Edward Snowden

Neue Details des Ex-NSA-Mitarbeiters So lief die Flucht von Edward Snowden

Stand: 09.01.2015 19:09 Uhr

Sein Weg führte ihn von Hawaii über Hongkong ins Moskauer Exil: Recherchen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" fördern neue Details der Flucht des Ex-NSA-Mitarbeiters Snowden zutage. Und sie zeigen, wie sich die Supermacht USA blamierte. Allein drei Mal traf sich das NDR-Team um John Goetz mit dem Whistleblower in Russland. Die Dokumentation "Jagd auf Snowden" erzählt die wahre Fluchtgeschichte.

Von John Goetz und Jochen Lambernd, NDR

Ein Zauberwürfel dient als Erkennnungsmerkmal, als die Journalisten Laura Poitras, Glenn Greenwald und Ewen MacAskill im Juni 2013 im Hotel "The Mira" im Hongkonger Stadtteil Kowloon erstmals auf Edward Snowden treffen. Dort hat der ehemalige NSA-Mitarbeiter unter seinem richtigen Namen eingecheckt. Er hat den Journalisten zuvor brisantes Material der NSA als Muster geschickt. Jetzt hat er Datenträger mit Hunderttausenden Geheimdokumenten im Rucksack.

Weder Spinner noch Hochstapler

Ex-NSA-Chef Michael Hayden
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"Snowden enthüllte alles", sagt Ex-NSA-Chef Hayden.

Ist das ein Spinner oder ein Hochstapler?, fragen sich die Journalisten. Der junge Mann führt die Journalisten in sein Zimmer - und erzählt. Die Daten wechseln den Besitzer, die ersten Geschichten im "Guardian" erscheinen. Die Welt erfährt vom Spitzelprogrammen der NSA. Verantwortlich dafür ist unter anderem Ex-NSA-Chef Michael Hayden. Er hat die NSA geprägt, von George W. Bush berufen - mit einer Mission: dem Kampf gegen den Terror.

Schnell ist für die US-Behörden klar, wer dahinterstecken könnte. Der damals 29 Jahre alte Snowden geht selbst an die Öffentlichkeit und bekennt sich in einem Video zu seiner Tat. "Snowden enthüllte nicht einzelne Informationen, er enthüllte alles. Wie wir Information sammeln, verarbeiten und verteilen. Deshalb werden die Folgen für amerikanische Geheimdienstarbeit auf lange Zeit hinaus furchtbar schädlich sein", sagt Hayden rückblickend.

Assange schickt Helferin nach Hongkong

Nun geht der Run auf Snowden los. Robert Tibbo, einer seiner Anwälte in Hongkong, rät Snowden, sofort das Hotel zu verlassen. "Andere Medien konnten jeden Moment auftauchen; er musste alles stehen und liegen lassen."

Staunend verfolgt Julian Assange in seinem Asyl in der ecuadorianischen Botschaft in London Snowdens öffentliches Bekenntnis. Der Gründer von Wikileaks, der seit Jahren die US-Regierung mit immer neuen Datenlecks in Schwierigkeiten bringt, schickt die Wikileaks-Journalistin Sarah Harrison für die "Operation Asyl" nach Hongkong, um ihn von dort wegzubringen. Aber: "Edward sträubte sich, Hongkong zu verlassen, obwohl es keinen Ausweg mehr gab. Er wollte noch andere Optionen ausloten. Das machte uns wahnsinnig", erläutert Assange.

Peinliche Fehler der US-Behörden

In den USA wird Anklage gegen Snowden erhoben. Die US-Behörden wollen ihn haben, die größte nachrichtendienstliche Fahndung der Welt läuft. Wikileaks-Helfer in Hongkong finden heraus, dass die Grenze für Snowden noch offen ist. Ärgerlich für die USA: Der Festnahmeantrag enthält einen kleinen, aber entscheidenden Fehler. Die Amerikaner haben die Festnahme von Edward JAMES Snowden verlangt. Er heißt aber Edward JOSEPH Snowden. Und diesen Pass haben die Amerikaner noch nicht für ungültig erklären lassen.

Sarah Harrison
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Sarah Harrison begleitete Snowden auf seiner Flucht.

Nun bemüht sich Assange, die Geheimdienste in die Irre zu führen. Wikileaks ordert für Snowden ein Dutzend Tickets ab Hongkong. Dennoch: Das Risiko am Flughafen bleibt. Harrisons Pass ist in Ordnung, aber bei Snowden dauert die Kontrolle. Er muss warten, kommt letztlich aber doch durch – dank des falschen zweiten Vornamens.

Im Flugzeug sagt Snowden zu Harrison: "Ich habe nicht erwartet, dass Wikileaks eine Ninja schicken würde, um mich rauszuholen." Harrison findet das ziemlich lustig. Keine zwei Minuten später summt eine Fliege an ihr vorbei, und sie fängt sie einfach so aus der Luft. "Du bist wirklich eine Ninja", ruft Snowden. Harrison erklärt ihm dann, sie habe sich lange Zeit mit dem Fall Chelsea (Bradley) Manning beschäftigt. Für sie selbst sei es wichtig, dass ihm nicht das gleiche widerfahre. Die Ex-US-Armeeangehörige Manning wurde 2013 wegen Geheimnisverrats zu 35 Jahren Haft verurteilt - wegen ihrer Zusammenarbeit mit Wikileaks.

Weiterflug nicht möglich

Nach der Landung in Moskau wollen die beiden gleich für den Weiterflug nach Havanna einchecken. Doch die US-Regierung hat Snowdens Pass inzwischen annulliert. Die Maschine nach Kuba fliegt ohne ihn ab.

Der russische Geheimdienst FSB kann sich eine Kooperation mit dem Whistleblower vorstellen: Unterlagen gegen Asyl. Aber Snowden will nicht. Russlands Präsident Wladimir Putin lässt ihn zunächst nicht ins Land. Snowden und Harrison bleiben im Transitbereich des Terminals F. Für die Enthüllungen hat Snowden seine Existenz aufs Spiel gesetzt. Doch alle 21 Staaten, die er anschreibt, lehnen sein Asylgesuch ab oder reagieren nicht.

Bolivianische Präsidenten-Maschine durchsucht

Julian Assange
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Wikileaks-Gründer Assange war ein wichtiger Fluchthelfer für Snowden.

Ein Hoffnungsschimmer für Snowden: Der bolivianische Präsident Evo Morales nimmt an einem internationalen Gipfel in Moskau teil. Kurz vor seiner Abreise lässt er keinen Zweifel daran, dass er bereit ist, Snowden Asyl zu gewähren. "Nach dieser Aussage von Morales hatte meine Regierung den starken Verdacht, dass die Möglichkeit bestand, Morales könnte Snowden einfach mitnehmen" , sagt Hayden. Assange nährt diesen Verdacht. Er legt "falsche Fährten", wie er zugibt. Über - anders als sonst - offene Telefonverbindungen besprechen Leute von Wikileaks, wie sich Snowden nach Bolivien absetzen könnte. Die Falle ist ausgelegt. Denn der Jet von Morales hebt ohne Snowden ab. Da mehrere EU-Staaten den Überflug verbieten, muss die Maschine in Österreich zwischenlanden. Dort wird das Flugzeug nach einem "Flüchtling" durchsucht - erfolglos.

Triumph für Assange

Was für eine Blamage für die US-Dienste. Schließlich genießt ein Präsidentenjet einen besonderen diplomatischen Status. Er ist eine Art fliegendes Hoheitsgebiet. "Ich wusste nicht, dass dieses Ablenkungsmanöver einen so spektakulären Ausgang nehmen würde", erzählt Assange. Das muss auch Michael Hayden zugeben: Der abgefangene Morales-Flug habe den Russen einen Grund gegeben, Snowden Asyl zu gewähren. Nach zwei Monaten im Terminal F verlassen Snowden und Harrison am 1. August 2013 den Flughafen. Er darf bleiben.

"Jagd auf Snowden" ist eine internationale Koproduktion von NDR, WDR und Danmarks Radio. Die Dokumentation läuft am Montag, 12. Januar 2015 um 22.45 Uhr im Ersten.

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