Rauch steigt nach erneuten Luftangriffen über der syrischen Rebellenhochburg Duma auf. | Bildquelle: dpa

Giftgaseinsätze in Syrien Die schwierige Suche nach dem Täter

Stand: 12.04.2018 06:51 Uhr

Das Recherchenetzwerk Bellingcat sieht starke Indizien dafür, dass Syriens Regime den mutmaßlichen Giftgasangriff in Duma durchführte. Doch der Nachweis ist auch diesmal schwierig.

Von Anna Osius, ARD-Studio Kairo

Das Recherchenetzwerk "Bellingcat" hat Videos und Fotos zu dem mutmaßlichen Giftgasangriff in Duma ausgewertet und verglichen. Das Ergebnis: Es sei höchstwahrscheinlich, dass kürzlich mindestens 34 Menschen durch einen Giftgasangriff in der Stadt getötet wurden, schreiben die Journalisten. Und: Der Hubschrauber, der die Fassbombe abwarf, sei auf einem Flughafen der syrischen Luftwaffe gestartet.

Bashar al-Assad und sein engster Verbündeter Russland weisen jede Verantwortung für einen Giftgasangriff von sich. Sie behaupten sogar, es habe gar keinen Giftgasangriff gegeben. Dagegen wendet sich die Weltgesundheitsorganisation WHO: Ihren Informationen zufolge sind rund 500 Menschen von einem Chemiewaffenangriff in Duma betroffen gewesen.

Syrien kündigte Giftgasangriff an

Aber welches Interesse sollte Assad an einem Giftgasangriff haben? Offenbar könnte es darum gegangen sein, den letzten verbliebenen Aufständischen in Duma den entscheidenden Schlag zu verpassen.

Kurzfristig wäre der syrische Präsident damit erfolgreich gewesen: Die sich bis dahin hartnäckig zeigende Gruppierung Dschaisch al Islam ließ sich unmittelbar nach dem mutmaßlichen Giftgaseinsatz auf einen Abzug ein. Damit kam Assad seinem Ziel, Ost-Ghouta wieder vollständig zu kontrollieren, einen wichtigen Schritt näher.

Das von der Hilfsorganisation Weißhelme veröffentlichte Foto zeigt einen kleinen Jungen, der sich eine Atemmaske auf das Gesicht drückt, neben ihm ein junges Mädchen. | Bildquelle: dpa
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Zum Beweis für ihre Berichte über den Einsatz von Chemiewaffen veröffentlichte die Hilfsorganisation Weißhelme Fotos von Patienten, die gegen die Symptome wie Atemnnot kämpfen.

Auffällig ist: Assad- und Russland-nahestehende Medien hatten schon Tage zuvor darüber berichtet, dass ein Giftgasangriff bevorstehe - ausgeführt von den Aufständischen.

"Wir sagen Euch: Die Terroristen werden bald Chemiewaffen in Syrien einsetzen. Drei türkische LKW beladen mit Chlorgas sind nach Syrien gebracht worden", so der syrische US-Botschafter Bashar al Jaafari. "Unsere Informationen weisen darauf hin, dass die Terroristen einen Terrorangriff vorbereiten, bei dem sie weiträumig Chlorgas einsetzen werden, um es dann der syrischen Armee in die Schuhe zu schieben."

Wie immer zwei Wahrheiten

Eine wahre Prognose - oder vielmehr die Vorbereitung der Öffentlichkeit auf eine spätere Verteidigungslinie? Wie so oft im Syrienkrieg gibt es zwei Wahrheiten, die sich diametral gegenüberstehen.

Gegen die Theorie, der Giftgaseinsatz sei von den Aufständischen selbst durchgeführt worden, spricht die Machbarkeit. Wie sollte das Giftgas oder die Substanzen in eine umlagerte Stadt oder Region gelangen? Und gerade Sarin ist ein äußerst schwer zu handhabender Kampfstoff - nichts für Hinterzimmer-Chemielabore.

Doch oft ist die Aufklärung der Giftgasangriffe sehr schwierig. Bis die unabhängigen Ermittler vor Ort sind, vergeht Zeit - wenn sie überhaupt ins Land und die Region gelassen werden. Dann beginnt eine mühsame Indiziensuche.

Mehr als 50 Verdachtsfälle seit 2013

So war es auch bei dem verheerenden Giftgasangriff im August 2013 in Ost-Ghouta, dem ersten großen Chemiewaffeneinsatz im Syrienkrieg, nach dem der damalige US-Präsident Barack Obama über seine selbst gezogene rote Linie stolperte.

Pro-Assad-Soldat in der Stadt Duma. | Bildquelle: AFP
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Syrische Regierungstruppen in der Stadt Duma.

Genau ein Jahr zuvor hatte Obama erklärt: "Wir sind sehr deutlich zum Assad-Regime aber auch zu anderen Akteuren in der Region: Unsere rote Linie ist, wenn Chemiewaffen eingesetzt werden. Das würde meine Kalkulationen ändern."

In Ost-Ghouta starben damals mehr als 1400 Menschen durch das tödliche Nervengas Sarin. Und Obama sagte auf einmal: "Ich habe keine rote Linie gezogen!"

Statt militärisch einzugreifen, handelte Washington gemeinsam mit den Russen aus, dass Assad all seine Chemiewaffen vernichten sollte. Medienwirksam wurden die deklarierten syrischen Bestände außer Landes gebracht.

Aber wurde wirklich alles deklariert? Und was ist mit Chlorgas - ein Giftstoff, der da er auch einen zivilen Nutzen hat, gar nicht vernichtet werden musste?

Seitdem ist viel passiert:

April 2014: Chlorgasangriff in Nordsyrien, mindestens elf Tote

März 2015: Chlorgasangriff in der Provinz Idlib, mindestens sechs Tote

April 2017: Sarinangriff in Chan Cheichun. 83 Tote.

Januar 2018: Chlorgasangriff in der Provinz Idlib. Viele Verletzte

April 2018: Mutmaßlicher Chlorgas- und/oder Sarinangriff in der Stadt Duma, mindestens 34 Tote.

Nur eine Auswahl von insgesamt mehr als 50 Fällen, die Aktivisten und Beobachter seit der offiziellen Chemiewaffenvernichtung 2013 melden. Mehrmals konnten später Experten der Vereinten Nationen und der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen der Assad-Regierung den Einsatz von Giftgas nachweisen, so beispielsweise bei dem verheerenden Chemiewaffenangriff vor einem Jahr, im April 2017, mit mehr als 80 Toten in Chan Scheichun. Neben Assad wurde bislang nur einer anderen Kriegspartei im Syrienkrieg der Einsatz von Giftgas nachgewiesen - und das war der IS.

Angriff als Provokation?

Beim verheerenden Angriff 2013 in Ost-Ghouta gibt es keine eindeutigen Beweise, die zum Täter führen. Viele Assad-Anhänger betonen bis heute, der Vorfall gehe auf das Konto der Aufständischen. Dagegen schreibt der UN-Menschenrechtsrat: "Die vorliegenden Beweise hinsichtlich der Art, der Qualität und der Menge des eingesetzten Sarins legen nahe, dass die Täter Zugang zum Chemiewaffenarsenal des syrischen Militärs hatten - sowie die nötige Ausrüstung und Expertise, um große Mengen chemischer Kampfstoffe sicher zu handhaben."

Das zerstörte Duma nahe Damaskus | Bildquelle: REUTERS
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Das zerstörte Duma.

Das bestätigen später auch Experten der OPCW: Sie hatten Sarinproben von den Giftgasangriffen in Ost-Ghouta und Chan Scheichun mit Proben aus den Assad-Beständen verglichen, die zur Vernichtung freigegeben wurden. Das Ergebnis: eine frappierend eindeutige Übereinstimmung der Zusammensetzung. Das Material komme aus den gleichen Beständen, hieß es.

Auffällig ist auch beim jüngsten Fall das Datum: Der mutmaßliche Chemiewaffenangriff in Duma ereignete sich offenbar auf den Tag genau ein Jahr, nachdem US-Präsident Donald Trump eine syrischen Militärbasis hatte angreifen lassen - als Reaktion auf den Chemiewaffenangriff in Chan Scheichun. War der Angriff auf Duma eine unmittelbare Botschaft an Trump? Eine direkte Provokation der USA?

Immerhin: Der US-Angriff im April vergangenen Jahres hat Beobachtern zufolge seine abschreckende Wirkung nicht verfehlt: Acht Monate lang wurden danach keine Chemiewaffen-Vorfälle mehr gemeldet. Erst Anfang dieses Jahres gingen sie wieder los - die Giftgasangriffe in Syrien.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 12. April 2018 um 10:00 Uhr.

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