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Spionage für Russland Ein Maulwurf und der Schaden für die NATO

Stand: 30.06.2017 17:09 Uhr

Der Beschuldigte sagt, es sei um Olivenöl gegangen. Tatsächlich ging es wohl um streng geheime NATO-Dokumente: Ein hochrangiger portugiesischer Agent soll sie an den russischen Geheimdienst übergeben haben. Die NATO befürchtet "schwere Schäden".

Von Georg Heil, WDR, Stefanie Dodt, NDR und Georg Mascolo, NDR/WDR

Die Karriere des mutmaßlichen Doppelagenten Frederico Carvalhao G. endete am 21. Mai 2016 als ihn italienische Polizisten in einem Café in Rom verhafteten. Neben ihm saß ein russischer Diplomat. Worum es bei dem Treffen wohl ging, zeigte sich, als die Ermittler den Rucksack von G. öffneten: Darin fanden sich fünf vertrauliche NATO-Dokumente, 10.000 Euro, gestückelt in 100-Euro-Noten, sowie eine Flasche schottischen Whisky. Nur zu feiern hatten die beiden nun nichts mehr.

Der russische Diplomat Sergej Nikolajewitsch P., mit dem sich der 58-jährige G. getroffen hatte, wird von westlichen Nachrichtendiensten verdächtigt, in Wahrheit ein Agentenführer des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR zu sein. Das Geld und den Whisky soll Sergej P., der fließend portugiesisch und italienisch spricht, dem Portugiesen G. als Lohn für die NATO-Papiere gegeben haben.

Eines der Dokumente trug den Titel "Cyberangriffe gegen kritische Energieinfrastruktur", ein anderes befasste sich mit Energietransportwegen von NATO-Ländern in der Schwarzmeerregion.

Schwerwiegende Sicherheitsverletzungen

In der Anklageschrift, die NDR und WDR vom portugiesischen Nachrichtenmagazin "Sabado" zur Auswertung überlassen wurde, findet sich eine Stellungnahme der NATO zum Ausmaß des mutmaßlichen Verrats:

"Wenn Carvalhão G. nur einen kleinen Teil der eingestuften Informationen, zu denen er Zugang hatte, an russische Geheimdienste weitergegeben hat, würde dies eine schwerwiegende Verletzung der Sicherheit der NATO bedeuten und der Allianz und ihren Verbündeten schweren Schaden zufügen."

Portugiesische Ermittler hatten bei einer Durchsuchung nach der Festnahme neben 36.400 Euro in bar insgesamt 268 von der NATO als "confidential" (vertraulich) und "secret" (geheim) eingestufte Dokumente in Papierform und auf Datenträgern im Besitz des Portugiesen G. gefunden. Nur eine Geheimhaltungsstufe, "cosmic top secret", liegt noch darüber.

Teilnahme an sensiblen NATO-Übungen

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Seit 1987 arbeitete G. beim portugiesischen Geheimdienst SIS.

Neben den Dokumenten verfügt Frederico Cavalhao G. zudem über umfangreiches Geheimwissen. Seit 1987 arbeitete er beim portugiesischen Nachrichtendienst SIS. Hier war er unter anderem Koordinator für Terrorismus-Abwehr sowie in der Spionageabwehr tätig. Seit 2008 war er Repräsentant seines Geheimdienstes beim nationalen Sicherheitskabinett Portugals. Mehrfach nahm er auch an sogenannten CMX-Übungen der NATO teil, bei denen einmal jährlich der Umgang mit unterschiedlichen Krisenszenarien geübt wird.

Nach Einschätzung der NATO, die in der Anklageschrift zitiert wird, sollen insbesondere bei der CMX-Übung 2011, an der G. teilnahm, höchst sensible Schwachstellen einzelner NATO-Länder im Umgang mit einem bestimmten Krisenszenario offenbar geworden sein.

Nicht der einzige Fall

Der Fall G. reiht sich ein in zwei andere schwere Spionagefälle aus der Vergangenheit der NATO. So flog 1993 Rainer Rupp auf, der unter dem Decknamen "Topas" seit 1969 für die Stasi bei der NATO spioniert hatte.

2009 wurde dann der estnische Geheimdienstbeamte Herman Simm enttarnt. Ähnlich wie der Portugiese G. hatte Simm die NATO nicht aus dem Brüsseler Hauptquartier, sondern aus seinem Heimatland heraus ausspioniert. Simm war im estnischen Verteidigungsministerium tätig gewesen und hatte dort Zugang zu verschlüsselter NATO-Kommunikation.

Erfahren, professionell - begehrt

Frederico Cavalhao G. könnte nach Einschätzung portugiesischer Behörden seit 2011 für Russland spioniert haben. Nach Auswertung seiner Auslandsreisen halten sie es für wahrscheinlich, dass er sich seit 2011 16 Mal mit russischen Agenten getroffen hat - unter anderem in Österreich, Frankreich, Marokko, der Schweiz und auf Zypern.

Dass G. jahrelang unentdeckt bleiben konnte, lag offenbar an der hohen Professionalität, mit der er vorgegangen ist. "Er war durch seine langjährige Tätigkeit in der Spionageabwehr Portugals bestens ausgebildet, ging konspirativ vor und wusste genau, wie er sich vor seinen eigenen Kollegen zu tarnen hatte", so der Investigativ-Journalist Nuno Pinto, der den Fall G. bei "Sabado" monatelang recherchiert hat.

In NATO-Kreisen soll es nach Informationen von NDR und WDR aber auch Verwunderung über den Umgang Portugals mit sensiblen NATO-Dokumenten geben. Der Personenkreis, der im Land auf solche Dokumente zugreifen konnte, sei demnach zu groß gewesen. Fraglich ist beispielsweise, ob G. wirklich Zugang zu allen bei ihm gefundenen Dokumenten haben musste. Nach einer Einschätzung des SIS hat der Fall schweren Schaden in der Beziehung Portugals zur NATO angerichtet.

Verhängnisvolles Treffen in Ljubljana

Zuerst aufgefallen ist G. offenbar dem US-Auslandsgeheimdienst CIA, der den portugiesischen Partnerdienst SIS 2015 auf den mutmaßlichen Maulwurf aufmerksam gemacht hatte. Die portugiesische Spionageabwehr organisierte daraufhin eine umfassende Observation.

So wurde G. im November 2015 beobachtet, als er mit einer Lufthansa-Maschine zunächst nach München reiste, um von dort über Triest ins slowenische Ljubljana zu gelangen. Hier wurde G. auf Bitten des portugiesischen Dienstes vom slowenischen Nachrichtendienst bei einem Treffen mit dem Russen P. gefilmt. Hier soll er Dokumente auf einem Datenträger übergeben und im Gegenzug neben Geld auch eine Flasche Cognac von seinem mutmaßlichen Agentenführer bekommen haben.

Doch nur Olivenöl?

Seit dem Treffen in Slowenien wurde in Portugal offiziell staatsanwaltlich gegen G. ermittelt. Nach seiner Festnahme kam er zunächst in Untersuchungshaft, inzwischen befindet er sich aber in Lissabon unter Hausarrest und muss sich in Kürze wegen Spionage, Bestechlichkeit und der Verletzung von Staatsgeheimnissen vor Gericht verantworten.

Die Staatsanwaltschaft in Portugal hat beantragt, die Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu führen. Agent G. bestreitet die Vorwürfe, die gegen ihn erhoben wurden. Er ließ durch seinen Anwalt mitteilen, die Treffen mit dem Russen hätten dem Export von Olivenöl gedient.

Schadensbegrenzung beim SIS

Während der Fall nun bald nach mehr als einem Jahr vor Gericht juristisch aufgearbeitet wird, läuft die Schadensbegrenzung beim portugiesischen SIS schon länger. Der Nachrichtendienst befürchte, dass sämtliche seiner Mitarbeiter nun den russischen Diensten bekannt seien. Um den Schaden zu minimieren, ließ der Dienst nach der Festnahme die Nummernschilder sämtlicher Dienstfahrzeuge sowie Telefonnummern auswechseln. Zudem wurden Dienstorte und Aufgaben von Agenten verändert. Für die NATO dürfte es weit schwerer werden, den entstanden Schaden durch den Spionagefall zu begrenzen.

Unter Mitarbeit von Lena Kampf und Antonio Cascais, WDR

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. Juni 2017 um 23:35 Uhr.

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