Per Bauchspiegelung sterilisiert Dr. Pant seine Patientinnen in wenigen Minuten.

Indischer Arzt "Niemand hat so viele Frauen sterilisiert wie ich"

Stand: 27.02.2017 01:36 Uhr

In Indien leben 1,3 Milliarden Menschen, mehr als 50 Prozent sind unter 25 Jahre alt. Es tickt eine demographische Zeitbombe. Der Staat fördert Sterilisationen. Und Dr. Pant ist ganz weit vorne: Er sterilisiert Frauen im Minutentakt.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

"Früher habe ich 100 Frauen in einer Stunde operiert", sagt Dr. Pant stolz, während er einer Patientin den Bauch aufschlitzt. Nur wenige Zentimeter, dann führt Dr. Pant eine Stablinse ein. Der Bauch wird währenddessen mit Kohlensäuregas aufgepumpt und die Eileiter mit einem Gummiband abgebunden. In nur vier Minuten ist der Eingriff vorbei und die nächste Patientin wird in den OP geschoben.

Manisha Patel liegt jetzt auf dem OP-Tisch. Sie ist 30 Jahre alt und hat bereits einen Jungen und ein Mädchen geboren: "Die meisten Frauen aus meinem Dorf haben zwei Kinder und lassen sich dann sterilisieren."

Weltrekord in Sterilisations-OPs
S. Diettrich, ARD Neu-Delhi
26.02.2017 17:57 Uhr

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30 Euro Prämie für die Sterilisation

Sozialarbeiter von der Regierung hätten sie über den Eingriff informiert, aber sie nicht dazu gezwungen, erzählt sie. Rund 30 Euro bekommt Manisha von den Behörden dafür, dass sie sich sterilisieren lässt. Einen Monat kann sie dafür ihre Familie ernähren.

"Aber das Geld spielt für sie keine Rolle", mischt sich Dr. Pant ein, der bei der Regierung angestellt ist. Diese schafft oft Anreize, damit Familien nicht zu viele Kinder bekommen. Frauen nehmen nach der Operation zum Beispiel an einer Verlosung teil mit der Chance auf ein Auto oder einen Kühlschrank als Hauptgewinn. Männer bekommen zum Beispiel ein Gewehr samt Waffenschein.

800 Sterilisationen pro Tag wären möglich

Früher gab es Quoten, die staatliche Ärzte und Gesundheitsbeamte erfüllen mussten. Dr. Pant erinnert sich gern an diese Zeit: "Wenn ich dürfte, könnte ich auch heute noch über 800 Operationen am Tag vornehmen." Aber er darf nun offiziell nicht mehr als 50 Patienten am Tag operieren. Die indische Regierung will damit Kritik an ihrer Familienplanung vermeiden.

Dr. Pant ist stolz, die meisten Sterilisationen weltweit ausgeführt zu haben.
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Dr. Pant ist stolz, die meisten Sterilisationen weltweit ausgeführt zu haben.

Vor mehr als zwei Jahren sind mehrere Frauen in einem Sterilisationscamp gestorben, weil die Schmerzmittel wohl mit Rattengift verunreinigt waren. Viele erzählten, dass die Ärzte viel zu viele Patientinnen binnen zu kurzer Zeit operiert hätten. Danach tauchten Fotos im Netz auf. Darauf zu sehen: indische Ärzte, die mit einer Fahrradpumpe den Unterleib einer Patientin aufblasen.

"Es soll endgültig sein"

Hier im OP-Saal im Bundesstaat Madya Pradesh tragen alle Anwesenden Kittel, Handschuhe und Mundschutz, das Operationsbesteck holen die Schwestern für jede Patientin neu aus einer sterilen Lösung. Manisha sagt, sie habe ein wenig Angst vor dem Eingriff, aber sie wisse, sie tue das Richtige: "Es soll endgültig sein. Der Arzt hier hat einen guten Ruf. Und sobald die OP vorbei ist, muss ich mir keine Sorgen mehr machen. Unsere Bevölkerung steigt rasant. Alles kostet immer mehr Geld. Und damit meine beiden Kinder auch gut leben können, sollte ich nicht noch mehr bekommen."

Im Sterilisationscamp müssen Frauen nach der OP ruhen ...
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Im Sterilisationscamp müssen Frauen nach der OP ruhen ...

Es klingt genauso, wie es ihr die Sozialarbeiter zuvor erzählt haben. Auf 1000 Inder kommt rund ein Familienplaner, der die Menschen davon überzeugt, sich sterilisieren zu lassen. Es gibt hier keine Gesetze, die vorschreiben, wie viele Kinder eine Familie haben darf. Denn die indische Familienplanung hat ein sehr dunkles Kapitel: Mitte der 70er Jahre ließ Indira Gandhi den Ausnahmezustand ausrufen. In diesen Jahren stieg die Bevölkerung in Indien rasant und völlig unkontrolliert an. Die Folge waren massenhafte Sterilisationen. Oft riegelte die Polizei ganze Dörfer ab und zerrte vor allem arme Männer aus ihren Häusern heraus bis auf den OP-Tisch.

In nur einem Jahr wurden sechs Millionen Männer unfruchtbar gemacht. Ist das der Grund, warum in den letzten Jahren fast nur noch Frauen sterilisiert werden? Bei Ehepaaren, die verhüten, haben 75% der Frauen diesen Eingriff vornehmen lassen, obwohl er bei Männern viel unproblematischer wäre.

Die Männer seien ängstlicher, sagt Dr. Pant. Viele würden Sterilisation mit Kastration gleichsetzen. Davor hatte auch Yogesh Singh Angst. Er ist heute der einzige Mann, der sich von Dr. Pant behandeln lässt. Yogesh hat zwei Kinder und möchte nicht noch mehr. Mit Kondomen habe er so seine Schwierigkeiten, sagt er verlegen und erzählt, er kenne nur wenige Männer, die diesen Eingriff bei sich haben vornehmen lassen: "Die meisten Männer sagen, die Frauen sollen das machen lassen. Die Männer fühlen sich so unabhängiger und können tun, was sie wollen. Der Sohn meines Nachbars zum Beispiel ist gestorben, jetzt hat er das Gefühl, er müsse wieder heiraten und mit der neuen Frau einen Sohn bekommen. Ja, so ist Indien, so denken sie hier."

Yogesh Singh ist einer von fünf Prozent der indischen Männer, die sich sterilisieren lassen.
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Yogesh Singh ist einer von fünf Prozent der indischen Männer, die sich sterilisieren lassen.

"Das Problem ist gelöst"

Nur eine viertel Stunde nach seinem Eingriff steht Yogesh strahlend auf dem Flur. Er hat es geschafft und kann nach Hause gehen. Die 23 Frauen, die heute vor ihm dran waren, liegen dicht an dicht auf dem Fußboden gereiht und schlafen. An ihren Köpfen sitzen weibliche Familienangehörige und spenden Trost. Manisha ist noch wach: "Hier unten am Bauch habe ich Schmerzen, ich bin zwar froh, aber es tut jetzt noch weh. Meine Schwägerin ist hier bei mir. Meine Familie ist froh, dass das Problem jetzt gelöst ist."

Die Pille, Spirale oder andere Verhütungsmethoden sind nicht sehr populär in Indien. Trotzdem würden die Sterilisationen abnehmen, sagt Dr. Pant. Das liege vor allem daran, dass es leichter geworden sei, abzutreiben. Trotzdem, sagt der Arzt stolz, seinen Rekord von bislang über 350.000 Sterilisationen könne weltweit niemand mehr brechen. Er alleine habe damit, rein statistisch gesehen, dafür gesorgt, das 10 Millionen Kinder weniger auf die Welt gekommen seien. "Dass ich diesen Job mache, ist eine Fügung. Und in 36 Jahren ist keiner der mehr als 350.000 Patienten nach meiner Behandlung gestorben."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. Februar 2017 um 05:41 Uhr.

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