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29.05.2012

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Ausland
China: Tabuthema Sexualität
Tabuthema Sexualität in China

"Wir haben Dich auf der Straße aufgelesen"

Wenn Chinas Jugendliche etwas über Sexualität erfahren wollen, müssen sie ins Internet schauen. Sex ist in China traditionell mit Schmutz behaftet und folglich steht Aufklärung in der Schule nicht im Lehrplan. Nur langsam beginnt unter den Eltern ein Umdenken.

Von Markus Rimmele, ARD-Hörfunkstudio Schanghai

Xin Yuan ist eine für China ungewöhnliche Frau. Die 38-Jährige sitzt bei einer Tasse Kaffee, redet dabei locker und entspannt über Sexualität und Aufklärung. Ähnlich tut sie dies, versichert sie, auch mit ihrem elfjährigen Sohn.

Mutter und Kind in einem Wasserspiel in Peking (Foto: dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Beim Thema Sexualität hört der Spaß auf: Mutter und Kind in Peking ]
Damit unterscheidet sich die Schanghaierin von der großen Mehrzahl ihrer Landsleute. "Chinesische Eltern schämen sich in der Regel, mit ihren Kindern über Sex zu reden", weiß sie. "Sie können auch nicht offen über die körperliche Entwicklung ihrer Kinder sprechen."

Als ihr Sohn sechs war, erzählt Xin Yuan, zeigte er eines Tages auf einen Kondomautomat und fragte, was das sei. Sie wich aus, er bohrte immer weiter, die Situation wurde peinlich. Später zu Hause dachte sie nach und war unzufrieden über ihr Unvermögen, dem Jungen Antworten auf seine Fragen zu geben.

Die Nachfrage wächst

Das war der Beginn. Das Thema Aufklärung hat sie nicht mehr losgelassen. Heute gibt sie anderen Eltern Rat, wie sie mit ihren Kindern über Sexualität sprechen sollen. Sie selbst geht mittlerweile in die Klasse ihres Sohnes und gibt dort Sexualkundestunden. Die Nachfrage wächst. Bald kommen weitere Klassen hinzu.

Sie füllt damit eine Lücke im chinesischen Bildungssystem. "Selbst wenn es Lehrmaterial gibt, empfinden die Lehrer in den Schulen zu große Scham, um über das Thema zu sprechen. Obwohl die Regierung jetzt langsam etwas tut, können viele Lehrer wegen ihres eigenen Erziehungshintergrundes einfach nicht mit den Schülern darüber reden."

Ein sehr prüdes Land

China, um es pauschal zu sagen, ist ein sehr prüdes Land. Nacktheit darf es nur im allerprivatesten Bereich geben, wenn überhaupt. Das Thema Sexualität findet im öffentlichen Diskurs nicht statt und ist auch in privaten Unterhaltungen meist ein Tabu.

Schüler in traditionellen Kleidern in einer Schule in der chinesischen Provinz Jiangsu (Foto: dapd) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Sie werden beim Thema Sex alleine gelassen: Schüler in der Provinz Jiangsu ]
Das spiegelt sich auch in der Kindererziehung wider. "Viele Eltern halten die Intelligenz ihres Kindes für das Wichtigste. Entsprechend mangelhaft ist das chinesische Bildungssystem. Den Eltern geht es nur um die schulische Leistung. Alles andere, etwa die körperliche oder psychische Gesundheit werden einfach ignoriert."

Nicht vom Storch, sondern von der Straße

Auf die Frage, woher sie eigentlich kämen, bekommen viele chinesische Kinder klassischerweise die Antwort: Wir haben Dich auf der Straße aufgelesen. Sex, sagt die Sexualkundlerin Hu Ping, bewegt sich in der chinesischen Kultur traditionell im Bereich des Obszönen und Schmutzigen.

Kinder und Jugendliche wachsen mit diesem Tabu auf, so Hu Ping, und bleiben desinformiert. "Ich habe eine Umfrage in einer Schule durchgeführt. Mehr als 50 Prozent des Sexualwissens der Kinder stammte aus dem Internet oder anderen Publikationen. Weniger als zehn Prozent kamen aus der Schule oder von den Eltern. Das ist nicht in Ordnung. Erwachsene sollten die Kinder doch beim Aufwachsen unterstützen."

Auch die Eltern bremsen

Frisch verheiratetes chinesisches Ehepaar (Foto: dapd) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Verheiratet - und dann? Viele junge Menschen gehen unvorbereitet in die Ehe. ]
Hu Ping ist eine der ganz wenigen Wissenschaftlerinnen, die sich in China überhaupt mit dem Thema Sexualaufklärung befassen. Sie forscht in der südchinesischen Stadt Shenzhen. Hu Ping wünscht sich mehr Aufklärungsunterricht in der Schule. Doch hier sind die Widerstände groß, zum einen auf Seiten der konservativen chinesischen Bildungspolitik. Zum anderen aber auch auf Seiten der Eltern.

In einigen Pekinger Grundschulen war - ein großer Fortschritt - ein Sexualkundebuch testweise ausgegeben worden. Eltern entrüsteten sich sofort. Die grafischen Abbildungen von Geschlechtsorganen seien, so eine empörte Mutter wörtlich, "Pornografie für Kinder". Das Buch soll nun nicht weiter verbreitet werden, so die Schulbehörde.

Das Thema bleibt peinlich

Die sexuelle Unwissenheit ist selbst unter Chinas Studenten noch groß. Ein 18-jähriger Studienanfänger aus Schanghai berichtet, er habe nur auf dem Gymnasium im Biologie-Unterricht etwas Sexualkunde gehabt. "Da haben sie uns was über die männlichen und weiblichen Sexualorgane beigebracht."

14 oder 15 Jahre alt sei er damals gewesen, und er findet: "Das ist ein peinliches Thema. Normalerweise redet man ja nicht darüber. Ich würde zum Beispiel gern mal wissen, was bei Mädchen die Periode ist. Ich weiß das bis heute nicht." Seine Freunde könne er schon mal zu sexuellen Dingen befragen, so der junge Mann, doch niemals seine Eltern.

Aufklärung danach

Mann betrachtet auf einer Pekinger Messe ein Sexspielzeug (Foto: REUTERS) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Bei der wachsenden Mittelklasse wächst das Interesse an Sexspielzeug - wie hier auf einer Messe in Peking. ]
An Chinas Universitäten wird derzeit ein für alle Studenten verpflichtender Psychologie-Kurs eingeführt, in dem es unter anderem auch um Sex und Liebe gehen soll. Ein reichlich später Zeitpunkt. Denn auch in China wird Sex vor der Ehe, auch im Teenager-Alter, immer mehr die Regel, so die Wissenschaftlerin Hu Ping.

Sie habe eine Zeit lang direkt neben mehreren Liebes-Hotels in der Nähe einer Universität gewohnt. "Diese Hotels waren sehr beliebt. Junge Studentenpaare gingen da ein und aus. Ich war schockiert und fragte mich, ob deren Eltern auch nur eine Vorstellung davon hatten, was ihre Kinder an der Hochschule taten. Diese jungen Leute haben nie eine sexuelle Aufklärung erhalten. Sie wissen nichts über die Verantwortung beim Sex und wie man sich schützt. Sie waren immer so unterdrückt, und jetzt plötzlich ist da keine Kontrolle mehr."

Sex ohne Verhütung

Viele Jugendliche haben keine Ahnung von Verhütung. Die Peking-Universität hat die Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen untersucht. Die Hälfte der Befragten gab an, beim ersten Sex nicht verhütet zu haben. Und von den sexuell aktiven Mädchen waren angeblich 20 Prozent bereits ungewollt schwanger. Die allermeisten haben abgetrieben. Pro Jahr werden in China acht Millionen Abtreibungen durchgeführt, so eine andere Studie. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen.

Abtreibungen sind in der Volksrepublik legal und stoßen auf wenige moralische Skrupel. Nicht zuletzt wegen der Ein-Kind-Politik sind sie ein weit verbreitetes Mittel zur Geburtenkontrolle. Doch viele junge Frauen sind wiederum nicht über körperliche und seelische Risiken einer Abtreibung informiert.

Eltern denken um

Auch Aids und Geschlechtskrankheiten sind auf dem Vormarsch in China. All das liegt an der mangelhaften Sexualaufklärung, sagt Hu Ping. Doch immerhin, langsam verändere sich etwas im Land - die Haltung der Eltern: "Früher dachten Väter und Mütter, dass die Kinder schon alles allein herausfinden würden, wenn sie groß werden. Die Generation meiner Eltern hat nie über Sex gesprochen. Viele Eltern heute sind in den 80er-Jahren geboren. Sie kümmern sich um die seelische Gesundheit ihrer Kinder, sogar schon im Kleinkindalter. Sie sehen Sexualaufklärung als einen Teil dessen. Ich halte das für einen sehr wichtigen Fortschritt."

Die Nachfrage nach mehr Wissen über Sex scheint bei jungen Leuten jedenfalls vorhanden zu sein. Auch bei den Studienanfängern: "Ich hätte gern ein paar Stunden Sexualkunde-Unterricht, einfach damit ich nichts falsch mache. Sie wissen schon, was ich meine…"

Stand: 03.10.2011 03:32 Uhr
 

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