Kommentar

Männer in eingestürztem Haus | Bildquelle: AFP

Kommentar zu Syrien Europa als "großer Bruder" der USA

Stand: 10.04.2017 21:25 Uhr

Die Europäer sollten im Syrien-Konflikt vorangehen, meint Kai Küstner. Denn - anders als die USA - haben die Europäer erkannt, dass es auf dem Schlachtfeld keine Lösung geben kann.

Ein Kommentar von Kai Küstner, ARD-Studio Brüssel

Zum "großen Bruder" jenseits des Atlantiks schauten die Europäer stets gerne auf und warfen sich ihm auch bereitwillig in die schützenden Arme, wenn es um die eigene Sicherheit ging. Was den Syrien-Krieg angeht, müssen die Europäer nun selbst mal "großer Bruder" spielen - was keinesfalls bedeutet, dass sie sich militärisch in diesen Konflikt stürzen sollten.

Die Europäer müssen unbedingt der bislang überfordert scheinenden Trump-Truppe einen fast schon väterlichen Arm um die Schultern legen und ihr erklären, wie eine Strategie in diesem höllisch komplizierten Stellvertreterkrieg im Ansatz aussehen könnte.

Ein US-Plan für Syrien ist nicht erkennbar

Denn dass irgendwie ein langfristig angelegter Plan hinter dem steht, was die USA in Sachen Syrien bislang angestellt haben, ist bedauerlicherweise nicht erkennbar. Zwei 180-Grad-Wenden innerhalb nur weniger Tage hat Washington hingelegt, ohne dass damit klar wäre, wo man eigentlich hin möchte:

Erst die klare Botschaft, dass den USA der Rückzug von Machthaber Assad nicht mehr so wichtig sei verglichen mit dem Kampf gegen die Terroristen vom "Islamischen Staat". Das haben nicht wenige als Ermutigung an den syrischen Präsidenten gedeutet, nur noch umso barbarischer gegen die eigene Bevölkerung zuschlagen zu dürfen.

Dann aber, nach dem mutmaßlichen Chemiewaffenangriff, folgte die Strafaktion gegen eben jenen Assad. Damit tat Donald Trump genau das, wovon er seinem Vorgänger Obama stets abgeraten hatte: gegen die syrische Regierung vorzugehen.

Ein Schlüsselmoment für Syrien

Nun jedenfalls gibt es keinen Zweifel mehr, dass die Welt - Syrien betreffend - gerade einen Schlüsselmoment erlebt, der zwar Chancen bietet, aber ohne erkennbare Strategie die Region in einer Flammenhölle versinken lassen und zudem die beiden Atommächte USA und Russland in eine gefährliche Auseinandersetzung hineintreiben könnte.

Was die Europäer richtig erkannt haben, ist: Auf dem Schlachtfeld kann das Schlachten nicht beendet werden. Das geht nur am Verhandlungstisch. An dem sind Assad-Vertraute zwar körperlich anwesend, verhandeln aber nicht ernsthaft, weil sie sich ja - dank Russland und Iran - militärisch auf der Siegerstraße wähnen.

Die richtige "Druck-Dialog-Dosierung" ist gefragt

Nur eine Kettenreaktion - Washington macht Druck auf Moskau, das wiederum Druck auf Assad macht - kann hier wirklich etwas bewirken. Das setzt aber voraus, dass die USA diesen Friedens-Verhandlungen überhaupt Bedeutung beimessen und mit genau der richtigen Druck-Dialog-Dosierung an Moskau herantreten.

Man wird Präsident Putin durchaus Garantien geben müssen, dass er seinen Fuß in der strategisch so wichtigen Syrien-Tür behalten kann. Gleichzeitig muss man den russischen Präsidenten vor die Wahl stellen, ob er jetzt als Friedensstifter in die Geschichte eingehen will - oder eines Tages als militärisch und finanziell erschöpfte Schutzmacht eines Schlächters.

Planlosigkeit endet in einer Katastrophe

Niemand anders könnte den USA diese Zusammenhänge besser erklären als die Europäer. Einen halben Westen, in dem die EU das eine und die USA etwas ganz anderes wollen, nimmt Moskau nicht ernst. Planlos geht man also der Katastrophe entgegen.

Gelingt aber so etwas wie eine gemeinsame, langfristige Strategie mit den mächtigen USA, könnte Europa sich vielleicht sogar in Syrien aus der bisherigen Ohnmacht befreien.

Kommentar: USA müssen von Europa lernen
Kai Küstner, ARD Brüssel
10.04.2017 19:58 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 10. April 2017 um 20:00 Uhr.

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