Lissabon | Bildquelle: picture alliance / Arcaid

Portugal nach der Finanzkrise "Musterschüler" mit Problemen

Stand: 01.03.2018 11:53 Uhr

Portugal gilt als Musterland für wirtschaftliche Erholung. Doch viele Probleme bleiben. Wie das Land nach der Finanzkrise aussieht, erkundet Bundespräsident Steinmeier auf seiner Reise.

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Die Eckdaten klingen toll: Die portugiesische Wirtschaft ist im vergangenen Jahr um 2,7 Prozent gewachsen, stärker als im EU-Durchschnitt. Das Land hat 2017 kaum neue Schulden gemacht. Ministerpräsident António Costa sprach vor Kurzem in einem Zeitungsinterview vom niedrigsten Defizit der portugiesischen Demokratie. Seine Regierung spare nicht mehr, sie investiere. Höhere Löhne, höhere Renten und Sozialausgaben - immer wieder ist in Zeitungen vom "Musterschüler Portugal" die Rede.

Doch ist die Welt im einstigen Euro-Krisenland tatsächlich wieder in Ordnung ? Nein, sagt Enrique. Der Ingenieur aus der Nähe von Porto ist Anfang 40, hat eine Frau und ein Kind. "Die Wahrheit zur Lage in Portugal ist ein bisschen anders", sagt er. "Es gibt zwar leichte Verbesserungen und damit wieder Hoffnung. Aber für den, der am Monatsende nachrechnet, sind die Verbesserungen nicht so positiv, wie es allgemein dargestellt wird."

Eine Brücke bei Lissabon im Sonnenuntergang. | Bildquelle: AP
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Portugal profitiert zunehmend vom Tourismus.

An der Praia do Norte in Nazaré, Portugal, reitet ein Surfer eine meterhohe Welle. | Bildquelle: REUTERS
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2017 reisten 2,5 Millionen deutsche Fluggäste nach Portugal.

Einkommen portugiesischer Familien unter EU-Durchschnitt

Die portugiesische Regierung hat in den vergangenen Monaten zum Beispiel einige Steuern erhöht. Das führt dazu, dass ein Durchschnitts-Portugiese trotz eines etwas höheren Einkommens ungefähr so viel Geld im Portemonnaie hat wie im Jahr 2008, vor Ausbruch der Krise. Diese Entwicklung sieht auch Francisco Louçã kritisch. Er gehörte zu den Gründern des sogenannten Linksblocks, der die aktuelle Regierung stellt, hat sich aber aus der Politik zurückgezogen.

Die Mehrwertsteuer sei relativ hoch, nämlich 23 Prozent. Das nähere sich dem europäischen Durchschnitt an, erklärt Louçã, der mittlerweile als Wirtschaftsprofessor an einer Universität in Lissabon arbeitet. Es gebe aber viele indirekte Steuern, die ebenfalls hoch seien. "Vor allem, wenn wir sehen, dass die Einkommen portugiesischer Familien viel niedriger sind als der Durchschnitt in Deutschland oder in anderen Ländern Mitteleuropas." Auch wenn der Mindestlohn leicht angehoben wurde - er liegt immer noch bei knapp 650 Euro brutto. Im Nachbarland Spanien sind es 825 Euro.

Kreditrückzahlung durch Umschuldung

Die Regierung betont lieber andere Dinge: Zum Beispiel, dass das Land vor einem Jahr einen Kredit des Internationalen Währungsfonds (IWF) über 1,7 Milliarden Euro zurückgezahlt hat - und zwar vor dem Termin, an dem er fällig gewesen wäre. Was aber nur im Kleingedruckten stand: Für die Tilgung des IWF-Darlehens hat Portugal neue Kredite aufgenommen, zu günstigeren Konditionen. Das Land betreibt also eine Art Umschuldung.

"Die Zinsen des IWF sind viel höher als die sowieso schon hohen Zinsen der europäischen Institutionen", erläutert Louçã. Deshalb sei es eine korrekte Strategie, dass Portugal diesen Teil umschuldet, um die hohen Zinsen loszuwerden. Denn das Land bekomme wieder Geld auf dem Kapitalmarkt, kann sich günstiger finanzieren und damit teure Kredite tilgen.

Entspannteres Verhältnis erwartet

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier steht vor einem Flugzeug. | Bildquelle: dpa
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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier trifft sich in Lissabon mit seinem Amtskollegen Rebelo de Sousa, danach mit Regierungschef Costa.

Dass Portugal langsam seine Schulden los wird, sieht auch die Bundesregierung gern. Sie war es, die in den Krisenjahren die strikte Sparpolitik verteidigte, was ihr viele Portugiesen übel nahmen. Das Verhältnis zwischen Portugal und Deutschland war angespannt. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel im Herbst 2012 Lissabon besuchte, riefen Tausende Menschen auf den Straßen "Raus hier!". Aber diese Zeiten seien vorbei, sagt Enrique. Er erwarte, dass der Besuch des deutschen Bundespräsidenten deutlich entspannter abläuft.

"Normalerweise werden die Deutschen bei uns ja gerne als die Bösen dargestellt, die den anderen sagen wollen, was sie tun müssen", so Enrique. "Ich finde, wir müssen eine Lektion von Deutschland lernen und verstehen, wie das Land es so weit gebracht hat. Für uns ein Beispiel, das wir kopieren sollten."

Bundespräsident Steinmeier in Lissabon: Wie steht’s um Portugal?
Oliver Neuroth, ARD Madrid
01.03.2018 10:40 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. März 2018 um 05:51 Uhr.

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