Snowden | Bildquelle: REUTERS

Film über Snowden und den NSA-Skandal Mit "Citizenfour" fing alles an

Stand: 11.10.2014 06:12 Uhr

Vor mehr als einem Jahr kam der NSA-Skandal ans Licht. In dem Film "Citizenfour" präsentieren die Journalisten, an die sich Edward Snowden damals wandte, einen persönlichen Blick auf den Whistleblower und deuten einen Nachfolger an.

Von Kai Clement, ARD-Hörfunkstudio New York

Der Film ist eine knapp zweistündige Reise in eine Vergangenheit, in der der Name Edward Snowden noch unbekannt war. Eine Vergangenheit, in der XKeyscore, PRISM und Tempora als geheimdienstliche Überwachungsprogramme noch so gut wie unbekannt waren. Es ist eine Vergangenheit, die nur etwas mehr als ein Jahr zurück liegt.

Im Juni 2013 trafen die Filmemacherin Laura Poitras und der Zeitungsjournalist Glenn Greenwald den Enthüller Snowden in einem Hotel in Hongkong. Heute kennt jeder das Gesicht des erstaunlich jungen Mannes: Dreitagebart, Brille, gegeltes Haar. Vorausgegangen waren verschlüsselte Mails von einem damals noch Unbekannten. Er nannte sich "Citizenfour" und bat Poitras nur um eines: Alle seine Informationen sollten die amerikanische Öffentlichkeit erreichen. Snowden warnte Poitras, sie solle vorsichtig sein.

Nahaufnahme von Snowden im Moment der Enthüllung

Laura Poitras | Bildquelle: AP
galerie

Filmemacherin Poitras: Persönlicher Blick auf Snowden.

Heute sitzt Snowden im russischen Asyl. Seine Eltern, einer seiner Anwälte, Journalisten, die Filmemacherin sowie der ehemalige NSA-Direktor William Binney - heute einer der schärfsten Kritiker des Geheimdienstes - sie alle sind in New York, beim 52. Filmfestival der Stadt. Filmemacherin Poitras sagt: Sie wusste, dass die Enthüllungen und ihr Film darüber die mächtigsten Leute der Welt verärgern würde. Und ihr war klar: Das bedeutet Gefahr. Zumal sie wusste, dass Snowden mit den NSA-Enthüllungen sein Leben riskiert.

"Außerordentlich aufschlussreich, aber auch sehr beängstigend", sagt ein Premierenbesucher über den Film. Er bietet eine Nahaufnahme von Snowden im Moment der Enthüllung, den tagelangen Gesprächen in einem Hotelzimmer in Hongkong, die Angst um seine Familie und seine Freundin Lindsay Mills. Sie lebt, wie der Film überraschend zeigt, inzwischen offenbar zusammen mit ihm in Moskau.

Ein neuer Snowden?

Der nach dem E-Mail Absender "Citizenfour" benannte Film gibt die erste Einsicht überhaupt, wer Snowden als Mensch ist, sagt Journalist Greenwald. Nicht nur das. Es ist eine Dokumentation mit Thriller-Charakter. Ganz besonders in den letzten fünf Minuten des Films: Wieder sitzen Greenwald und Snowden zusammen. Aber diesmal ist der Informant der Zuhörer, besser gesagt: Leser.

Denn Greenwald schreibt ihm Notizzettel, da sie vermuten, abgehört zu werden. Zeilen, die Snowden überrascht auflachen lassen, die Augenbrauen hochziehen und von einem "extrem mutigen“ Menschen reden lassen. Ein zweiter Enthüller wird da angedeutet. Ein zweiter Snowden. Inspiriert von diesem - und ganz sicher bedeutsam, sagt Greenwald. Es wird der Eindruck erweckt, sagt eine Premierenbesucherin, dass diese zweite Quelle sogar für Snowden unglaublich ist.

1,2 Millionen Menschen auf der "US-Watchlist"

Und noch eine Behauptung notiert Greenwald auf die schließlich in kleine Schnipsel zerrissenen Zettel: Die USA würden 1,2 Millionen Menschen dauerhaft überwachen. Sie hätten sie auf ihrer "Watchlist“, behauptet er. Und er zeichnet eine Befehlskette für Drohneneinsätze auf, die sowohl den amerikanischen Militärstützpunkt Ramstein bei Kaiserslautern als auch den US-Präsidenten als feste Bestandteile enthält.

Mit diesen neuen Überraschungen entlässt der Film die Zuschauer in die Nacht. Bei denen bleibt die Hoffnung, dass in den USA eine neue Debatte um Freiheit, Privatsphäre und Überwachung ausgelöst wird - so sagt es einer der Premierengäste. Das wäre die  angemessene Belohnung für alle Beteiligten.

Darstellung: