Syrische Flüchtlinge an der libanesischen Grenze | Bildquelle: dpa

Lage an der syrisch-libanesischen Grenze Forciert das Assad-Regime den Exodus?

Stand: 27.10.2015 22:03 Uhr

Auffällig großzügig ist die Ausreisepolitik an der syrisch-libanesischen Grenze. Forciert das Assad-Regime etwa den Exodus? Ökonomisch wäre das sogar nachvollziehbar - wenn auch nur auf kurze Sicht.

Von Martin Durm, ARD-Hörfunkstudio Kairo

Auch das gibt es an der syrisch-libanesischen Grenze: Die ganz legale Ausreise, mit Gepäck, mit Pass und Stempel. Etwa 100 Syrer stehen hier an; geduldig, diszipliniert und auch ein klein wenig unterwürfig angesichts der uniformierten Grenzpolizisten am Schalter und der vier Assad-Porträts unter der Decke. Groß und bedrohlich schaut er herab. Es mag ja sein, dass er nur noch ein Viertel Syriens kontrolliert. In dieser Grenzbaracke aber hat sein Regime noch die volle Autorität.

"Ich kenne die genauen Zahlen nicht", sagt die syrische Parlamentsabgeordnete Maria Saade, "aber wir wollen niemanden daran hindern zu gehen. Viele wissen einfach nicht mehr, wie sie hier über die Runden kommen sollen. Sie müssen ja irgendwie weiterleben. Wir sind in Syrien ja auch mit einem Wirtschaftskrieg konfrontiert: Die Sanktionen treffen die einfachen Leute. "  

829.000 Ausreisedokumente in einem Jahr

"Ich appelliere an alle, die Syrien verlassen haben: Kommt zurück", rief dagegen kürzlich der Großmufti Syriens Ahmed Hassoun. Wir brauchen euch. Außerhalb Syriens habt ihr alles verloren."

Der Mufti ist ein treuer Gefolgsmann des Assad-Regimes. Aber über eins scheint er sich im Klaren zu sein: Nicht für Europa, sondern für Syrien ist die Flüchtlingskrise katastrophal. Und sie weitet sich immer mehr aus: Vor einem Jahr, so schrieb gerade die regimenahe Tageszeitung "al Watan", hätten täglich etwa 1000 Syrer Reisepässe beantragt. Heute sind es 5000. Macht für das laufende Jahr bislang 829.000 ausgestellte Dokumente.

Syriens Präsident Assad im Wahlkampf | Bildquelle: dpa
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Volksnah? Syriens Präsident Assad

Der Verdacht liegt nahe, dass sich die syrische Regierung durch eine vergleichsweise großzügige Ausreisepolitik an der syrisch-libanesischen Grenze einer großen Last entledigen will: Drei, vielleicht vier Millionen Binnen-Vertriebene leben mittlerweile im Großraum von Damaskus. Wer ins Ausland geht, muss vom Regime nicht mehr untergebracht und versorgt werden. Im Gegenteil: Er wird zur staatlichen Einnahmequelle, weil die Ausstellung eines Reisepasses gerade in Kriegszeiten teuer bezahlt werden muss. Seit Anfang des Jahres, berichtet "al Watan", habe die legale Ausreise syrischer Staatbürger einen Erlös von umgerechnet 470 Millionen Euro eingebracht.

"Wir bluten aus"

Im militärischen und politischen Überlebenskampf scheint das Regime auf kurzfristigen Gewinn zu spekulieren. Langfristig aber zahlt es sich nicht aus, wenn immer mehr Menschen legal oder illegal ihr Land verlassen. Syrien blute aus, sagen zwei Händler im Bazar von Damaskus: "Die Leute nehmen Schweres auf sich, wenn sie sich auf den Weg nach Deutschland machen. Etliche sind unterwegs im Meer ertrunken. Ich bin froh, dass Merkel meinen Landsleuten hilft, dass sie die Grenzen nicht schließt und Truppen schickt. Es muss doch noch etwas Menschlichkeit  geben", meint der eine.

Der andere sagt: "Ja, aber ich begreife nicht, dass man so viel aufs Spiel setzt - nur um wegzugehen. Ich würde niemals weggehen, ich würde lieber sterben. Wer sein Land verlässt, macht einen großen Fehler."

Syrien droht nicht nur an seinen ethnischen und religiösen Konflikten zu zerbrachen. Es zerfällt auch immer mehr in die, die bleiben. Und die, die gehen.

Wie das Assad-Regime auf den Exodus reagiert
Martin Durm, ARD Kairo
27.10.2015 21:52 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 28. Oktober 2015 um 09:25 Uhr auf Inforadio.

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