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Wasserkrise in Kapstadt Die Stunde Null rückt näher

Stand: 19.01.2018 17:13 Uhr

Kapstadt erlebt eine der schlimmsten Dürren seit Jahrzehnten. Die Trinkwasser-Reservoire der Millionenstadt leeren sich zusehends. Notfalls werden im April alle Wasserhähne abgestellt.

Von Jan-Philippe Schlüter, ARD-Studio Johannesburg

Jacques Dreyer rumpelt mit seinem Pickup über ein Stück kahles, sandig-steiniges Land. "Eigentlich wäre hier alles überschwemmt", sagt er. "Siehst Du die alte Brücke da hinten? Die müsste jetzt eigentlich zehn Meter unter Wasser sein." Was wie Steppe wirkt, ist das Innere eines riesigen Damms. Nur vereinzelt sind geschlossene Wasserflächen zu sehen.

"Normalerweise gehe ich nur 20 bis 30 Meter aus dem Haus, um ans Wasser zu kommen. Jetzt muss ich mit dem Auto 1,7 Kilometer fahren, um schwimmen zu gehen." Jacques wohnt direkt am Theewaterskloof-Damm. Das ist der größte von sechs Dämmen, aus denen Kapstadt hauptsächlich sein Trinkwasser bezieht. Die Dämme sind momentan zu nicht einmal einem Drittel gefüllt, der Theewaterskloof-Damm sogar nur noch zu gut 15 Prozent.

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Schon im Mai 2017 war der Theewaterskloof-Damm zum Teil ausgetrocknet. Inzwischen hat sich die Lage dramatisch verschärft.

Mehrere Dürre-Jahre hintereinander

Das sei die Folge einer krassen Dürre, sagt der Klimaforscher Piotr Wolski von der Universität Kapstadt: "Das ist wirklich ein Ereignis, das in den letzten 100 Jahren nicht vorgekommen ist. Es ist ja nicht nur ein Jahr ohne Regen gewesen – wir hatten drei Dürre-Jahre hintereinander."

Da sich die Dämme aus Regenwasser speisen, hat Kapstadt jetzt ein Riesenproblem: Der Millionenstadt am Atlantischen Ozean geht das Wasser aus. Entsprechend dramatisch klingt der Appell der Bürgermeisterin Patricia de Lille: "Jetzt muss gehandelt werden. Wir sind wirklich an einem Punkt angelangt, an dem es sonst kein Zurück mehr gibt. Trotz aller unserer Bemühungen verbrauchen 60 Prozent der Bewohner Kapstadts immer noch mehr als die erlaubten 87 Liter Wasser am Tag. Es ist unfassbar, dass sie uns sehenden Auges in die Stunde Null schicken."

Schon im April droht kompletter Wasser-Stopp

Die Stunde Null - Day Zero - so wird der Tag genannt, an dem in Kapstadt die Wasserhähne zugedreht werden, weil nicht mehr genügend Wasser da ist. Stand jetzt wäre es am 21. April so weit. Dann müssten die Menschen an einer von etwa 200 Verteilstationen Schlange stehen – für 25 Liter Wasser am Tag.

Auch Touristen wären dann betroffen, sagt die Bürgermeisterin: "Die Hotels und Guesthäuser werden einen Notfallplan für ihre Gäste machen müssen und sich um das Wasser kümmern. Ich glaube nicht, dass die Touristen sich selbst werden anstellen müssen. Das werden die Mitarbeiter der Guesthäuser übernehmen."

Nur Krankenhäuser, einige Unternehmen und die Büros in Kapstadts Innenstadt wären von der unterbrochenen Wasserversorgung ausgenommen. Und die Townships, die häufig ohnehin nur wenige zentrale Wasserhähne haben.

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Die Wasserkrise in Kapstadt könnte auch für Touristen bald zum Problem werden.

Wer ist schuld an der Misere?

Bei einer solchen Krise bleiben Schuldzuweisungen nicht aus. Bürgermeisterin de Lille gibt Klimawandel und verschwenderischen Bürgern die Schuld. Die bezichtigen im Gegenzug die vermeintlich unfähigen städtischen Beamten, viel zu spät gegen die Wasserknappheit vorgegangen zu sein. Gegen diesen Vorwurf wehrt sich de Lille: "Wir hatten einen 30-Jahres-Plan. Der ist durch den Klimawandel durcheinandergebracht worden. Aber wir sparen seit 15 Jahren Wasser. Wir haben sogar einen Preis für vorbildliches Wasser-Management bekommen von C40, einem Netzwerk internationaler Metropolen, die gegen den Klimawandel kämpfen." 

Dass Bürgermeisterin de Lille gerade in einen schmutzigen innerparteilichen Machtkampf verwickelt ist, der auch das Rathaus erfasst hat, hilft natürlich nicht gerade. Und dann ist da noch die pikante Konstellation, dass Kapstadt von der größten Oppositionspartei des Landes verwaltet wird, der Demokratischen Allianz. Die will hier unter Beweis stellen, wie gut sie regieren kann, und dass sie dazu durchaus auch auf nationaler Ebene in der Lage wäre.

Unrühmliche Rolle des Wasser-Ministeriums

Dieser Anspruch gefällt der nationalen Regierungspartei ANC natürlich überhaupt nicht. Und er habe vielleicht mit dazu beigetragen, dass das für Infrastruktur zuständige Wasser-Ministerium eine unrühmliche Rolle bei der derzeitigen Krise spielt, sagt Daniel Olivier vom Institut für globalen Wandel und Nachhaltigkeit an der Wits-Universität Johannesburg: "Eine Buchprüfung hat unlängst Korruption und Misswirtschaft im Wasser-Ministerium ans Tageslicht gebracht. Da fehlen Millionen von Euro. Kapstadt wirft dem Ministerium vor, dass genau dieses Geld gefehlt hat, um Notprojekte in der Stadt zu finanzieren." Olivier ist davon überzeugt, dass ein Großteil der Kritik an der Stadtverwaltung unfair ist: "Ich finde die Debatte ziemlich einseitig. Mein Eindruck ist, dass die Stadt gut gearbeitet hat. Keine andere Stadt in Südafrika hat zum Beispiel so wenige Lecks in der Wasserversorgung."

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Die Wasserreservoire leeren sich zunehmend. Dass hier Boote fahren konnten, ist schon einige Monate her.

Wasserverschwendern drohen Bußgelder

Kapstadt tut alles, um den Day Zero irgendwie zu verhindern. Dutzende Wasserlöcher werden gebohrt, es gibt Aufklärungskampagnen, Wasseraufbereitungsprojekte und kleinere Entsalzungsanlagen. Die für die Wirtschaft so wichtigen Landwirte müssen auch massiv sparen. Wie sich das auf die kommenden Ernten und den Viehbestand auswirken wird, ist noch nicht klar.

Wasserverschwendern drohen Bußgeld und der Einbau eines Geräts zur Wasserbegrenzung. In den letzten zwei Jahren wurde der Wasserverbrauch in der Stadt fast halbiert - von 1,1 Milliarden Litern auf etwa 600 Millionen Liter am Tag. Aber für die gestressten Dämme ist das immer noch zu viel. Ab dem 1. Februar wird das Wasser noch stärker rationiert. Dann darf jeder Bewohner nur noch 50 Liter am Tag verbrauchen. Wer sich nicht daran hält, muss mit heftigen Strafgebühren rechnen.

Angst vor Day Zero

Aber viele Bewohner fürchten, dass das auch nicht reichen wird: "Ich glaube, Day Zero wird kommen. Natürlich haben wir Angst davor. Keine Ahnung, was dann passiert. Wir brauchen doch Wasser. Das wird echt ein Riesenproblem", heißt es. Manche wappnen sich mit einer Planung für Day Zero: "Ich habe mir deshalb einen 10.000-Liter-Wassertank gekauft, der mit Regenwasser gefüllt ist. Das wird mir hoffentlich helfen."

Andere Bewohner Kapstadts vertrauen auf höhere Mächte, die Day Zero verhindern sollen: "Nein, ich glaube an Jesus. Ich bete und weiß, Gott wird einen Weg finden."

Weniger feuchte Jahre durch Klimawandel

Der Wissenschaftler Piotr Wolski glaubt nur an seine Daten – und die sagen: Auch wenn es mal wieder regnet und diese Wasserkrise dann vorbei ist, wird Kapstadt sich wegen des menschengemachten Klimawandels wappnen müssen: "Wir bewegen uns in ein trockeneres Klima. Das heißt nicht, dass permanent Dürre herrscht. Aber die Dürren könnten häufiger und heftiger sein als in der Vergangenheit. Wir können immer noch feuchte Jahre erwarten. Aber vermutlich weniger als bisher. "

Kapstadts Wasserkrise: Die Stunde Null kommt näher
Jan-Philippe Schlüter, ARD Johannesburg
19.01.2018 15:53 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 1. Januar 2018 um 12:20 Uhr.

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