Deutscher Soldatenfriedhof Rossoschka bei Wolgograd | Bildquelle: AFP

Besuch auf einem Soldatenfriedhof bei Wolgograd "Das ist ein Massengrab ganz Europas"

Stand: 02.02.2013 13:52 Uhr

Auf dem deutschen Soldatenfriedhof Rossoschka bei Wolgograd liegen Zehntausende Gefallene. Er zeigt das unfassbare Leid, das nicht nur die Schlacht von Stalingrad, sondern Krieg generell für die Menschen bedeutet. Auch die Überlebenden kämpfen ihr Leben lang mit den Erinnerungen.

Von Heide Rasche, ARD-Hörfunkstudio Moskau

Hier, über die Weiten der russischen Steppe, pfeift der kalte Winterwind besonders unbarmherzig. Im Spätherbst 1942 begann rund um das nahegelegene Dorf Rossoschka die Entscheidungsschlacht um Stalingrad, kämpften tausende Soldaten auf beiden Seiten der Front. Damals, vor 70 Jahren, herrschten im Winter Temperaturen von bis zu Minus 40 Grad. 

Heute befindet sich hier die größte deutsche Kriegsgräberstätte Russlands. Rund 56.000 Tote fanden dort bis jetzt ihre letzte Ruhestätte. Der Friedhof wurde 1999 eingeweiht, um ihn herum führt eine Mauer mit den Namen der geborgenen und identifizierten deutschen Soldaten. Jährlich kommen neue hinzu. An die Vermissten erinnern 17 große Granitwürfel mit mehr als 100.000 Namen.

Bis heute nicht alle Gefallenen geborgen

Im Winter finden nur wenige Touristen den Weg hierher. Der Schnee liegt beinahe kniehoch. Der Weg rund um den Friedhof ist für Swetlana Arganzewa jedes Mal aufs Neue eine Mahnung, welches Leid der Krieg über die Menschen bringt: "Wenn man das alles sieht und  hier lang geht, dann stellt sich nur eine Frage: Wozu das alles? So viele junge, 18- bis 20-jährige Männer mussten ihr Leben lassen. Wofür?"

Auf der anderen Straßenseite entstand ebenfalls Ende der 1990er-Jahre ein Friedhof für sowjetische Gefallene, aufgebaut auch mit Hilfe der Deutschen Kriegsgräberfürsorge. Auf den Grabsteinen liegen Stahlhelme, viele mit Einschusslöchern. 3000 sowjetische Soldaten sind hier begraben, ihr Leben in Stalingrad ließen Hunderttausende. Bis heute sind bei weitem nicht alle geborgen, bei weitem nicht alle identifiziert.

Deutscher Soldatenfriedhof bei Wolgograd | Bildquelle: AFP
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Auf dem Soldatenfriedhof Rossoschka liegen Zehntausende Deutsche beerdigt.

"Krieg ist Wahnsinn", sagt der Überlebende

Anatoli Koslow kämpfte in Stalingrad, er überlebte. Aber auch für ihn ist dieser Friedhof mehr als nur eine Stätte der Trauer, er ist ein Mahnmal. "Krieg ist Wahnsinn", sagt er. Dem Menschen sei das Leben gegeben worden, damit er es genießen könne - "aber Politiker werden ab und zu vom Wahnsinn erfasst". Sie hetzten ein Volk auf das andere. Millionen von Menschen würden ermordet, damit irgendjemand sein Ziel erreichen könne.

90 Jahre ist Koslow inzwischen. Der Krieg hat ihn sein Leben lang nicht mehr losgelassen. Alles habe er gelesen, was in den vergangenen Jahren darüber veröffentlicht worden sei.

Eines, so sagt er, habe er auf jeden Fall aus diesem schrecklichen Krieg gelernt. Er werde relativ oft in Schulen eingeladen, um dort mit jungen Leuten zu sprechen. "Ich sage bei diesen Treffen, dass Frieden und Freundschaft das Wichtigste im Leben sind", sagt er. "Man muss in Freundschaft leben, koste es, was es wolle. Man muss sich verständigen, koste es, was es wolle. Man darf auf keinen Fall einen Krieg entfesseln." Heute habe  die Menschheit so schreckliche Vernichtungsmittel, dass ihr Einsatz zum Ende der Zivilisation führen könnte.

Wolgograd - ein internationales Mahnmal

Stalingrad wurde zum Symbol für eine der blutigsten Schlachten des zweiten Weltkrieges. Russischen Schätzungen zufolge ließen hier eineinhalb bis zwei Millionen Menschen ihr Leben, Soldaten und Zivilisten, Kinder und Erwachsene. Sie fielen im Kampf, sie verhungerten, erfroren.

Der 2. Februar ist für Swetlana Arganzewa, Direktorin der Museums zur Schlacht um Stalingrad, ein besonderer Gedenktag. Natürlich müsse man diesen Tag feierlich begehen, sagt sie. Es sei ein Tag, der nicht nur Russen, sondern ganz Europa angehe. In einer Stadt, die im Grunde genommen bis heute ein einziges internationales Mahnmal sei: "Heute ist diese Stadt ein riesiges Kameradengrab - Hunderttausende Deutsche, Hunderttausende Italiener, Hunderttausende Rumänen, Zehntausende Ungarn, Tschechen, Österreicher, Zehntausende Spanier. Anderthalb Millionen Menschen aus unserem Land. Es gab große Verluste - das ist ein Massengrab ganz Europas."

Diese Stadt solle den Menschen klar machen, dass Krieg zu nichts Gutem führe, sondern nur zu einer Tragödie.

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