (Bildquelle: dapd)
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Eine Straße in der umkämpften syrischen Stadt Idlib

Nachschub für den Kampf gegen Assad

Trotzdem kommen täglich Syrer illegal über die Grenze. Zivilisten und Rebellen, die in der türkischen Provinzmetropole Antakya Nachschub organisieren "Heute Morgen bin ich aus Idlib gekommen", sagt ein Offizier der Freien Syrischen Armee FSA. Ich gehe morgen früh wieder zu meinen Männern zurück." Die Katiba - die Einheit, die er führe - bestehe aus 150 Kämpfern. Vor sechs Monaten desertierte er aus der Regierungsarmee, weil er nicht auf Protestierende schießen wollte.

Als ehemaliger Offizier übernahm er dann in Idlib eine Katiba, eine Rebellenmiliz, und nannte sie "Tahrir i schemal - befreiter Norden." Syriens Norden ist zwar noch längst nicht befreit, aber angeblich kontrollieren die Rebellen mittlerweile immer mehr Straßen, Dörfer und Stadtgebiete in der Region. Von wem er Befehl bekommt, weiß der FSA-Offizier selbst nicht so genau - offiziell von General Mustafa al Scheich, dem operativen Chef der FSA.

Scheich ist als bislang einziger aus dem Generalstab zu den Aufständischen übergelaufen. Aber es gibt auch noch Colonel Assad, der wesentlich früher desertierte und die Autorität General Scheichs nicht akzeptiert. Es gibt einen Hohen Militärrat, ein paar hundert lokale Milizen, säkuläre, kurdische, sunnitische, auch islamistische wie die "Front zum Schutz des Volks der Levante", die wiederum zum Umfeld von Al Kaida zählt. Die einen haben sich dem Hohen Militärrat unterstellt, andere sind lose mit ihm vernetzt, wieder anderen sind mit ihm zerstritten.

Mitglieder der "Freien Syrische Armee" (Bildquelle: AFP)
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Mitglieder der "Freien Syrische Armee" - sie kämpfen für ein Syrien ohne Präsident Assad.

Im Grunde, sagt der Offizier, müsse jeder selbst schauen, wie er durchkommt: "Ich bringe, was ich finden kann. Kameras, Telefone, alles was Kommunikation ermöglicht, auch Verbandszeug und Medikamente. Ich würde auch Waffen einschleusen."

Vom oppositionellen Syrischen Nationalrat erwartet er nichts. Dabei versprachen die "Freunde Syriens", zu denen mittlerweile mehr als 70 Staaten gehören, unter ihnen die USA, Frankreich, Saudi-Arabien, nun schon bei vier Konferenzen dem organisierten Widerstand im Exil demonstrativ Unterstützung. Herausgekommen ist bislang aber nur die offizielle Anerkennung des Nationalrats als legitimer Vertreter der Opposition. Er besteht aus fast einem Dutzend Oppositonsgruppen, die sich in vielem widersprechen und nur in einem Punkt einig sind: Dass Assad gestürzt werden muss.

Bunt gemischte Opposition

Es ist eine Ansammlung von Exilanten, die teilweise schon in den 1980er-Jahren aus Syrien flohen: Moslembrüder aus Hama, die den Nationalrat politisch und finanziell dominieren, linke Intellektuelle aus Damaskus, Christen, Kurden. Sie alle wollen das Ende des Assad-Regimes. Doch es fehlt ihnen der Kontakt und der Rückhalt bei denen, die in Syrien dafür kämpfen. Als eine Ansammlung von etwa 300 Exilanten, die in Istanbul, Berlin und Paris leben, fehlt der organisierten Auslands-Opposition die Verbindung zu denen, die in Syrien kämpfen.

Tote nach Massaker in Syrien (Bildquelle: AFP)
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Bei dem Massaker in Hula wurden mehr als 100 Menschen getötet.

Die Rebellen im Grenzgebiet sind jedenfalls nicht gut auf die Nationalräte zu sprechen: "Wir halten den Kopf hin, und die Herren vom Nationalrat sitzen im Ausland und tun so, als seien sie unsere Führer", sagt ein Aufständischer."Vor ein paar Tagen haben wir einen Verletzten über die Grenze gebracht. Wir mussten ihn auf einer Leiter durch die Berge schleppen - 40 Kilometer. Er hat viel Blut verloren. Als wir dann auf der türkischen Seite waren, kam einer vom Nationalrat mit einem Journalisten angefahren und ließ sich mit dem Verwundeten fotografieren. Sie machten Bilder, stiegen ins Auto und reisten wieder ab. Und wir standen da und warteten vier Stunden, bis endlich Hilfe kam."

Gescheiterter Waffenstillstand

Nach den beiden Massakern in Hula und Al Kubeir hat die Freie Syrische Armee den von Kofi Annan ausgehandelten Waffenstillstand für beendet erklärt. Es hatte sich ohnehin niemand mehr daran gehalten. Aufstand war gestern, nun hat der Bürgerkrieg in Syrien begonnen. Jenseits der Grenze werden sich die Flüchtlinge noch für länger im Lager Yayladagi einrichten müssen.

Die Männer werden vorm Lagertor sitzen und rauchen. Und die Frauen werden gegen ihre Verzweiflung ankämpfen: "Ich fühle mich so hilflos hier, und ich schäme mich", sagt Jehan aus Damaskus und fügt hinzu: "Ich weiß, dass zwei meiner Neffen bei der Regierungsarmee sind. Sie kämpfen für Assad. Ich hoffe, sie hören damit auf. Ich hoffe, sie desertieren. Sie sind noch so jung. Sie müssen da raus."

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