Irakischer Soldat mit Victory-Zeichen in der umkämpften Stadt Mossul | Bildquelle: dpa

Syrien und Irak Die bröckelnde Macht des IS

Stand: 21.03.2017 22:43 Uhr

Der "Islamische Staat" muss im Irak und auch in Syrien immer mehr Rückschläge hinnehmen: durch Gebietsverluste und schwindende Einnahmen. Doch die Macht der Terrormiliz schwindet nur langsam, auch wenn die Regierungen schon von Triumphen sprechen wollen.

Von Carsten Kühntopp, ARD-Studio Kairo

Schon längst dient Mossul der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) nicht mehr als faktische Hauptstadt ihres Kalifats im Irak. Die Stadtviertel östlich des Tigris haben irakische Truppen bereits zurückerobert, Teile des Westens ebenfalls. Jetzt geht es noch darum, die Altstadt zu befreien - dort haben sich die letzten IS-Kämpfer verschanzt: Schätzungen zufolge einige Hundert, höchstens wenige Tausend.

Laut dem Generalleutnant der irakischen Bundespolizei, Haider Yusuf Abdullah, sind bereits erste Soldaten der irakischen Truppen in die Altstadt vorgedrungen: "Das ist einer der schwierigsten Stadtteile - chaotisch und sehr eng. Aber unsere Kräfte haben ihre Fahrzeuge verlassen und sind zu Fuß reingegangen."

Präsident Assad als Finanzier

Laut "IHS Markit", einer britischen Denkfabrik, verlor der IS im vergangenen Jahr ein Viertel seines kontrollierten Gebietes. Im Jahr davor sei das Kalifat bereits um 13 Prozent geschrumpft. Doch in Syrien wird die Fläche, die unter IS-Kontrolle ist, trotzdem noch immer auf das Doppelte des Gebietes geschätzt, das die syrische Regierung hält.

Dieses IS-Gebiet liegt vor allem im Osten Syriens. Es ist zwar für die Energieversorgung wichtig, aber nur dünn besiedelt. Weil also immer weniger Menschen unter IS-Herrschaft leben, geht das Geschäftsmodell der Extremisten mittlerweile nicht mehr auf: Das Auspressen der Bevölkerung durch das Erheben von Zöllen und Steuern war einst die vermutlich wichtigste Einnahmequelle der Terrororganisation.

Diesen Verlust versucht der IS durch den Handel mit Energie auszugleichen. Wie das "Wall Street Journal" im Frühjahr berichtete, verkauft der IS derzeit so viel Öl und Gas an die syrische Regierung wie nie zuvor. Präsident Bashar al-Assad braucht beides genauso dringend, wie der IS das Geld braucht. Laut dem Bericht sind diese Erlöse mittlerweile die wichtigste Einnahmequelle des IS. Assad ist somit zum bedeutendsten Finanzier der Dschihadisten aufgestiegen.

"Wenn sie sich nicht ergeben, werden sie getötet"

Derweil zieht sich die sprichwörtliche Schlinge um Rakka, eine der IS-Hochburgen in Syrien, immer mehr zu. Kurdische Kämpfer haben angekündigt, Anfang April mit dem eigentlichen Sturm auf die Stadt beginnen zu wollen.

Der irakische Ministerpräsident Haider al-Abadi sieht sich indes in seinem Land schon bald am Ziel. Mit der Rückeroberung von Mossul sei der IS aus dem Irak vertrieben, sagt Abadi, und dieser Kampf befinde sich in seiner Endphase. "Dies ist die letzte Chance für die Terroristen, sich zu ergeben. Dann verspreche ich ihnen ein faires Gerichtsverfahren", forderte Abadi die IS-Kämpfer auf. "Wenn nicht, werden sie getötet. Da sie umzingelt sind, haben sie keine andere Wahl."

Doch Abadi triumphiert zu früh: Längst sind IS-Kämpfer in andere Landesteile ausgewichen. So berichten Menschen aus den Provinzen Salah ad-Din und Diyala, dass dort immer mehr IS-Extremisten ihr Unwesen treiben sollen. Seit die Regierung Sicherheitskräfte von dort abzog, um sie in der Mossul-Offensive einzusetzen, steige auch die Zahl der Anschläge.

Nach den Gefechten ein politisches Tauziehen?

Zu befürchten ist auch, dass Abadi überfordert sein wird, wenn es um den schnellen Wiederaufbau von Mossul geht - ganz wichtig für eine Aussöhnung der schiitisch dominierten Regierung mit der sunnitischen Minderheit. Ramadi und Falluja sind zwei Städte, aus denen der IS bereits vor vielen Monaten vertrieben wurde: Sie liegen nach wie vor weitgehend in Trümmern.

Ohnehin dürfte nach dem militärischen Kampf um Mossul ein politischer beginnen, bei dem es darum gehen wird, wer die Stadt und die Region künftig regiert. Viele Sunniten verlangen Autonomie, die Kurden wollen ihre Geländegewinne zementieren, Christen, Turkmenen und andere religiöse beziehungsweise ethnische Minderheiten fordern Schutz und mehr Eigenständigkeit und Selbstverantwortung.

Die Befreiung von Mossul ist also nur ein Etappensieg im Kampf gegen den IS - und im besten Fall der erste Schritt auf dem langen Weg zu einer Befriedung des Irak.

Irak und Syrien - Anti-IS-Kampf dauert noch lange
C. Kühntopp, ARD Kairo
21.03.2017 22:02 Uhr

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