Kommentar

Vier Parteien im Parlament Tatsächlich eine Zeitenwende

Stand: 21.12.2015 11:41 Uhr

40 Jahre entweder Konservative oder Sozialisten - das war die politische Realität in Spanien. Bis gestern. Junge Parteien haben sich bei der Wahl einen Platz im Parlament erobert. Eine nötige Zeitenwende.

Von Marc Dugge, HR, Studio Madrid

An großen Worten haben die spanischen Politiker nicht gespart. Von "Epochenwechsel" war die Rede, von "Zeitenwende", vom "Ende einer Ära" oder einem "historischen Moment". Bei all den Superlativen könnte man denken, auch in Spanien sei jetzt die Mauer gefallen.  Oder irgendein Reich erobert worden. Aber so falsch liegt man da gar nicht. Denn gestern sind tatsächlich einige Mauern gefallen in Spanien - und auch einige Bastionen erobert worden.

Fast 40 Jahre lang haben sich die beiden großen Parteien an der Regierung abgewechselt. Hatten die Konservativen eine Zeit lang regiert, kamen irgendwann die Sozialisten dran - und umgekehrt. Dieses Prinzip schien unveränderbar zur spanischen Demokratie zu gehören. Und jetzt das. Da stürmen auf einmal neue, junge Politiker ins Parlament. Pablo Iglesias von der linken Partei Podemos, Albert Rivera von der den Bürgerlichen "Ciudadanos". Mit voller Wucht, ohne großen Anlauf erobern sie Dutzende von Sitzen.

Leidenschaftliche Debatten in den Tapas-Bars

Zwei Männer unter 40, die nicht viel miteinander gemein haben, die sich aber einig sind in dem Willen, die spanische Politik aufzumischen, zu entstauben, und sicher geglaubte Wahrheiten zu hinterfragen. Höflich, unnachgiebig und offensiv. Man mag von den beiden politisch halten, was man will. Fakt ist, dass sie viele Spanier wieder für Politik begeistert haben. Es ist lange her, dass man in Spaniens Tapas-Bars so viele Menschen hat leidenschaftlich über Politik reden hören.

Ja, diese Spanien-Wahl war eine Wahl von Alt gegen Jung, eine Wahl zwischen dem Establishment und dem Ungewissen. Die Spanier haben keiner Partei - weder den neuen noch den alten - genügend Stimmen gegeben, um allein regieren zu können, wie das bisher der Fall war. Aber die spanische Demokratie hat gezeigt, dass sie funktioniert. Dass sie neue Kräfte nach oben spülen kann, wenn diese stark genug sind.

Noch ist nicht klar, wer Spanien demnächst regieren wird. Aber sicher ist schon, dass es für eine künftige Regierung nicht leichter wird. Sie wird häufiger Kompromisse aushandeln, sich stärker auf die Finger schauen lassen müssen als die bisherige. Und die Neuen werden zeigen müssen, was sie wirklich drauf haben. Ja, Spanien hat sich verändert gestern. Das Land ist politisch viel komplizierter geworden. Die Wahl ist tatsächlich eine Zeitenwende für Spanien. Eine, die nötig war.

Wahl in Spanien - die Zeitenwende
Marc Dugge, ARD Madrid
21.12.2015 11:03 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 21. Dezember 2015 um 08:09 Uhr bei Inforadio.

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