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Nach Unruhen in Südafrika
Mordanklage gegen Minenarbeiter
Die südafrikanische Staatsanwaltschaft hat Mordanklage gegen 270 Kollegen der 34 Bergarbeiter erhoben, die von Polizisten erschossen wurden. Sie griff dabei auf ein Gesetz aus der Apartheidszeit zurück. Die Arbeiter weisen die Vorwürfe zurück, ein ehemaliger ANC-Jugendführer ruft zum Umsturz auf.
Von Claus Stäcker, ARD-Hörfunkstudio Johannesburg
Es klingt absurd, aber ist Realität im Jahr 18 der südafrikanischen Demokratie: 270 bei den Unruhen an der drittgrößten Platinmine der Welt verhaftete Bergarbeiter müssen sich wegen gemeinschaftlichen Mordes verantworten. Das Gericht in Ga-Rankuwa ließ die Argumentation der nationalen Strafverfolgungsbehörde NPA zu, die sich auf ein Gesetz aus Apartheidzeiten stützt, das seit 1994 nicht mehr zu Anwendung kam.
Staatsanwaltschaft erhebt Mordanklage gegen Minenarbeiter
C. Stäcker, ARD Johannesburg
31.08.2012 13:03 Uhr
Zugleich räumte das Gericht der Anklagebehörde eine Woche zusätzlich ein, um ihre Klageschrift zu formulieren. NPS-Sprecher Lesenyego sagte: "Wir sind sehr glücklich, dass das Gericht in unserem Sinne entschieden hat, wir können nun für die Klageschrift die persönlichen Daten aller 270 erfassen."
Mussten sich die Inhaftierten bisher nur wegen öffentlicher Gewalt verantworten, kommt nun noch die kollektive Mordanklage hinzu. Das Apartheid-Gesetz stellt so genannte "gemeinschaftliche Interessen" unter besonderen Schutz, dazu gehört auch die Polizei, die von den Streikenden angegriffen worden sei, erklärte der Sprecher.
"Sie haben zuerst geschossen, nicht wir"
Die NPA wird es aber schwer haben, das zu beweisen, zumal immer mehr Augenzeugen bestreiten, dass die Polizei in Notwehr gehandelt hat. Die Ehefrau eines Marika-Kumpels, Nosisa Qwashele, etwa sagte der ARD: "Die Polizei bildete einen Sicherheitskordon und zog einen Zaun um den Hügel. Überall standen ihre Panzerfahrzeuge und Wasserwerfer. Als die Streikenden versuchten, den Zaun zu überwinden haben sie angefangen sie zu jagen. Mit ihren Fahrzeugen, den Hippos, und Hubschraubern. Traurigerweise haben sie viele von unseren Männern erschossen."
Der 49-jährige Bergarbeiter Phantu Phiri rettete sich, indem er über tote und verletzte Kollegen sprang und zwischen ihnen Deckung suchte. "Sie haben uns alle Fluchtwege versperrt", berichtet er. "Wir wollten zu den Büros ziehen, aber sie ließen uns nicht durch. Wir versuchten einen anderen Weg, auch dort haben sie uns angehalten. Sie kamen direkt zum Hügel und begannen den Kampf. Sie haben zuerst geschossen, nicht wir. Selbst als wir flüchteten, schossen sie weiter. Manche von uns in den Rücken."
Ein Fotoreporter, der Pulitzer-Preisträger Greg Marinovich, bezweifelte ebenfalls die Notwehr-Behauptung. "Mindestens 14 Streikende seien gezielt verfolgt und kaltblütig erschossen worden", betont er
Unterdessen gärt es auch an anderen Bergwerken, befeuert vom geschassten ANC-Jugendführer Julius Malema: "Wir dachten, dass es schön wäre, ein Schwarzer zu sein nach der Wende 1994. Aber es ist schlimmer geworden, schlimmer als zu Apartheidszeiten. Wir werden von unseren eigenen Leuten umgebracht, von unseren eigenen Leuten unterdrückt!"
Malema rief zum Sturz der Regierung von Präsident Jacob Zuma und zu einer nationalen Minen-Revolution auf. Auch die Friedensgespräche an der Lonmin-Mine sind unterbrochen - die Splittergewerkschaft AMCU, die von den meisten Streikenden unterstützt wird, fühlte sich an den Rand gedrängt und verließ die Schlichtungsgespräche. Die Platinproduktion ruht weiter.
Stand: 31.08.2012 11:58 Uhr
