Jens Stoltenberg im Porträt Glaubwürdig, eloquent, kontrolliert

Stand: 28.03.2014 18:48 Uhr

Im Herbst soll Jens Stoltenberg neuer Chef der NATO werden. Für sein einfühlsames und entschiedenes Auftreten nach den Anschlägen von Oslo und Utöya 2011 bekam der damalige Regierungschef Norwegens viel Zuspruch - was sich politisch für ihn aber nicht auszahlte.

Von Tim Krohn, ARD-Hörfunkkorrespondent Stockholm

Jens Stoltenberg während seiner Rede zum zweiten Jahrestag der Anschläge | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Stoltenberg am zweiten Jahrestag der Anschläge. Auch privat zog es ihn immer wieder nach Utöya.

"Wir bleiben ein offenes Norwegen, ein demokratisches Norwegen." Wie ein Mantra wiederholte und variierte Jens Stoltenberg diesen Satz immer wieder. Nach den Anschlägen von Oslo und Utöya klang es fast, als wollte er die eigenen Zweifel daran übertönen. Man sah dem Mann an, wie er zu kämpfen hatte in diesen furchtbaren Tagen. Auch er selbst hatte auf Utöya gute Freunde verloren.

Umso glaubwürdiger gab Stoltenberg seinem Land im Sommer 2011 die Richtung vor. "Während der ersten beiden Tage ging es darum zu arbeiten, zu den Menschen zu gehen, Krankenhausbesuche zu machen, eben als Ministerpräsident da zu sein", so Stoltenberg. "Als ich dann am Sonntagmorgen aufwachte, sah ich eine Zeichnung von Utöya in der Zeitung. Da begann ich zu weinen. Ich glaubte, alles unter Kontrolle zu haben. Aber dieses Detail machte mir klar, wie nahe mir das alles ging."

Portrait von Jens Stoltenberg - Der künftige NATO-Generalsekretär
T. Krohn, ARD Stockholm
28.03.2014 18:24 Uhr

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"Was wichtig und was weniger wichtig für mich ist"

Diese Nähe ist greifbar. Auch privat zog es den früheren norwegischen Ministerpräsidenten immer wieder zurück auf die Insel - zum Nachdenken, wie er sagt. "Teils, weil ich jetzt die Bedeutung des Lebens verstehe, was es für ein Geschenk ist, am Leben zu sein, mit allen Empfindungen. Und dann habe ich neu gelernt, was wichtig und was weniger wichtig für mich ist", sagt Stoltenberg und fügt sofort an, was er erlebt habe, sei "nichts gegenüber dem Schicksal der Toten und Verletzten und nichts gegenüber denen, die ihre Liebsten verloren haben."

Alle in der Familie sind erfahrene Diplomaten

Sich nicht größer machen als die anderen, bescheiden bleiben - noch so ein Mantra der norwegischen Politik. Der 55-Jährige hat das von Kindesbeinen an gelernt. Er ist mit Begriffen wie NATO oder OSZE groß geworden. Sein Vater Thorvald war Außenminister und Friedensschlichter auf dem Balkan. Seine Mutter und seine Frau - alle in seiner Familie sind erfahrene Diplomaten. Irgendwie war immer klar, was Jens einmal machen wird.

Stoltenberg wirkt fast immer eloquent, elegant, kontrolliert. 2005 wählten ihn die Norweger zum Regierungschef, 2009 gelang dem politischen Pragmatiker die Wiederwahl. Kaum war das gelungen, fiel wieder einmal so ein typischer Stoltenberg-Satz: "Zunächst will ich den Wählern der anderen Parteien danken dafür, dass sie ihr demokratisches Recht wahrgenommen haben. Und wir sollten ihnen für ihre Wahl auch Respekt entgegenbringen."

Respekt, Toleranz, Rechtsstaatlichkeit - Jens Stoltenberg kann gar nicht anders. Im Herbst des vergangenen Jahres reichte es für Stoltenberg trotzdem nicht mehr. Der international hoch geachtete Sozialdemokrat musste nach den Wahlen gehen und der Beweis war erbracht: Es ist und bleibt halt ein "demokratisches Norwegen".

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