Die selig singenden Sufis von Nizamuddin (Bildquelle: Sandra Petersmann)

Sufis von Nizamuddin Eintauchen ins pralle Leben

Stand: 26.12.2016 18:23 Uhr

Singen, Tanzen, Trance - das gehört zu, Sufismus, der spirituellen Strömung des Islam. In Indiens Hauptstadt Neu-Delhi hat ein berühmter Sufi-Heiliger einem ganzen Stadtteil seinen Namen gegeben: Nizamuddin. Dort taucht man ins pralle Leben.

Von Sandra Petersmann, ARD-Studio Neu-Delhi

Es ist schon dunkel. Der Muezzin ruft zum Abendgebet. Die Menschen ziehen ihre Schuhe aus und schieben sich dicht gedrängt durch die engen, verwinkelten Gassen von Nizamuddin. Vorbei an Verkaufsständen mit duftenden Rosenblättern, leuchtend orangefarbenen Blumengirlanden und Süßigkeiten. Alle haben nur ein Ziel. Sie wollen zum Schrein des großen Sufi-Heiligen Hazrat Nizamuddin Auliya, der den Sufismus vor rund 700 Jahren aus dem indischen Wüstenstaat Rajasthan in die heutige Hauptstadt Neu-Delhi brachte.

Die Musik zieht die Menschen an

"Wir sind vor allem wegen des Qawwali hier, wegen der ganz besonderen Sufi-Musik. Ich weiß nicht viel über den Sufismus, aber die Musik zieht dich total in ihren Bann, darauf freue ich mich sehr", erzählt Priya, die sich mit ihrer Freundin Sanya barfuß durchs Gewühl kämpft.

"Ich bin hier, um mich von der Stimmung hypnotisieren zu lassen. Von Qawwali-Musik, von der ganz besonderen Stimmung im Schrein. Ich bin keine Muslimin, ich bin Hindu. Ich möchte, dass Allah mich segnet und seine Hand über mich hält. Ansonsten weiß ich nicht sehr viel über den Sufismus", sagt Sanya.

Der Schrein von Nizamuddin in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi  (Bildquelle: Sandra Petersmann)
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Die Menschen drängen zum Schrein.

Ein paar übereifrige Helfer des Schreins drängen die nicht-muslimischen Besucher wie die beiden jungen Frauen energisch in eine Ecke, damit die muslimischen Männer mehr Platz haben für das Niederknien zum Abendgebet. Eine alte Frau bricht in Tränen aus: Ein Taschendieb hat das Gewühl genutzt, um ihr das Portmonee zu klauen. Javed, ein junger Friseur, der mit seiner Frau jeden Donnerstag zum Schrein kommt, versucht die Bestohlene zu trösten. Sie ist Hindu, er ist Muslim.

"Sufismus ist für mich der wahre, perfekte Islam. Niemand darf bestohlen oder diskriminiert werden. Aber viele sehen das heute nicht mehr und missbrauchen ihn, um Geld zu machen", erklärt Javed.

Der Schrein als Schmelztiegel

Nach dem Abendgebet setzen sich immer mehr Menschen erwartungsvoll auf den weißen Marmorboden der Grabstätte. Muslime, Hindus, Christen, Sikhs. Der Sufi-Schrein ist ein Schmelztigel der Religionen und Konfessionen. Wie das Land Indien. Wie Südasien als Ganzes.     

Die Stimmen der Sänger schwellen an. Es ist Qawwali-Zeit. Der poetische, religiöse Gesang soll dabei helfen, sich Gott zu nähern. Es geht um Liebe, Verehrung und Sehnsucht. Um Gott und den Propheten Mohammed.

Imran Nizami und seine beiden Brüder singen mit geschlossenen Augen und wiegen sich sanft vor und zurück. Ihre Musik verbindet persische und arabische mit südasiatischen Klängen - genauso wie im Sufismus muslimische mit hinduistischen Traditionen verschmolzen sind.

Gelehrte, asketisch lebende Wanderprediger zogen auf ihrer Suche nach Gott vor mehr als 1000 Jahren von der arabischen Halbinsel auch ostwärts Richtung indischen Subkontinent. Es waren diese frühen Sufi-Prediger, die dem Islam mit ihren Geschichten von Liebe und Gleichheit halfen, in Indien Fuß zu fassen. Muslimische Eroberer wie die Mogulen konnten später darauf aufbauen.        

Die selig singenden Sufis von Nizamuddin
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Die selig singenden Sufis von Nizamuddin

Auch das Singen ist Familientradition

Imran ist der jüngste der drei Nizami-Brüder. Vater, Großvater, Urgroßvater, Ur-Ur-Großvater, alle waren Qawwali-Sänger. Imran war nach eigenen Angaben sechs Jahre alt, als er lernte, Qawwali zu singen. Heute ist er 23.

"Ich kann nicht richtig mit Worten beschreiben, wie sich das anfühlt, wenn ich Qawwali singe. Es erfrischt mich, es verjüngt meine Seele. Und ich glaube, das geht nicht nur mir so. Unsere Musik sorgt für eine innere Erleichterung", erklärt Imran.

Javed, der junge Friseur, hat nach einer Stunde Qawwali-Musik leuchtende Augen. Seine tief verschleierte Frau presst ihre Stirn gegen eine Wand des Schreins. Sie schließt ihre Augen. Ob sie ihre Lippen bewegt, gibt ihr Gesichtsschleier nicht preis. Das Innerste des Schreins betritt sie nicht. Der Zugang zum Allerheiligsten, dem Sanctum mit der Grabstätte, bleibt den Frauen in vielen Sufi-Schreinen verwehrt.

Wie viele Menschen in Südasien sind auch Javed und seine Frau davon überzeugt, dass Sufi-Heilige und ihre helfenden Geister Wünsche erfüllen, wenn man ihre Grabstätten besucht. "Ja, es gibt viele Wünsche und viel zu erreichen. Auch wir bitten Gott um Hilfe und wünschen uns Dinge, aber Gott alleine entscheidet, und wir sind zufrieden."

Die selig singenden Sufis von Nizamuddin  (Bildquelle: Sandra Petersmann)
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Der Hüter des Schreins

38. Nachkomme des Sufi-Heiligen

Aus seinem kleinen Büro heraus beobachtet Syed Aziz Nizami das bunte Treiben rund um die Grabstätte. Syed Aziz Nizami ist der Hüter des Sufi-Schreins. Er ist ein direkter Nachkömmling des großen Sufi-Heiligen Hazrat Nizamuddin - die Nummer 38 einer langen familiären Linie. Der ältere Herr hockt wohlbeleibt auf einem Sitzkissen und nascht frittierte Snacks aus einer kleinen Tüte, die aus altem Zeitungspapier zusammengeleimt ist. Von der asketischen Lebensweise der frühen Sufis ist der Hüter des Schreins weit entfernt.

"Wenn du den Frieden, die Gleichheit, die Liebe und die Harmonie umarmst, bist auch du ein Sufi. Wenn du Kampf und Terror zurücklässt, kannst du ein Sufi werden. Im Sufismus wirst du Frieden finden. Wir Sufis sind das Bindeglied für alle Menschen", betont Nizami. Er reist viel durch die Welt. Er will das sanfte, wahre Gesicht des Islam verkörpern, den immer mehr Nicht-Muslime nur noch als Religion des Terrors begreifen. Der Hüter des Sufi-Schreins von Nizamuddin macht vor allem Saudi-Arabien dafür verantwortlich.

Der Islam lehnt das Töten ab

"Das sind die Wahabiten. Das sind orthodoxe Menschen. Aber der Islam lehrt nicht, andere zu töten. Der Islam sagt: Wenn du auch nur einen Menschen tötest, dann tötest du die gesamte Menschheit. Und warum töten sie? Weil sie nicht dem Sufismus folgen", schlussfolgert Nizami.  

Der Sufismus ist offener und pluralistischer als andere Strömungen des Islam. Er schließt Andersgläubige nicht kategorisch aus. Er spricht Sunniten und Schiiten an. Doch wie in den meisten Religionsgemeinschaften sind Frauen auch hier nur das zweite Geschlecht.

Für radikale Islamisten sind Sufis ungläubige Gotteslästerer und Götzenanbeter. In Pakistan, Afghanistan und Bangladesch ist der Sufismus längst ins Visier des Terrors  geraten, der von sich behauptet, im Namen des wahren Islam zu töten. In Indien wirkt der Sufismus bis heute als Bindeglied zwischen den Religionen, doch radikale Tendenzen nehmen auch hier zu. Im Islam und im Hinduismus.

Die seligen Sufis von Nizamuddin
S. Petersmann, WDR
26.12.2016 16:33 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 26. Dezember 2016 um 13:30 Uhr.

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