Sri-lankische Sicherheitskräfte stehen vor einem ausgebrannten Haus. | Bildquelle: REUTERS

Unruhen in Sri Lanka Kein Tag ohne Gewalt

Stand: 10.03.2018 01:15 Uhr

Seit Dienstag herrscht in Sri Lanka der Ausnahmezustand. Grund ist eine Welle der Gewalt zwischen Singhalesen und Muslimen. Geschürt wird der Konflikt auch von militanten Buddhisten.

Von Jürgen Webermann, ARD-Studio Neu-Delhi

Es begann Anfang der Woche mit einem Verkehrsunfall im Distrikt Kandy, berühmt für seine Teeplantagen und mitten in Sri Lanka gelegen. Ein Lastwagenfahrer wollte vier Jugendliche anscheinend nicht überholen lassen. Die offenbar betrunkenen Jungs revanchierten sich brutal und erschlugen den Mann.

Die Täter waren Muslime, die sich in Sri Lanka als eigenständige Gruppe definieren. Das Opfer gehörte zur Mehrheit der Singhalesen. Daraufhin zogen Mobs los. Anwohner in Kandy und in anderen Orten sprechen von organisierten Gruppen. Sie zündeten Geschäfte, Privathäuser von Muslimen und eine Moschee an. Ein junger Mann verbrannte in seinem Wohnhaus. Es war der Bruder von Mohammad Ishan. "Ich bin am Morgen danach hergekommen, um nach meinen Eltern zu sehen. Ich fand meinen Bruder auf dem Boden, er muss gestürzt sein, neben dem Badezimmer."

Seitdem verging kein Tag ohne Unruhen, obwohl die Regierung einen Ausnahmezustand verhängt hat. Die Polizei scheint die Gewalt nicht unter Kontrolle zu bekommen. Sri Lankas Präsident Maithripala Sirisena blieben nur noch Appelle, die Gewalt zu stoppen. "Ich verurteile die Gewalt aufs Schärfste", erklärte er. Außerdem habe er die Polizei angewiesen, "mit aller Härte gegen diejenigen vorzugehen, die hinter den Gewalttaten stecken."

Militärpatrouille in der sri-lankischen Stadt Digana | Bildquelle: REUTERS
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Trotz erhöhter Militärpräsenz kommt die Region Kandy nur langsam zur Ruhe.

Radikale Buddhisten schüren den Nationalismus

Doch wer sind die Rädelsführer? Die International Crisis Group, die Organisationen weltweit berät, spricht von militanten, gut organisierten Gruppen. Das passt zu den Aussagen vieler Anwohner in Kandy und anderen Orten. Die Militanten seien meist radikale Buddhisten, die ihre Religion für einen singhalesischen Nationalismus nutzen und gegen Minderheiten wettern - derzeit vor allem gegen Muslime.

Die Singhalesen machen in Sri Lanka etwa 75 Prozent der Bevölkerung aus, sie sind überwiegend Buddhisten. Rund zehn Prozent der Einwohner Sri Lankas sind Muslime. Laut Crisis Group ist das Muster, nach dem radikale Buddhisten vorgehen, einfach: Sie streuen über soziale Medien Gerüchte, wonach Muslime eine Bedrohung für Sri Lanka seien. Ein Beispiel: Muslimische Händler würden Lebensmittel, die Singhalesen kaufen, mit Verhütungsmitteln versehen, um langfristig die Bevölkerungsstruktur zu verändern.

An solche Legenden würden viele Menschen glauben, sagt auch der Universitätsprofessor Sisira Wijesinghe in einem Fernsehinterview: "Es geht um den Glauben der Mehrheit, dass nur sie das Land besitzt und alle Minderheiten nicht dazu gehören."

In der Hauptstadt Colombo demonstrierten Menschenrechtler und buddhistische Mönche gemeinsam gegen Rassismus. | Bildquelle: AFP
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In der Hauptstadt Colombo demonstrierten Menschenrechtler und buddhistische Mönche gemeinsam gegen Rassismus. Sie verurteilten die anti-muslimischen Ausschreitungen in anderen Landesteilen.

Erst die Tamilen, nun die Muslime

Lange Zeit galten die überwiegend hinduistischen Tamilen als größte Bedrohung im Land. In Sri Lanka tobte bis 2009 ein 26 Jahre andauernder Bürgerkrieg. Die Armee, angetrieben vom damaligen Präsidenten Mahinda Rajapaksa und von radikalen Singhalesen, beendete den Kampf mit einer brutalen Offensive gegen die nicht minder radikale Rebellen-Organisation Tamil Tigers (LTTE), die auch Kinder und Selbstmordattentäter gegen die Armee einsetzte. Während der Offensive starben Zehntausende Zivilisten.

Sri Lanka kam danach nur langsam zur Ruhe. Denn schon bald nach Kriegsende gab es Spannungen zwischen Singhalesen und Muslimen. 2015, nach dem Sturz Rajapaksas, versprach die neue Regierung, mehr gegen die Gewalt gegen Minderheiten zu unternehmen. Passiert ist aber seitdem laut internationalen Beobachtern nur wenig. Stattdessen bringt sich der frühere Machthaber Rajapaksa wieder in Stellung. Er gewann im Februar bedeutende Regionalwahlen. Auch das dürfte den radikalen Buddhisten in Sri Lanka Auftrieb gegeben haben. 

Sri Lanka: Was steckt hinter den Unruhen zwischen Buddhisten und Muslimen
J. Webermann, ARD Neu-Delhi
09.03.2018 23:47 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 06. März 2018 um 23:35 Uhr.

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