Ein Markt in Damaskus | Bildquelle: dpa

Reportage aus Syrien Realitätsflucht in Damaskus

Stand: 11.10.2015 11:46 Uhr

Nach fünf Jahren Krieg ist Syrien ein zerrissenes Land: In Damaskus herrscht in nahezu jedem Stadtteil eine andere Miliz. Die Bewohner flüchten sich in eine Scheinrealität - nur um am nächsten Morgen wieder in einem Albtraum zu erwachen.

Von Martin Durm, ARD-Hörfunkstudio Kairo, zzt. Damaskus

Mit allem hatten wir in Damaskus gerechnet, mit Krieg, Angst, Granaten - aber nicht damit, unter den Arkaden der Altstadt romantische Stimmung zu beobachten. Jeder Tisch im Restaurant ist besetzt. Die Kellner bringen Lammfleisch und den Anisschnaps Arak und nun kommt auch noch der Lautenspieler richtig in Fahrt: "20 Jahre habe ich nichts von Dir gehört", klagt er. "Warum willst Du mich mit einem Mal sehen?"

Wir sind in Bab Tuma, dem Christenviertel der Altstadt. Die nächste Frontlinie liegt eineinhalb Kilometer östlich von hier im Stadtteil Jawbar. Dort, heißt es, haben sich eher gemäßigte Rebellenmilizen verschanzt. Drei Kilometer weiter südlich, hinter dem ausgebombten palästinensischen Flüchtingslager Jarmuk, stehen angeblich Truppen des "Islamischen Staates". Zweimal ist draußen der Abschuss einer Granate zu hören. Aber das stört hier keinen weiter.

Plötzlich springt ein junger Mann vom Tisch und baut sich vor uns auf: "Das ist unser Land!", ruft er. "Ich bin Christ, der neben mir ist Muslim, der andre Kurde. Wir lassen uns nicht auseinander reißen. Das ist doch alles ein politisches Problem."

Erwachen im syrischem Albtraum

Damaskus im fünften Kriegsjahr. Noch gibt es Nischen, in die man sich zurückziehen kann, kleine Räume mitten im Krieg, wo man sich mit Arak und Illusionen voll laufen lässt. Am nächsten Morgen folgt das Erwachen im syrischem Albtraum: Eine Viertel Million Syrer sind tot, vier Millionen ins Ausland geflohen. Die Regierungsarmee hat so hohe Verluste hinnehmen müssen, dass sie ohne die vom Iran gesteuerte Hisbollah-Miliz und ohne Russland kaum noch kampffähig wäre.

Moskaus massive Militärintervention hat dem Assad-Regime Luft zum Durchatmen und zum Durchhalten verschafft. Während russische  Kampfflugzeuge seit über einer Woche Positionen der Aufständischen im Westen und Norden des Landes beschießen, kämpft die vom Iran abhängige Hisbollah für Assad am Boden.

Ermutigt von so vielen Waffenbrüdern hat Assads Generalstabschef Ali Abdallah Ayub nun eine "erweiterte Offensive in den besetzten Gebieten" verkündet. Syrien ist heute der Inbegriff von Gewalt und weiter denn je vom Frieden entfernt. Aber manchmal hat es den Anschein, als weigere man sich in Damaskus, den Zustand des Landes zur Kenntnis zu nehmen.

Die russische Medien-Strategie im Syrienkrieg
tagesthemen 22:15 Uhr, 09.10.2015, Daniel Asche, ARD Moskau

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Großmufti preist Assad

Vor einigen Tagen beispielsweise hielt der Großmufti Syriens, Ahmed Hassoun, vor geladenen Gästen eine Ansprache an die syrische Jugend. Er sagt: "Eure größte Zierde ist euer Führer. Baschar hat sein Leben Gott und dem Land gewidmet. Manch arabischer Führer ist nach fünf Tagen Aufstand geflüchtet. Wir haben seit fünf Jahren Krieg und Baschar ist immer noch bei uns."

Die meisten Damaszener wissen, wie es um Syrien steht, dass die staatliche Propaganda nichts zu tun hat mit der militärischen Lage. Der IS kontrolliert weite Teile im Norden und Osten des Landes und hat seinen eigentlichen Rückzugsraum im Irak. Er wird sich von russischen Luftangriffen genauso wenig wie von amerikanischen auslöschen lassen.

Russlands Intervention heizt den Krieg an

Mag sein, dass die massive russische Intervention dem bedrängten Regime nun Entlastung verschafft. Den Krieg beendet sie nicht. Sie heizt ihn im Gegenteil eher an. "Keiner weiß, was passiert", sagt ein Passant. "Du läufst über die Straße und kannst jederzeit von einer Granate getroffen werden. Wenn Du nach Hause kommst, sagst du: Gott sei Dank, ich bin in Sicherheit. Überall ist Militär, Geheimdienst, Straßensperren." Vielleicht tun einige Leute so, als seien sie unbesorgt. Aber sie haben Angst, große Angst.

Auch wir haben sie am eigenen Leib zu spüren bekommen. Sie überfiel uns urplötzlich, von einem Moment auf den anderen, als eine Rakete unser Hotel traf. Es war eine Katjuscha, die am Nachmittag zwei Stockwerke unter uns in einen Treppenschacht einschlug. Niemand wurde verletzt. Aber 15 Minuten später stand Syriens Tourismusminister Bashir Yazji in unserem Zimmer und meinte, er sei gekommen, um uns zu beruhigen: "Gut Sie zu sehen. So etwas passiert hier nun mal, das ist nicht das erste und wird nicht das letzte Mal gewesen sein. Das ist ganz normal."

Kriegsalltag in Damaskus
M. Durm, SWR
11.10.2015 11:21 Uhr

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