Syrien: Ein Rätsel namens Ghuta

Syrische Aktivisten in einer Halle mit Opfern des angeblichen Giftgaseinsatzes in der Region Ghuta (Bildquelle: REUTERS)

Angeblicher Giftgasangriff in Syrien

Ein Rätsel namens Ghuta

Durch die Bilder von einem angeblichen Giftgasangriff in der syrischen Region Ghuta hat der Bürgerkrieg eine dramatische Wendung erfahren. Der internationale Druck auf das Regime steigt massiv. Doch viele Fragen sind ungelöst: Wie viele Tote gab es tatsächlich? Welche Substanz wurde eingesetzt? Und wer profitiert davon?

Von Eckart Aretz, tagesschau.de

Es bleibt eine Ferndiagnose: Waffenexperten und Menschenrechtler studieren seit Mittwoch Videos, die einen Giftgasangriff auf Vororte von Damaskus zeigen sollen. Die Bilder sind kaum zu ertragen und werfen bislang mehr Fragen auf, als dass sie Antworten geben.

Eindeutig ist, dass es am frühen Mittwochmorgen einen verheerenden Angriff gegeben hat. Ob dabei 100, 600 oder 1300 Menschen ums Leben kamen, kann niemand mit Gewissheit sagen. Allein die Anzahl der Toten auf den Videos deutet aber auf sehr viele Opfer in einem größeren Gebiet hin - für Militärexperten eines von mehreren möglichen Indizien für einen Giftgaseinsatz.

Den Angriff auf das Umland von Damaskus räumt die syrische Armee ein. Doch sie bestreitet vehement, dabei Giftgas eingesetzt zu haben.

Mann in Syrien betrauert die Opfer des angeblichen Giftgasangriffs (Bildquelle: AP)
galerie

Die Trauer in den Vororten von Damaskus ist groß. Doch das Regime weist die Verantwortung von sich.

Keine sichtbaren Wunden

Woran also und durch wen starben die Menschen in der Region Ghouta? Auffällig sei, so ARD-Korrespondent Volker Schwenck, dass die Toten keine äußerlichen Verletzungen aufwiesen. Offenbar starben sie also nicht durch Artilleriebeschuss oder andere Waffen, die sichtbare Wunden hinterlassen.

Wenzel Michalski von Human Rights Watch (HRW) hebt hervor, dass es in der näheren Umgebung der betroffenen Vororte weder offensichtliche chemische noch industrielle Anlagen gebe. Auch ließen sich nach dem Studium von Satellitenbildern keine Militärbasen ausmachen. HRW schließt daraus, dass etwaige giftige Substanzen nicht von dort - etwa nach einer Explosion - entwichen sein können.

Welche Substanz wurde verschossen?

Syrische Ärzte in Aleppo behandeln ein angebliches Giftgasopfer (Bildquelle: AP)
galerie

Auch die syrische Regierung hat die Rebellen in der Vergangenheit beschuldigt, Sarin eingesetzt zu haben - wie hier in der Nähe von Aleppo.

Die Beobachter von HRW sind sich deshalb sicher: Die Symptome, so Michalski gegenüber tagesschau.de, wiesen "eindeutig" auf einen Giftgasangriff hin. Die Betroffenen seien mit Erstickungsanfällen, Schaum vor dem Mund, Muskelkrämpfen, austretender Flüssigkeit, gereizten Augen und Hautirritationen eingeliefert worden. Das hätten mehrere Mediziner unabhängig voneinander bestätigt und dabei auch denselben Zeitpunkt genannt.

Zurückhaltender äußert sich der renommierte Chemiewaffenexperte Gwyn Winfield. Er verweist nach dem Studium des Bildmaterials auf die verhältnismäßig geringe Schleim- und Speichelbildung der Opfer und bezweifelt, dass reines Sarin verschossen wurde - ein chemischer Kampfstoff, der etwa im ersten Golfkrieg vom Irak gegen den Iran eingesetzt worden war.

Reizgas oder verunreinigter Kampfstoff?

Er hält zwei Varianten für möglich: Denkbar sei, dass einige Betroffene durch den Einsatz eines hochdosierten Reizgases starben und nur eine geringere Zahl von Personen einem konzentrierten Nervengas zum Opfer fiel. Das Internetportal "The Cable" zitiert einen nicht namentlich genannten US-amerikanischen Geheimdienstmitarbeiter. Dieser vertritt die Ansicht, dass die Toten in diesem Fall stärker verrußt oder versengt hätten sein müssen.

Variante zwei: Die Angreifer setzten ein verunreinigtes Sarin ein, mit der Folge, dass die körperlichen Symptome uneinheitlich seien. Dem widerspricht der amerikanische Waffenexperte Michael Elleman. Solche Kampfstoffe hätten zur Folge, dass die Opfer die Kontrolle über ihre Muskeln und damit über ihre Ausscheidungsorgane verlieren würden. Derartige Folgen habe er aber auf dem Bildmaterial nicht entdecken können, so Elleman gegenüber "The Cable".

Karin Dohr, ARD Washington, zu Obamas Haltung im Syrien-Konflikt
nachtmagazin 00:55 Uhr, 24.08.2013

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Auch der Zeitpunkt spielt eine Rolle

Die Abrüstungsexpertin Amy Smith verweist in diesem Zusammenhang im amerikanischen TV-Sender "PBS" auf den Zeitpunkt des Angriffs. Dieser sei früh am Morgen erfolgt - und damit günstig für einen Angriff mit toxischen Stoffen. Denn am frühen Morgen sei die Windstärke zumeist gering, so dass der Kampfstoff mit großer Wahrscheinlichkeit am Zielort bleibe. Zu einem späteren Zeitpunkt des Tages steige mit zunehmenden Winden die Gefahr, dass sich der Kampfstoff unkontrolliert verteile.

Ob sich jemals klären wird, welche Substanz eingesetzt wurde, ist fraglich. Denn wenn die Opfer nicht innerhalb von 48 Stunden untersucht werden, ist ein Nachweis laut Winfield nur noch schwer zu führen.

Wer verübte den Angriff?

In den meisten Kommentaren wird das Regime von Baschar al Assad für den Angriff verantwortlich gemacht. Sollte sich bewahrheiten, dass die Opfer in einem größeren Gebiet durch einen Kampfstoff starben, würde dies den Verdacht erhärten. Denn ein breit geführter Angriff kann aller Erfahrung nach nur von einer großen, gut organisierten Gruppe durchgeführt werden - wie der syrischen Armee. Diese hat auch eingeräumt, die Region am Mittwoch beschossen zu haben - allerdings nicht mit Giftgas.

Sollten nur ein kleineres Gebiet mit Kampfstoff angegriffen worden sein, könnte theoretisch auch eine der Rebellengruppen verantwortlich sein, die in der Region um Damaskus eine starke Position haben. Diese These vertritt das russische Außenministerium, das behauptet, die Raketen mit den Kampfstoffen seien von einem Gebiet abgeschossen worden, das die Rebellen kontrollieren. Auch sei ein Raketentyp eingesetzt worden, der schon zuvor von Rebellen benutzt worden sei.

Dieser These widerspricht der britische Blogger Brown Moses. Seiner Analyse nach handelt es sich um einen bislang unbekannten Raketentyp, der bislang nur im syrischen Bürgerkrieg auftauchte. Wer ihn herstelle, sei unbekannt. Allerdings hätten Rebellen der Regierung wiederholt vorgeworfen, mit eben diesem Raketentyp Giftgasangriffe gestartet zu haben.

Screenshot einer angeblichen Giftgasrakete
galerie

Mit solchen Raketen sollen die Vororte von Damaskus beschossen worden sein.

Wer profitiert von dem Angriff?

Sollte die syrische Armee tatsächlich für den Angriff verantwortlich sein, wäre auch der Zeitpunkt überraschend. Denn erst zu Wochenbeginn hatten Chemiewaffen-Experten der Vereinten Nationen eine Untersuchungsmission in Syrien aufgenommen und wären damit theoretisch in der Lage, den Vorfall rasch aufzuklären.

Dies muss allerdings nicht gegen die Täterschaft der Generäle sprechen. Assad, so Michalski, wisse, dass er sich auf Russland verlassen könne. Moskau habe dem Regime im UN-Sicherheitsrat den Rücken freigehalten und werde das auch weiter tun. Wollte Assad also gerade wegen der UN-Mission demonstrieren, dass sich sein Regime nicht beeindrucken lässt?

Assad auf dem Vormarsch

Gleichwohl, betont ARD-Korrespondent Volker Schwenck, sei die militärische Lage des Regimes nicht so verzweifelt, als dass es auf die Idee eines Einsatzes von Kampfstoffen verfallen könnte - im Gegenteil. Assad sei auf dem Vormarsch und brauche dazu kein Giftgas. Auch ein eigenmächtiges Handeln einzelner Armeeteile schließt Schwenck aus. Die Armeestruktur und -hierarchie sei nach wie vor intakt. Armeeangehörige, die sich von Assad absetzen oder ihm schaden wollten, seien bislang immer ins Ausland geflohen.

Doch auch die Rebellen dürften laut Schwenck angesichts ihrer Lage kein Interesse an vielen Toten in ihren eigenen Reihen haben - nicht einmal, wenn sie das Regime dadurch in die Enge treiben könnten. Winfield dagegen verweist darauf, dass Assad und sein Regime mehr denn je am Pranger stünden und der Druck auf Russland und China im UN-Sicherheitsrat steige. Und in den USA werde lauter über Waffenlieferungen an die Rebellen und ein militärisches Eingriffen nachgedacht. Könnte also doch eine Rebellengruppe auf die Folgen eines Giftgasangriffes spekuliert haben?

Einen klaren Beweis für die eine oder andere These wird es nicht geben - solange nicht unabhängige Beobachter den Angriffsort untersuchen, dort Proben entnehmen und selbst untersuchen können. Doch genau das verhindert das syrische Regime - für viele Beobachter ein weiteres Indiz dafür, dass es einen Giftgaseinsatz der Armee gegeben hat. Und je mehr Zeit verstreicht, desto schwieriger wird es, die vielen Fragen rund um Ghouta aufzuklären.

Mitarbeit: Manuel Daubenberger

Stand: 23.08.2013 18:08 Uhr

Darstellung: