Extremsmog in Indien

Giftwolke über Neu-Delhi

Stand: 09.11.2017 16:36 Uhr

Die Luftqualität in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi ist ohnehin legendär schlecht. So schlimm wie im Moment aber war es wohl noch nie. Schulen bleiben geschlossen, die Regierung verhängt Fahrverbote.

Von Jürgen Webermann, ARD-Studio Neu-Delhi

Eigentlich müssten es wunderbare Tage in Neu-Delhi sein, mit blauem Himmel, Sonnenschein und 30 Grad. Es ist Touristensaison. Stattdessen liegt ein giftiger, graugelb schimmernder Smog über der Stadt. Die Giftschwaden waberten sogar durch das Terminal des internationalen Flughafens.

Eigentlich ist gerade Touristensaison. Doch die Sehenswürdigkeiten der Altstadt verschwinden hinter dem Smog-Schleier.

"Meine Augen brennen. Ich habe Husten"

Viele Menschen auf den Straßen haben sich ein Tuch auf Mund und Nase gepresst, so auch Rajesh, ein Student. "Meine Augen brennen. Ich habe Husten. Sobald ich wieder daheim bin, fühle ich mich krank", sagt Rajesh.

Es ist in den vergangenen Tagen schlimmer geworden. Die indische Hauptstadt leidet eigentlich das ganze Jahr unter schlechter Luft, selbst in der Regenzeit liegen die Werte meistens so hoch, dass sie in Europa Feinstaubalarm auslösen würden. Im Jahresmittel übertrifft Neu-Delhi die chinesische Hauptstadt Peking schon seit Jahren, und zwar deutlich.

Mit Tüchern vor dem Mund versuchen die Einwohner, sich vor dem Gift zu schützen.

Akute Gesundheitsgefahr für die Menschen

Aber in dieser Woche lagen die Feinstaubwerte zum Teil bei mehr als tausend Mikrogramm pro Kubikmeter Luft - der Richtwert der Weltgesundheitsorganisation beträgt 25 Mikrogramm. "Der Smog macht nicht nur das Atmen zu einem Problem, er verursacht Husten, Brustschmerzen, wer bereits Herzprobleme hat, ist in akuter Gefahr, und die Zahl der Patienten, die mit Atemwegsbeschwerden in die Notaufnahmen kommen, steigt deutlich", sagt Randeep Guleria, Direktor des größten staatlichen Krankenhauses in Neu-Delhi.

Dabei verursacht die Stadt selbst nur einen Teil des Extremsmogs. In den Bundesstaaten Punjab und Haryana brennen Landwirte seit Wochen Stoppelfelder ab, und der Nordwind bläst den Rauch nach Neu-Delhi. Dazu kommen die Abgase von Millionen Lastwagen und Autos sowie die unzähligen Feuer von Slumbewohnern und Obdachlosen, die Plastik verbrennen, um sich nachts warm zu halten. Und: Es herrscht Windstille.

Mit Fahrverboten versucht die Regierung, die Straßen leerer und die Luft besser zu machen.

Schulen bleiben geschlossen

Der gefährliche Mix aus Feinstaub, Schwefeldioxid oder Kohlenmonoxid hängt seit Tagen fest. Sunita Narain ist eine bekannte indische Umweltschützerin, sie beschäftigt sich seit Jahren auch mit dem Thema Smog in Delhi. "Wir haben der Regierung gesagt, dass sie Fahrverbote verhängen sollte, wenn sich die Lage nicht bessert." Genau diese Fahrverbote hat die Stadtregierung jetzt auch verhängt, von Montag an sollen an wechselnden Tagen entweder nur Autos mit gerader Endziffer auf dem Nummernschild oder ungerader Entziffer fahren dürfen. Außerdem bleiben die Schulen vorerst geschlossen.

Es herrscht eine Art Gesundheits-Notstand. Die Landwirte aber vom Abfackeln ihrer Stoppelfelder abzuhalten, das traut sich dagegen weder die indische Bundesregierung noch die einzelnen Bundesstaaten - und das, obwohl das Abbrennen eigentlich verboten ist. Auch Premierminister Modi, sonst ein wahrer Vieltwitterer, blieb beim Thema Extremsmog bislang stumm.

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Indiens Hauptstadt Delhi leidet wieder unter Extrem-Smog
Jürgen Webermann, ARD Neu-Delhi
09.11.2017 15:04 Uhr