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Somalia ist kollabiert. Die international anerkannte Übergangsregierung beherrscht gerade einmal die Hälfte der Hauptstadt, radikale Islamisten kontrollieren große Teile des Landes und die traditionelle Clangesellschaft bringt nichts als Hass und Rachegelüste hervor. Die internationale Gemeinschaft tut nichts.
Von Bettina Rühl, ARD-Hörfunkstudio Nairobi
Im Stadtzentrum von Mogadischu fallen wieder einmal Schüsse. Omar Olad, der Leiter einer lokalen Hilfsorganisation, sitzt ganz in der Nähe des Gefechts im Innenhof eines Hotels. Trotz der nahen Kämpfe bleibt er gelassen. Er hat sich, wie alle hier, an den Krieg längst gewöhnt. "Das ist wie eine Gehirnwäsche", sagt er. "Die Zustände verändern dich. Zwanzig Jahre lang leben wir jetzt schon in diesem Chaos."
1991 wurde der letzte Diktator Siad Barre gestürzt. Seitdem hat Somalia keine Regierung mehr, die das Staatsgebiet kontrolliert. Die international anerkannte Übergangsregierung beherrscht nur die Hälfte der Hauptstadt. Die andere Hälfte und die meisten Landesteile sind in der Hand radikaler Islamisten. Diese so genannten Al Schabaab haben Kontakte zum internationalen Terrornetzwerk Al Kaida. "Wir leben im Dschungel. In diesem Land gilt das Gesetz des Dschungels. Jeder kann jederzeit erschossen werden, Plünderungen und Vergewaltigungen sind alltäglich geworden. Für uns gibt es bis heute nicht den Funken einer Hoffnung", sagt Olad.
Somalia ist kollabiert. Der Sturz Siad Barres hinterließ ein Vakuum, das bis heute nicht gefüllt ist. Die Gesellschaft ist deshalb mit ihrem Hass und ihren Rachegelüsten allein. Außerdem ist die somalische Gesellschaft nach Clans strukturiert, historischen Großfamilien. In diesem System sind Rache und Vergeltung mehr als eine persönliche Angelegenheit, nämlich eine geradezu zwingende Aufgabe der Clans.
Wenn die traditionelle Clangesellschaft funktioniert, gehören zu diesem System auch Vergebung und Versöhnung. Doch in Somalia haben die Ältesten der Clans durch die Übermacht moderner Kriegsfürsten an Einfluss verloren. Vom alten Clansystem ist vor allem der Gedanke an Rache geblieben.
[Bildunterschrift: Die Vereinten Nationen haben Somalia buchstäblich aufgegeben", sagt der UN-Sondergesandte für Somalia, Auguste Mahiga. ]
Ein weiterer Faktor, der den Frieden in Somalia behindert: Die internationale Gemeinschaft hat viele Fehler gemacht. Das sieht auch der Sondergesandte für Somalia des UN-Generalsekretärs, Augustine Mahiga, so. "Der erste Fehler der Vereinten Nationen war, dass sie einen Militäreinsatz in Somalia in den 1990er-Jahren vorzeitig abgebrochen haben. Die UNO und die internationale Gemeinschaft haben Somalia buchstäblich aufgegeben", analysiert Mahiga. Kriegsfürsten und internationale Terroristen hätten leichtes Spiel gehabt. "Sie haben den Freiraum genutzt, der dadurch entstanden ist. Unter deren Einfluss ist das Land mehr und mehr zerfallen."
Erst nach dem 11. September 2001 erinnerte sich der Westen an den Krieg im Osten Afrikas - der inzwischen auch die gesamte Region, Europa und die Vereinigten Staaten bedroht. Afrikanische und andere Staaten fordern deshalb von der UNO immer wieder ein militärisches Eingreifen. "Aber zentrale Mitglieder des Sicherheitsrates sind dagegen. Sie argumentieren: Ohne Frieden ist eine Friedensmission unmöglich", erklärt Mahiga.
[Bildunterschrift: Schlecht ausgerüstet: Soldaten der Afrikanischen Union (AMISOM) in Mogadischu ]
Anders ausgedrückt: Somalia ist den Vereinten Nationen für die eigenen Soldaten zu gefährlich. Deshalb erteilte sie der Afrikanischen Union das Mandat für einen militärischen Einsatz. Seit Anfang 2007 steht die so genannte AMISOM in Mogadischu. Doch die bisher 8000 Mann sind dem Terror nicht gewachsen. Deshalb hat die UNO das Mandat Ende 2010 auf insgesamt 12.000 Soldaten erweitert.
Aber das genügt nicht, meint Mahiga. "Die Ausrüstung der Truppe ist völlig unbrauchbar für diesen städtischen Guerillakrieg gegen Mitglieder des internationalen Terrornetzwerkes. Und sie hat nicht einen einzigen Hubschrauber. Nicht einmal, um Verwundete ausfliegen zu können. Jede UN-Friedenstruppe ist besser ausgerüstet, als die Truppen der Afrikanischen Union in Mogadischu - dabei sind die gezwungen, tatsächlich zu kämpfen." Ein halbherziges Engagement also, das nicht ausreicht, um die tiefe Krise in Somalia zu lösen.
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