Zerstörte Straße in Damaskus | Bildquelle: dpa

Syrischer Armee gehen die Soldaten aus Humpelnd in den Krieg

Stand: 03.10.2015 02:26 Uhr

Die Luftangriffe Russlands kommen für das syrische Regime zur rechten Zeit: Der Armee gehen nach fünf Jahren Krieg die Soldaten aus, Kontrolle hat sie nur noch über einen kleinen Teil des Landes. Deshalb begrüßen auch viele Bewohner von Damaskus Moskaus Engagement.

Von Martin Durm, ARD-Hörfunkstudio Kairo

Wenn es hart auf hart kommt, sagt der Veteran in den Altstadt von Damaskus, wenn es wirklich ganz eng wird für Präsident Bashar al-Assad, dann könne dieser sich nicht nur auf Wladimir Putin verlassen, sondern auch auf ihn: Auf Kamal Mubajed, 60 Jahre alt, die Uniformjacke so weit aufgeknöpft, dass die grauen Brusthaare daraus hervorquellen.

Am Stock humpelt er durch die Gassen nahe der Ummayaden-Moschee und sagt jedem, der es hören will, wie er dieser Tage die Kriegslage sieht: "Das ist doch alles eine Verschwörung. Wir Syrer verteidigen nicht nur die arabische Nation gegen den Terrorismus sondern auch Europa."

Und wie zum Beweis seiner persönlichen Opferbereitschaft krempelt er das rechte Hosenbein hoch: Eine Schusswunde wird sichtbar, am Unterschenkel, noch nicht ganz verheilt. Offenbar hat Präsident Bashar al-Assad in den vergangenen Monaten das letzte Aufgebot seiner Armee mobilisiert und in die vorderen Reihen geworfen.

Armee mit Personalnot

Der Machthaber selbst gestand unlängst in einer Rede ein, es gebe im fünften Kriegsjahr gewisse Personalprobleme in der Armee. Das ist leicht untertrieben: Von ursprünglich 350.000 Regierungssoldaten wurden seit Kriegsausbruch fast 100.000 verletzt oder getötet. Die gesamte Provinz Idlib und Palmyra gingen verloren, dem Regime laufen die Rekruten davon. Und auch in Damaskus dringt die beängstigende Gegenwart dieses Krieges täglich ins Ohr und ins Bewusstsein. Mal beschießt die Armee Aufständischen-Viertel am Stadtrand, mal feuern die Rebellenmilizen Granaten ins Zentrum.

In eben dieser kritischen Situation greift Russland massiv militärisch in den Bürgerkrieg ein. Allein schon der Zeitpunkt nährt den Verdacht, dass es sich dabei vor allem um eine regimeerhaltende Maßnahme handelt. "Russland ist unser Freund, mit Russlands Hilfe werden wir siegen", sagt Kamal, der angeschossene Veteran und drückt den ausländischen Reporter ganz gerührt an die Brust.

Rumpfstaat ist noch stabil

Ähnlich, nur etwas zurückhaltender, hatte sich tags zuvor Bashir Yazji geäußert. Er ist Teil des Regimes, ein junger Politiker, der das rätselhafte Amt eines syrischen Tourismusministers bekleidet. Allerdings äußert er sich auch gern zu außenpolitischen Fragen: "Dass Russland Syrien militärisch unterstützt, liegt ganz ihm Rahmen der bereits unterzeichneten Abkommen", sagt er. "Die Terrorbekämpfung ist die Pflicht aller Staaten, nicht nur Russlands und Syriens. Ich wünschte, auch der Westen, Europa, die USA wären bereit, den Terror zu bekämpfen."

Das ist die vorgegebene Linie eines Regimes, das die Kontrolle über große Teile des Landes verloren hat und dennoch davon überzeugt ist, dass ihm am Ende die Zukunft gehört. Der syrische Rumpfstaat mit seinen Banken und Behörden, seinen Märkten und Universitäten, seiner Verkehrspolizei und seinen Geheimdiensten scheint immer noch stabil und lebensfähig zu sein. Aber was weiß man schon in Damaskus?

Skepsis in Bevölkerung

"Die Regierung versichert immer: Alles ist stabil", sagt ein Mann, der ungenannt bleiben will, aber wohl wie viele denkt. "Aber wir spüren doch den Krieg um uns. Wir sehen all die ausländischen Mächte, die sich einmischen: jetzt die Russen, dann die Iraner, Saudis, Katarer. Wir sind nicht frei. Alle verfolgen ihre eigenen Interessen. Und am Ende ist da nur Gewalt und Töten und Folter. Das ist nicht das, was wir Syrer wollen."

Syrischer Armee gehen die Soldaten aus
Martin Durm, SWR
03.10.2015 02:36 Uhr

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