Adoptionsskandal

Spaniens gestohlene Kinder

Stand: 22.05.2017 19:08 Uhr

Wer gegen den Diktator Franco war, dem wurden die Babys gestohlen - was in Spanien in den 1930er-Jahren als politische Säuberung begann, entwickelte sich über Jahrzehnte zum lukrativen Geschäft für Ärzte, Notare und die Kirche. Betroffen sind bis zu 300.000 Kinder.

Von Sebastian Kisters, ARD-Studio Madrid

Irgendwann konnte Manuel L. nicht mehr. Es war 1982, erzählt er. Manuel L. und seine Frau hatten sich vergeblich ein Kind gewünscht. Da hörten sie von der Möglichkeit einer Adoption. Unkompliziert, unbürokratisch. Genau wollten sie es nicht wissen. Später wird Manuel sagen, er sei "so in die Sache reingerutscht".

"Die Sache" lief so:  Ein Krankenhaus in Valencia. "Wir gingen an dem Tag hin, bezahlten 750.000 Peseten. Auf der Säuglingsstation neben einem Brutkasten lag das Baby. Es war wie ein Geschenk für uns."

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Kinderhandel unter Diktator Franco

tagesthemen 22:15 Uhr, 22.05.2017, Sebastian Kisters, ARD Madrid

Immer wieder Geldforderungen

Ärzte, Pfleger und Notare verdienten am "Geschenk". Sie forderten immer wieder Geld von Manuel L. "Bis ich einmal gesagt habe: Ich zeige euch an. Da haben sie nur geantwortet: Du kommst ins Gefängnis und wir hauen ab. Am Ende habe ich fast drei Millionen Peseten bezahlt."

Rund 18.000 Euro waren das. Für damalige Verhältnisse ein Vermögen. Lukas, das gekaufte Baby, wuchs bei Familie L. auf. Mit 18 Jahren kam er bei einem Unfall ums Leben. Der Mann, der für ihn sein Vater war, konnte ihm die Wahrheit nicht mehr sagen.

Manuel L. adoptierte 1982 seinen Sohn. Die Umstände waren äußerst dubios.

Manuel L. zeigt auf Fotos: "Da ist er 17 Jahre alt. Lukas war gekauft. Als Kind, als Jugendlicher. Das wird immer so bleiben. Gekauft." Was er getan habe, war grausam, sagt Manuel L. Bereits 2011 hatte er dem ARD-Studio in Madrid seine Geschichte erzählt. Er wartete darauf, doch nie hat jemand gegen ihn, Krankenschwestern oder Ärzte ermittelt. Es geschah nichts. Vertuschen, verdrängen, verschweigen - so ging Spanien bislang mit den tragischen Geschichten der "bebés robados" um, den gestohlenen Kindern.

Vor allem Frauen erschossener Franco-Gegner betroffen

Begonnen hat der Skandal in der Ära des Diktators Franco. Manchen nicht regimetreuen Familien wurden nicht nur das Leben oder die Freiheit genommen, sondern auch die Kinder. Es waren vor allem Frauen erschossener Republik-Anhänger, denen die Kinder geraubt wurden, um sie an treue Franquisten zu geben.

Doch der Handel mit Babys hörte auch nach dem Tod des Diktators 1975 nicht auf. In der jungen Demokratie machten mafiöse Verbindungen aus Ärzten, Anwälten und Geistlichen aus dem Kinderhandel ein Geschäft.

Von den 1930er bis in die 1990er-Jahre sollen in Spanien bis zu 300.000 Babys verkauft worden sein, schätzen Opferverbände. Ärzte mit politischen Freunden und Kräfte der katholischen Kirche hätten dafür gesorgt, dass es nie zu größeren Ermittlungen kam, sagen sie.

Nur ein Verfahren gegen eine Nonne gebe es bislang. "Schwester Maria" hatte lange als Sozialarbeiterin in einem Krankenhaus gearbeitet. Doch die hoch betagte Nonne starb, ehe sie zu Hintermännern aus Kirche oder Krankenhaus hätte aussagen können.

"Du fühlst eine große Leere"

So warten Mütter, die nie daran glauben wollten, dass ihr Kind kurz nach der Geburt verstorben ist, weiter auf Klarheit. Und Kinder, die spät erfahren haben, dass ihre Eltern sich nur als solche ausgegeben haben, warten auch.

Enrique Vila gehört wohl dazu. Er steht in Valencia und erzählt von dieser Last: "Wie erkläre ich es jemandem, der seine Eltern hat, seine Großeltern. Wie erkläre ich jemandem, dass ich nichts habe. Nichts! Gibt es in meiner Familie Krankheiten? Aus welcher Gegend komme ich? Warum sehe ich so aus? Wie werde ich mal aussehen? Du fühlst eine große Leere."

Erst nach dem Tod seiner Eltern fand er Adoptionsunterlagen, die ihm verdächtig vorkamen. Für ihn wurde gezahlt. Enrique hofft, dass seine Eltern glaubten, damit seine in Not geratene leibliche Mutter zu unterstützen. "Sie haben mich adoptiert. Aber wie? Wer hat gelogen: Nonnen, ein Arzt? Ein Rechtsanwalt? Ich weiß es nicht!"

Erst nach dem Tod seiner vermeintlichen Eltern erfuhr Enrique Vila, dass er adoptiert wurde.

Viele Gräber waren leer

Rechtsanwalt José Luis Pena vertritt Menschen, die vermuten, geraubte Kinder zu sein. Oder die meinen, dass ein toter Säugling, der ihnen in den Arm gelegt wurde, nicht ihr Kind war. "Um leiblichen Eltern ein Kind entziehen zu können, musste man den Tod vortäuschen. Sonst würde ein Kind ja als geboren auftauchen, von dem man nicht weiß, wo es sich befindet."

Einige Eltern, die nicht an den Tod ihres Kindes glauben wollten, ließen mittlerweile Gräber öffnen. Viele waren leer. 156 Mandanten vertritt José Luis Pena allein in Madrid. In den kommenden Wochen wird ein Verfahren gegen einen Gynäkologen beginnen. Man konnte ihm nachweisen, dass er eine Geburtsurkunde gefälscht hatte.

In vielen Fällen aber fehlen Unterlagen. Wenn Ärzte schweigen, gibt es fast keine Chance auf Wahrheit. "In den meisten Fällen sind Ärzte verstorben", sagt der Rechtsanwalt. "In anderen Fällen tauchen Bücher nicht auf, die wir dringend bräuchten. Behörden in Madrid haben zugesagt, zu helfen. Aber wir forschen seit sieben Jahren und wichtige Dokumente haben wir immer noch nicht bekommen - und wir reden allein in Madrid von wirklich großen Kliniken."

Die Opfer hoffen nun auf das Verfahren gegen den Gynäkologen. Und auf einen Besuch von Abgeordneten des Europa-Parlaments. Sie treffen dieser Tage Anwälte, Opfer und Vertreter spanischer Behörden. Die gestohlenen Kinder von Spanien wollen, dass die Welt von ihrem Schicksal erfährt.