Südsudan | Bildquelle: AFP

Drei Jahre Unabhängigkeit Kein Grund zum Feiern im Südsudan

Stand: 09.07.2014 01:51 Uhr

"Was ist das für ein Volk, wo einer dem anderen einfach die Kehle durchschneidet, jemand einen Menschen einfach so bei lebendigem Leib verbrennt oder einer Frau die Brüste abschneidet?", fragt eine junge Frau. Sie war voller Hoffnung, als sich der Südsudan vor drei Jahren vom Nordsudan losgesagt hatte. Was bleibt, ist Enttäuschung.

Von Hans Michael Ehl, ARD-Hörfunkstudio Kairo

30.000 Flüchtlinge leben in UN-Lagern in Südsudans Hauptstadt Juba, so auch Mary Jo. Die junge Frau hatte große Hoffnungen, als das Land vor drei Jahren seine Unabhängigkeit vom verhassten Nordsudan erklärte. Damals hat sie gefeiert, jetzt ist sie enttäuscht: "Wir sind doch ein Volk, wir sind alle Südsudanesen, aber die Regierung hat es nicht geschafft, uns zu einem Volk zu machen."

Südsudan | Bildquelle: Reuters
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Kinder in einem Flüchtlingslager im Südsudan.

"Was ist das für ein Volk, wo einer dem anderen einfach die Kehle durchschneidet, jemand einen Menschen einfach so bei lebendigem Leib verbrennt oder einer Frau die Brüste abschneidet, weil sie zu einem anderen Stamm gehört?", fragt Mary Jo. "Unser Präsident wird die Wunden nicht heilen und uns zu einem Volk machen können. Das ist nach dieser Krise nicht zu schaffen."

Was soll das denn werden

Millionen auf der Flucht

Wie Mary Jo sind anderthalb Millionen Südsudanesen vor der Gewalt geflohen, die im Dezember eskalierte. Ein interner Streit um den politischen Weg der Sudanesischen Volksbefreiungsbewegung, SPLM, wurde zum ethnischen Konflikt, weil Präsident Salva Kiir und sein Rivale, Ex-Vizepräsident Riek Machar, unterschiedlichen Volksgruppen angehören. Kiir ist Dinka, Machar ist Nuer.

Regierung weitgehend gescheitert

Hilde Johnson war in den vergangenen drei Jahren UN-Sonderbeauftragte für den Südsudan. Jetzt hat sie Juba verlassen, nicht ohne den politischen Führern im Land ins Gewissen zu reden: "Die gesamte Führungsriege hat diese Situation ausgelöst. Sie haben es nicht geschafft, die Probleme direkt anzugehen. Stattdessen haben sie noch Öl ins Feuer gegossen. Das ist das größte Problem. Es gibt eine gemeinsame Verantwortung für das, was geschehen ist."

Anfang Mai einigten sich Regierungsvertreter und Rebellensprecher auf eine Waffenruhe - die dritte seit Beginn der Kämpfe - und auch diese letzte wurde mehr als einmal gebrochen. Außerdem soll bis zum 10. August eine Einheitsregierung gebildet werden, ein Kompromiss, der auf Vermittlung des ostafrikanischen Staatenbundes IGAD zustande kam. Ob der Termin gehalten werden kann, ist allerdings fraglich.

Flüchtlingscamp im Südsudan | Bildquelle: REUTERS
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Viele Menschen flohen vor den gewaltsamen Auseinandersetzungen in den vergangenen Monaten.

Flüchtlingskinder im Südsudan | Bildquelle: REUTERS
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Die UN versuchen, ihnen in Flüchtlingslagern Sicherheit zu bieten.

Hoffnungen enttäuscht

Bei den Feiern zur Unabhängigkeit vor drei Jahren waren die Hoffnungen groß und zumindest zum Teil berechtigt. Riek Machar, damals Vize-Präsident und heute Rebellenführer, sah den Südsudan vor einer großen Zukunft: "Wir haben die Ressourcen, ob Öl, Bodenschätze, Ackerland, die Tierwelt für den Tourismus - wir können das alles ausbauen, indem wir Kapital investieren. Dann können wir den Südsudan zu einem wirtschaftlichen und finanziellen Zentrum Afrikas machen."

Hoffnungen, die enttäuscht wurden. Nicht gelöste Streitfragen mit dem Norden führten mehrfach an den Rand eines Kriegs, so die strittige Verteilung der Einnahmen aus dem Ölgeschäft. Die Gewalt der vergangenen Monate hat das Land vollends um Jahre zurückgeworfen. Es drohe eine Hungersnot, von der jeder zweite der rund zehn Millionen Südsudanesen betroffen wäre, warnen Hilfsorganisationen.

Karte: Südsudan
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Der mehrheitlich christliche Südsudan hatte sich nach einem jahrzehntelangen Bürgerkrieg am 9. Juli 2011 vom muslimisch geprägten Norden losgesagt.

Dieser Beitrag lief am 09. Juli 2014 um 06:05 Uhr in der radioWelt auf BR2.

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