US-Geheimdienst: Schon 1960 gab es einen "Fall Snowden"

Affäre um US-Geheimdienst NSA

Bereits 1960 gab es einen "Fall Snowden"

Ein junger Mitarbeiter, nach Jahren beim US-Geheimdienst NSA desillusioniert, gibt der Welt Informationen über die Abhörpraktiken seines Landes preis: Die Parallelen zum Fall Snowden sind groß - doch diese Spionage-Affäre spielte sich bereits 1960 ab.

Von Martin Ganslmeier, ARD-Studio Washington

William Martin war 29 Jahre jung, Mathematiker und seit drei Jahren als Verschlüsselungsexperte in der Zentrale des damals noch sehr geheimen Geheimdienstes NSA tätig. Doch die anfängliche Freude über den lukrativen Job wich im Laufe des Jahres 1960 blankem Entsetzen. Hatte Präsident Dwight D. Eisenhower Amerika nicht immer den "Leuchtturm der Freiheit" genannt?

Stattdessen bekam Martin mit, wie unverfroren der Geheimdienst NSA andere Länder, ja sogar die westlichen Alliierten abhören ließ. Selbst die Privatbriefe von Ausländern an US-Bürger wurden von NSA-Mitarbeitern geöffnet. Dieses wachsende Unbehagen teilte Martin seinem 31-jährigen Freund und NSA-Kollegen Bernon Mitchell mit: "So kann es nicht weitergehen", beschlossen die beiden im Juni 1960 - so wie 53 Jahre später Edward Snowden, meint John Walcott, Geheimdienstexperte bei Bloomberg: "Martin und Mitchell schienen wie Snowden durch fehlgeleiteten Idealismus motiviert zu sein."

William Martin und Bernan Mitchell (Bildquelle: http://www.nsa.gov/about/cryptol)
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William Martin und Bernon Mitchell informierten die Weltpresse am 6. September 1960 in Moskau über die Aktivitäten der NSA.

Enthüllungen vor Journalisten in Moskau

Martin und Mitchell nahmen Urlaub und landeten nach Zwischenstationen in Mexiko und Kuba in Moskau. Am 6. September 1960 packten die beiden abtrünnigen NSA-Mitarbeiter im Haus des sowjetischen Journalistenverbandes aus. Vor Reportern aus aller Welt schilderten sie, wie die 1950 eingerichtete NSA nahezu alle Länder der Welt ausspionierte, und dass dazu auch Verbündete wie Frankreich und Italien gehörten. Sie erzählten, wie es der NSA gelang, den Verschlüsselungscode der türkischen Botschaft in Washington zu knacken, wie die CIA seit vielen Jahren geheime Spionageflüge mit U2-Aufklärern über dem Gebiet der Sowjetunion durchführte und dass Amerika heimlich den Umsturz feindlicher Regierungen betrieb.

Heftigere Reaktionen als damals

US-Präsident Eisenhower schäumte und bezeichnete Martin und Mitchell als "Verräter". Die Amerikaner hätten damals "viel zorniger" als heute auf den Fall Snowden reagiert, betont Geheimdienstexperte John Walcott: "Das war auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges. Und dies waren die beiden nuklearen Supermächte. Sie wurden allgemein als Verräter betrachtet." Was bei Snowden nicht so klar ist, meint Walcott.

Vergessene Geschichte: Die NSA-Abtrünnigen von 1960
M. Ganslmeier, NDR Washington
03.07.2013 08:53 Uhr

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Auch wenn Snowden in den USA alles andere als populär ist, gebe es halt doch einen entscheidenden Unterschied zu Martin und Mitchell. "Snowden wandte sich zunächst an die Öffentlichkeit. Martin und Mitchell gaben ihr Wissen bewusst an die Sowjetunion weiter", sagt Walcott. Wobei der Geheimdienstexperte überzeugt ist, dass auch Snowden längst vom russischen Geheimdienst abgeschöpft wurde: "Die Russen haben einen sehr aggressiven Geheimdienst. Wenn dir jemand wie Snowden in den Schoß fällt, wäre es dumm, ihm nicht alle möglichen Informationen zu entlocken."

Unglückliches Ende für Martin und Mitchell

Snowdens weiteres Schicksal ist noch unklar. Ziemlich traurig ist dagegen, was aus Martin und Mitchell wurde. Das vermeintliche Arbeiterparadies Sowjetunion entpuppte sich schnell als öde Sackgasse. Mitchell führte bis zu seinem Tod im Jahr 2001 ein unglückliches Leben. Martin beantragte in den 1970er-Jahren mehrfach die Wiedereinbürgerung in die USA - vergeblich. Selbst ein Touristenvisum verweigerte ihm die US-Regierung. Schließlich nahm ihn Mexiko auf. Dort starb er 1987 im Alter von 55 Jahren an Krebs.

Dieser Beitrag lief am 03. Juli 2013 um 12:38 Uhr auf NDR Info.

Stand: 03.07.2013 09:50 Uhr

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